
ALCÀNTARA – Tamam Shud
2025/2026 (Oskar Records/Just For Kicks Music) - Stil: Experimental / Progressive Rock
Fast sechs Jahre nach ihrem Debüt ´Solitaire´ kehren ALCÀNTARA mit einem Album zurück, das den Weg der Sizilianer konsequent weiterführt. Die Musiker aus Catania greifen weiterhin tief in die Klangwelt von PINK FLOYD, italienischem Prog und psychedelischem Rock hinein, setzen die Akzente auf ´Tamam Shud´ jedoch vielschichtiger und cineastischer. Der Titel stammt aus dem Persischen und bedeutet „es ist beendet“. Bekannt wurde die Formulierung durch den bis heute rätselhaften Fall des sogenannten Somerton-Mannes aus Australien, bei dem ein Zettel mit den Worten „Tamam Shud“ in der Kleidung eines Toten gefunden wurde. Genau diese Mischung aus Abschied, Geheimnis und Melancholie durchzieht das gesamte Album.
Die lange Pause seit ´Solitaire´ nutzten Francesco Venti, Sergio Manfredi Sallicano, Salvo Di Mauro, Vittorio Distefano, Delio Santi und Rosario Figura für eine deutliche Erweiterung ihres Sounds. Drei Gitarristen arbeiten nun permanent zusammen, ohne sich mit klassischen Soli gegenseitig zu überbieten. Statt großer Riff-Gesten entstehen schwebende Gitarrenflächen, mal bluesig, mal psychedelisch, mal mit jener leicht staubigen Americana-Färbung, die schon auf dem Vorgänger immer wieder aufblitzte. Alessandro Caltabiano ergänzt mehrere Stücke mit Keyboards, während Caterina Coco im Finale mit ihrer Violine ein zusätzliches Element hineinbringt.
Bereits in ´TerryG´ schieben sich Gitarren und Keyboards übereinander, ehe Francesco Venti eines dieser langen, singenden Soli auspackt, die tief im Kosmos von David Gilmour verwurzelt sind. ´Il Distacco´ wirkt hingegen dunkler und schleppender. Sergio Manfredi Sallicano singt hier erstmals stärker im Italienischen, wodurch die melancholische Grundstimmung erst richtig greifbar wird. Mit ´Distant Star´ bewegen sich ALCÀNTARA stärker in Richtung Space Rock. Das Stück lebt von schimmernden Gitarren und einem fast hypnotischen Rhythmus.
Im Titelstück ´Tamam Shud´ verbinden die Sizilianer ihre Stärken am überzeugendsten. Elektronische Schwaden, ein fiktiver Funkspruch zwischen Pilot und Kommandozentrale sowie ein elegisches Gitarrensolo verleihen dem Stück eine eigentümliche Spannung. ´Sail´ erinnert mit seinem ruhigen Fluss stellenweise an spätere TALK TALK oder die melancholischen Momente von ANATHEMA. Besonders stark gerät das Finale ´Wodwo/Vertigo´. Caterina Cocos Violine verleiht dem Stück zusätzliche Schwere, ehe sich der Song in einem hymnischen Schlussabschnitt öffnet – in einer Stimmung zwischen Psychedelic Rock, italienischem Prog und dunklem Spacer-Blues.
Im direkten Vergleich zum Vorgänger ´Solitaire´ wirkt ´Tamam Shud´ reifer und emotional geschlossener. Wo das Debüt noch häufiger auf klassische Space Rock-Jams setzte, formulieren ALCÀNTARA ihre Ideen nun präziser. Freunde von atmosphärischem Progressive Rock, psychedelischen Gitarrenlandschaften und melancholischem Artrock finden hier ein Album, das sich mit jeder weiteren Runde stärker entfaltet.
(8 Punkte)



