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CROWN LANDS – Apocalypse

2026 (InsideOutMusic) - Stil: Hardrock/Progrock

Mit ´Apocalypse´ liefern CROWN LANDS ihr bislang kühnstes Werk ab, ein Progressive Rock-Album voller Science-Fiction, Größenwahn, Tragik und hymnischer Eskalation. Cody Bowles und Kevin Comeau bauen daraus keine nostalgische Retro-Show, sondern eine gewaltige Space Opera, die tief in den Geist der großen Siebziger eintaucht und dabei vollkommen eigenständig wirkt. RUSH, YES, LED ZEPPELIN oder GENESIS stehen klar im Hintergrund dieser Musik, doch ´Apocalypse´ klingt nicht wie eine bloße Verehrung alter Helden. Dafür steckt zu viel Persönlichkeit, zu viel Fantasie und zu viel Wucht in diesen Songs.

Die Vorgeschichte des Albums ist fast ebenso spannend wie die Musik selbst. Nachdem CROWN LANDS von “Universal” fallen gelassen wurden, weil ein 18-minütiges Sci-Fi-Epos angeblich keine Marktchancen habe, zog sich das Duo in sein eigenes Heimstudio zurück. Dort entstand zunächst die instrumentale ´Ritual´-Phase, die ihnen endgültig das Selbstvertrauen gab, ihre Vision kompromisslos selbst umzusetzen. Kevin Comeau erkannte während dieser Sessions, dass CROWN LANDS kein millionenteures Studio brauchten, um groß zu klingen. Der Großteil von ´Apocalypse´ entstand deshalb genau dort, wo die Band seit Jahren arbeitet, in vertrauter Umgebung, ohne Zeitdruck, ohne Vorgaben.

Für den finalen Feinschliff holten sie mit Nick Raskulinecz und David Bottrill allerdings zwei Produzenten hinzu, die tief mit dem klassischen Progressive Rock verbunden sind. Beide arbeiteten bereits eng mit RUSH zusammen, und genau dieses Verständnis für große Arrangements, analoge Wärme und komplexe Songarchitektur hört man dem Werk an.

Dabei funktioniert ´Apocalypse´ gleichzeitig als eigenständiges Werk und als zentrales Kapitel der sogenannten „Fearless Chronology“. Chronologisch spielt die Handlung hundert Jahre vor ´Fearless´. Während ´Ritual´ noch eine friedliche Welt zeigte, schildert ´Apocalypse´ den Aufstieg des Syndicates, die Zerstörung des Planeten Karagon und den moralischen Zusammenbruch seines Antagonisten Blackstar. Die Geschichte wirkt dabei wie eine Mischung aus dystopischer Fantasy, klassischer Science-Fiction und mythologischem Kriegsdrama.

Schon ´Proclamation I´ öffnet das Album wie ein gewaltiges Tor. Mellotron-Chöre, düstere Synthesizerflächen und zeremonielle Trommeln bauen Spannung auf, ehe ´Foot Soldier Of The Syndicate´ mit voller Kraft explodiert. Der Song marschiert aggressiv nach vorne, getragen von schneidenden Gitarren und einem hochgepitchten Gesang, der unüberhörbar an Geddy Lee erinnert. Cody Bowles singt hier fast am Limit seiner Stimme, während Kevin Comeau messerscharfe Riffs stapelt. Inhaltlich zeigt der Song den Moment, in dem Menschen sich freiwillig einer autoritären Macht unterwerfen. Überwachung, Manipulation und politischer Fanatismus werden hier wie eine galaktische Militärparade vertont. RUSH-Fans dürften spätestens jetzt breit grinsen.

´Through The Looking Glass´ schlägt danach eine deutlich melodischere Richtung ein. Zwölfsaitige Gitarren, hymnischer Refrain und große Hardrock-Gesten erinnern stark an frühe LED ZEPPELIN. Gleichzeitig schwenkt der Song immer wieder in vertrackte Prog-Passagen mit Mellotron und Moog-Synthesizern. Die Bridge wirkt wie ein direkter Gruß an die goldene Ära des klassischen Progressive Rock. Inhaltlich begleiten CROWN LANDS hier die Drachenreiter von Karagon auf ihrem letzten großen Flug vor der Invasion des Syndicates.

´Blackstar´ verbindet schwere RUSH-Rhythmen mit düsterer Theatralik. Kevin Comeau schichtete während der Aufnahmen so viele Gitarrenspuren übereinander, dass das Studiosystem zeitweise abstürzte. Das Resultat fährt harte Riffs, dunkle Synthesizer und einen Refrain wie eine finstere Sci-Fi-Hymne auf. Blackstar selbst erscheint dabei nicht als simpler Schurke, sondern als tragische Figur, die durch Verlust und Hass vollkommen entgleist. Hinter der Science-Fiction-Fassade steckt zudem ein Kommentar zu Kolonialisierung und kultureller Zerstörung, ein Thema, das Cody Bowles aufgrund seiner Mi’kmaq-Wurzeln besonders wichtig ist.

Nach all der Schwere bringt ´The Fall´ plötzlich Licht in das Album. Der Song besitzt einen fast tanzbaren Groove, irgendwo zwischen Prog Rock, Siebziger-Disco und späten PINK FLOYD. Die Synthesizer tragen tatsächlich leichte DAFT PUNK-Anklänge in sich, während der Refrain mit erstaunlicher Leichtigkeit nach vorne zieht. Inhaltlich erzählt der Song von zwei Liebenden, die sich im Moment des Untergangs wiederfinden, während ihr Planet zerfällt. Diese Mischung aus Melancholie und futuristischem Disco-Rock lockert das Album geschickt auf.

´The Revenants I´ bildet anschließend den emotionalen Ruhepol der Platte. Flöten, akustische Instrumente und folkige Harmonien verleihen dem Song fast etwas Zeremonielles. Cody Bowles nutzt bewusst traditionelle Holzflöten, um eine Verbindung zu den Ahnen und zur Geschichte indigener Kulturen herzustellen. Die „Revenants“, die titelgebenden Wiederkehrer, stehen symbolisch für verdrängte Erinnerungen, verlorene Kulturen und jene Stimmen, die trotz Gewalt nie völlig verschwinden.

Dann folgt die ´Apocalypse´.

Neunzehn Minuten Progressive Rock in maximaler Ausdehnung. Ein Song wie ein kompletter Film. Cody Bowles und Kevin Comeau entwickelten das Stück über Monate hinweg auf einem riesigen Whiteboard, auf dem sie alte Riffs, neue Ideen und Übergänge wie eine Landkarte anordneten. Statt klassischer Jam-Session entstand das Epos fast architektonisch geplant.

Musikalisch fährt der Titeltrack alles auf, was dieses Album so faszinierend macht: wilde Synthesizer-Soli, donnernde Schlagzeug-Attacken, hymnische Chöre, komplexe Taktwechsel, schwere Gitarrenwände und lange instrumentale Passagen, die direkt an ´The Gates Of Delirium´ von YES erinnern. Immer wieder tauchen dabei Motive auf, die an RUSH während der ´A Farewell To Kings´- oder ´Hemispheres´-Ära denken lassen.

Inhaltlich schildert der Song den Untergang Karagons und den finalen Zusammenbruch Blackstars. Drachenreiter kämpfen gegen das Syndicate, Sternenflotten rasen durch asteroidendurchzogene Schlachtfelder, ganze Welten kollabieren im Feuer eines intergalaktischen Bürgerkriegs. Blackstar erkennt, dass sein Kreuzzug alles zerstört hat, sogar seine eigene Familie. Erst in diesem Moment begreift er, dass Gewalt immer neue Gewalt hervorbringt. Der finale Abschnitt endet schließlich in völliger Eskalation, ehe die Geschichte mit der Aussicht auf Fearless’ Rückkehr offen bleibt.

Bemerkenswert ist auch, wie souverän CROWN LANDS mittlerweile als Musiker auftreten. Kevin Comeau spielt Gitarren, Bass-Synthesizer und Keyboards mit atemberaubender Präzision, während Cody Bowles gleichzeitig als Schlagzeuger, Sänger und Multiinstrumentalist glänzt. Live wurde ´Apocalypse´ deshalb sogar erstmals als Quartett aufgeführt, unterstützt von Dan Walton am Bass und Adam Inrig an den Keyboards, um die enorme Klangfülle des Albums überhaupt auf die Bühne übertragen zu können.

Mit ´Apocalypse´ erschaffen CROWN LANDS kein gewöhnliches Prog-Album. Diese Platte verbindet klassische Siebziger-Epik mit moderner Science-Fiction, politischer Allegorie und fantastischem Fantasy-Kosmos zu einem Werk voller Größenwahn, Leidenschaft und technischer Klasse. Zwischen Drachenreitern, Sternenkriegen, kolonialer Gewalt und philosophischen Fragen über Hass und Macht gelingt dem kanadischen Duo eines der ambitioniertesten Rock-Alben des Jahres 2026.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/crownlandsmusic/


Pic: Lane Dorsey
(VÖ: 15.05.2026)

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