
JAVON JACKSON – Jackson Plays Dylan
2026 (Solid Jackson Records/Palmetto Records) - Stil: Jazz
Javon Jackson kam vergleichsweise spät zu Bob Dylan. Während viele Jazzmusiker bereits in den Sechzigern mit dessen Songs aufwuchsen, entdeckte der Tenorsaxofonist die Welt des Songwriters erst in seiner Zeit bei ART BLAKEYS JAZZ MESSENGERS. Ausgerechnet Blakeys Anwalt brachte ihn damals auf Bob Dylan, später vertiefte sich dieses Interesse über den Film “The Hurricane” und Bob Dylans gleichnamigen Protestsong über Rubin Carter.
Für Javon Jackson öffnete sich damit ein Zugang zu einem Autor, der politische Wut, gesellschaftliche Beobachtung und verletzliche Liebeslieder mit ungewöhnlicher Direktheit verband. Nach intensiven Arbeiten mit der Dichterin Nikki Giovanni entstand daraus schließlich die Idee eines kompletten Dylan-Albums. Nikki Giovanni selbst sollte ursprünglich neue Texte zu diesen Interpretationen beitragen. Ihr Tod im Dezember 2024 veränderte die Ausrichtung des Projekts grundlegend. ´Jackson Plays Dylan´ wurde dadurch zugleich Hommage an Bob Dylan und stille Fortführung jener Zusammenarbeit, die Javon Jackson und Nikki Giovanni zuvor auf ´The Gospel According To Nikki Giovanni´ und ´Javon And Nikki Go To The Movies´ begonnen hatten.
Für die Aufnahmen versammelt Javon Jackson ein kleines, hervorragend eingespieltes Ensemble. Jeremy Manasia sitzt an Piano und Rhodes, Isaac Levien übernimmt den Bass, Ryan Sands spielt Schlagzeug. Dazu kommen mit Lisa Fischer und Nicole Zuraitis zwei völlig unterschiedliche Sängerinnen. Lisa Fischer besitzt jene gewaltige Bühnenpräsenz, die sie jahrzehntelang an der Seite der ROLLING STONES perfektionierte, während Nicole Zuraitis stärker aus dem modernen Jazzgesang kommt und selbst komplizierte melodische Wendungen mit natürlicher Leichtigkeit phrasiert.
Schon das eröffnende ´One For Bob Dylan´ zeigt, wie klug Jackson dieses Material angeht. Die Eigenkomposition beginnt mit lockerem Groove und bluesigen Akkorden, bevor die Musik fast unmerklich in ´Blowin’ In The Wind´ übergeht. Statt Folk-Nostalgie entsteht hier ein urbaner Jazz-Sound mit Piano-Akzenten und einem Tenorsaxofon, das die Melodie nur streift, um sie anschließend auseinanderzunehmen.
´The Times They Are A-Changin’´ verliert den Charakter der klassischen Protesthymne und wirkt hier wie eine ernüchterte Bestandsaufnahme. Die Spannung baut sich dabei langsam auf, bis das Stück eine beinahe hymnische Schwere erreicht. Jackson nutzt ´Hurricane´ als Plattform für energisches, teilweise fast Coltrane-artiges Spiel. Die Wut des Originals bleibt erhalten, bekommt aber eine deutlich jazzigere Herangehensweise.
´Gotta Serve Somebody´ gehört zu den stärksten Momenten des Albums. Lisa Fischer verwandelt das Stück in eine schwere Gospel-Nummer. Ganz anders funktioniert ´Lay, Lady, Lay´. Jeremy Manasias Rhodes-Sounds verleihen dem Song eine leicht verrauchte Clubatmosphäre, irgendwo zwischen Soul-Jazz und spätem “Blue Note”-Sound der frühen Siebziger. Diese Version wirkt langsamer, schwerer und sinnlicher als das Original.
Nicole Zuraitis übernimmt bei ´Forever Young´ die Hauptrolle und macht daraus eine elegante Jazzballade mit sanfter Melancholie. Besonders spannend geraten die Umdeutungen von ´Tombstone Blues´ und ´Like A Rolling Stone´. ´Tombstone Blues´ verwandelt sich in ein schnelles modales Jazzstück mit langen Improvisationen und deutlich hörbarem John Coltrane-Einfluss.
´Like A Rolling Stone´ bekommt dagegen einen rollenden Gospel-Groove, der dem Song eine andere Dynamik verleiht. ´Mr. Tambourine Man´ überrascht mit federndem Swing. Jackson phrasiert die berühmte Melodie mit sichtbarer Freude aus. Die Folk-Vorlage verschwindet dabei fast vollständig hinter einer lebendigen Jazzband. Zum Abschluss spielt Jackson die Ballade ´Make You Feel My Love´ mit ruhigem, warmem Ton. Nach den energischeren Stücken zuvor wirkt dieses Finale wie ein leiser Ausklang spät nachts nach einem langen Clubset.
Spannend an ´Jackson Plays Dylan´ ist vor allem, wie selbstverständlich Javon Jackson diese Songs aus ihrem ursprünglichen Kontext löst. Viele Dylan-Adaptionen bleiben zu respektvoll gegenüber den Originalen. Jackson behandelt dieses Material dagegen wie echtes Jazz-Repertoire. Die Stücke werden teilweise komplett neu zusammengesetzt.
Hinzu kommt Javon Jacksons eigene Biografie. Der Tenorsaxofonist stammt aus Missouri, ging ans “Berklee College Of Music”, verließ die Hochschule jedoch früh für ART BLAKEYS JAZZ MESSENGERS. Danach arbeitete er mit Elvin Jones, Betty Carter, Freddie Hubbard und später für “Blue Note Records”. Diese Erfahrung hört man dem Album an. Javon Jackson besitzt die Übersicht eines Musikers, der sowohl klassischen Hard Bop als auch Soul-Jazz, Gospel und moderne Post-Coltrane-Sprache vollständig verinnerlicht hat.
´Jackson Plays Dylan´ funktioniert weit über ein gewöhnliches Tribute-Album hinaus. Javon Jackson nähert sich Bob Dylan aus der Perspektive eines Jazzmusikers, der politische Songs, Liebeslieder und amerikanische Songtradition gleichermaßen ernst nimmt und daraus ein überraschend geschlossenes Album formt. Dylan-Fans entdecken vertraute Stücke neu, Jazzhörer bekommen ein modernes Quartett auf hohem Niveau, und genau diese Verbindung macht diese Veröffentlichung so fantastisch.
(8,5 Punkte)
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