
Johanne Kippersund: Der Prozess entwickelt sich ganz natürlich schneller, wenn Ideen nur zwischen zwei Menschen statt zwischen sieben hin- und hergehen. Bei PAPER CROWN arbeiten wir viel gemeinsam in Ørnulvs Studio, aber auch jeder für sich. Wir bringen Ideen mit und treffen uns dann, um sie gemeinsam „weiterzukochen“. Der Weg von einer ersten Idee bis zum eigentlichen Aufnahmeprozess ist ziemlich kurz. Gleichzeitig denken wir früh über das gesamte Arrangement nach, aber im Kern zählt immer, ob ein Song auch in seiner reduziertesten Form funktioniert, oft nur mit Akustikgitarre, wie an einem imaginären Lagerfeuer.
MEER verbindet orchestrale Pop-Elemente mit Progressive-Rock-Strukturen. Inwiefern beeinflusst diese Erfahrung deine Arbeit an ´Letters´?
Natürlich färbt alles, was man musikalisch macht, auch die eigene Arbeitsweise. Aber bei PAPER CROWN fühlt sich die Inspiration unmittelbarer an und stärker in dem verwurzelt, was wir gerade erzählen wollen. Es wirkt wie ein eigenes Universum, das wir zu zweit erschaffen. Vielleicht hört man, dass wir mit Progressive Rock aufgewachsen sind, aber wir bringen das nicht bewusst ein. Es passiert eher intuitiv.
Ørnulv, du warst neben PAPER CROWN auch bei A FEW GOOD MEN und POD aktiv. Welche Erfahrungen aus diesen Projekten fließen in die Arrangements und Songwriting-Entscheidungen bei ´Letters´ ein?
Ørnulv Snortheim: Bevor PAPER CROWN entstand, habe ich hauptsächlich als Session-Gitarrist gearbeitet. Meine Aufgabe bestand darin, andere Projekte zu unterstützen. Hier machen wir alles selbst, wir komponieren gemeinsam und bestimmen sämtliche künstlerischen Parameter. Das bringt mehr Freiheit mit sich, aber auch mehr Verantwortung.
Als „Hired Gun“ habe ich viel darüber gelernt, kreative Gitarrenarrangements zu entwickeln und meinen Platz innerhalb eines Songs zu finden. Das fließt definitiv in meine eigene Musik ein.
Wie hat sich euer Sound seit der Gründung 2020 entwickelt, und was war für euch beim Schreiben von ´Letters´ entscheidend?
Wir sind mit der Zeit mutiger geworden. Es war wichtig, uns wirklich kennenzulernen und herauszufinden, was sich tatsächlich nach „unserem“ Sound anfühlt. Inzwischen erlauben wir dieser Identität viel mehr Präsenz. Gesang und Gitarre stehen heute klar im Mittelpunkt.
Bei ´Letters´ haben wir uns außerdem stärker von der Musik inspirieren lassen, mit der wir aufgewachsen sind. Vielleicht am wichtigsten: Wir hatten im Studio noch mehr Spaß als zuvor.
Für ´Letters´ habt ihr lange am Sound gefeilt. Welche Rolle spielt die Aufnahme im “Dakkota Studio” in Hamar für die Atmosphäre und den Charakter des Albums?
Ørnulv Snortheim: Das Herzstück des “Dakkota Studio” ist ein analoges Studer-980-Mischpult, dazu kommen Vintage-Mikrofone und Preamps, die wir intensiv genutzt haben, besonders bei Live-Aufnahmen, bei denen der natürliche Klang des Raumes stark zur Geltung kommt. Wir haben kaum digital editiert.
Ich habe mehrere Jahre damit verbracht, das Studio technisch und optisch aufzubauen. Das Interieur besteht aus alten Baumaterialien und besonderen Details, Böden und Wände stammen teilweise aus dem 17. Jahrhundert, dazu ein Keller voller Gitarrenverstärker. Es ist ein Arbeitsplatz, aber auch ein eigenes kleines Universum, in dem Kreativität leben kann. Diese Atmosphäre ist deutlich in die Musik eingesickert. Die Songs tragen klar die Handschrift des Ortes, an dem sie entstanden und aufgenommen wurden.
Ørnulv, welche Überlegungen leiten dich beim Arrangieren und Produzieren – wie balancierst du Vintage-Klänge und moderne Elemente?
Ørnulv Snortheim: Wir beginnen immer mit dem Songwriting, oft einfach mit einer Gitarre auf dem Schoß, und beenden die Songs, bevor wir aufnehmen. Arrangement und Produktion sollen immer die Texte und die Stimmung unterstützen, deshalb verbringen wir viel Zeit damit, verschiedene Sounds und Instrumente auszuprobieren.
Technisch arbeite ich im Studio zu etwa neunzig Prozent analog, mit Kompressoren, EQs und klassischem Gain-Staging. Das Editing geschieht digital vor dem Mix, aber auch der Mix selbst läuft analog. Dadurch entsteht eine schöne Balance zwischen Kontrolle und Charakter.

Wie seid ihr auf die Zusammenarbeit mit Børre Flyen und Aud Ingebjørg Barstad gekommen, und welchen Einfluss hatten sie auf den Sound?
Børre und Aud Ingebjørg sind enge Freunde und zwei der besten Musiker, die wir kennen. Deshalb fühlte es sich völlig natürlich an, sie einzubeziehen. Sie verstehen sehr genau, wohin wir musikalisch wollen, bringen aber gleichzeitig ihre eigene Handschrift ein. Oft wird es dadurch sogar besser, als wir es uns vorgestellt hatten. Einfach großartige Menschen.
Wenn ihr neue Songs schreibt, achtet ihr auf stilistische Konsistenz zwischen euren Projekten oder genießt ihr bewusst die Freiheit, unterschiedliche musikalische Identitäten zu entwickeln?
Wir arbeiten ziemlich frei und denken kaum in Genres. In erster Linie machen wir Musik, die wir selbst hören möchten. Wir vertrauen darauf, dass unsere musikalische Identität ohnehin einen gemeinsamen roten Faden entstehen lässt, auch wenn sich der Ausdruck verändert.
Für ´Letters´ ist die Produktion bewusst warm gehalten, erinnert an die Siebziger, trägt aber 90er-Pop-Elemente. Welche Einflüsse aus euren früheren Bands waren hierbei prägend?
Ørnulv Snortheim: Wir haben uns definitiv von Werkzeugen und Arbeitsweisen der Siebziger inspirieren lassen, von einer Art Zeppelin- und Beatles-geprägtem Aufnahmeansatz. Das ist vielleicht umständlicher, fühlt sich aber lebendiger und spannender an.
Wir haben viel klassisches Equipment verwendet, etwa einen Laney-Klipp-Verstärker von 1968, denselben Typ wie auf ´Paranoid´ von BLACK SABBATH. Für den Gesang nutzten wir ein Neumann M149 über einen Neve-1084-Preamp und einen Chandler-Kompressor, ähnlich wie man es aus den “Abbey Road Studios” kennt.
Gab es bestimmte Einflüsse aus den Siebzigern oder Neunzigern, die ihr bewusst verarbeitet habt, oder fließen diese eher intuitiv ein?
Einige 90er-Pop-Elemente schleichen sich eher intuitiv ein. Das ist selten geplant, sondern einfach Teil dessen, womit wir aufgewachsen sind.
Johanne, wie beeinflusst dein Gesang die emotionale Wirkung der Songs, und worauf achtest du bei der Interpretation der Texte?
Johanne Kippersund: Für mich ist Musik Emotion, sie beschreibt Gefühle nicht nur. Wenn ich keine emotionale Verbindung spüre, fühlt es sich nicht echt an.
Wenn ich schreibe und singe, muss es aus einem inneren Ort kommen, den ich selbst wiedererkenne. Das bedeutet nicht, dass alles autobiografisch ist, aber es muss eine Geschichte sein, an die ich glaube und die ich erzählen möchte.
Viele eurer Songs wirken sehr persönlich – wie viel von euren eigenen Erfahrungen steckt in ´Letters´?
Johanne Kippersund: Es muss sich immer echt anfühlen und aus etwas Persönlichem entstehen. Gleichzeitig entwickeln sich Geschichten oft weiter und beginnen unterwegs ein Eigenleben. Genau dort wird es meistens besonders spannend.

Gibt es einen Song auf ´Letters´, der euch besonders am Herzen liegt oder der für euch eine zentrale Botschaft transportiert?
Als Künstler werden wir natürlich von der Welt beeinflusst, die uns umgibt. Mehrere Songs auf dem Album spiegeln wider, wie wir unsere Zeit erleben, die manchmal ziemlich kalt und seltsam wirken kann.
Wir möchten Hoffnung und ein Gefühl von Zusammenhalt vermitteln. Das zeigt sich besonders in Songs wie ´The Sign´ und ´Oh The Irony´, die zwischen Apathie und Hoffnung balancieren. Im Kern steht der Wunsch, dass Menschen wieder zusammenfinden. So etwas wie „Make love, not war“. Einfach gesagt, aber schwer umzusetzen.
Welche Bedeutung hat für euch die analoge Wärme im Sound, und wie sehr denkt ihr beim Produzieren an mögliche Vinyl-Hörerlebnisse?
Ørnulv Snortheim: Dieser warme, analoge Klang war von Anfang an ein Ziel. Wir veröffentlichen alles auch auf Vinyl, deshalb hatten wir dieses Format während des gesamten Prozesses im Hinterkopf und haben ständig darüber nachgedacht, wie die Musik dort tatsächlich klingen wird.
Der gesamte Ablauf ist ziemlich „old school“, und genau das kommt auf Vinyl besonders schön zur Geltung.
Was möchtet ihr, dass Hörerinnen und Hörer nach dem Durchlauf des Albums mitnehmen – Emotion, Nachdenklichkeit, Inspiration oder etwas anderes?
Wir möchten die Menschen in unser verspieltes Universum einladen. Vielleicht entsteht dabei ein Gefühl von Nostalgie, gleichzeitig aber auch Hoffnung auf das, was vor uns liegt.
Uns gefällt die Vorstellung, dass die Hörer beinahe das Gefühl haben könnten, mit uns im Studio gewesen zu sein, durch all die kleinen Details und versteckten „Grußbotschaften“ im Klang.
Gibt es Geschichten oder Anekdoten aus der Entstehung der Songs, die bisher nicht öffentlich erzählt wurden?
Ørnulv Snortheim: Es gibt eine ziemlich lustige Geschichte von den Aufnahmen des Openers. Ich war im Studio und wollte arbeiten, wurde aber komplett von den Hühnern des Nachbarn sabotiert. Das Studio liegt in einem Garten, und an diesem Tag hatten die Hühner offenbar beschlossen, wirklich alles zu geben. Sie gackerten ununterbrochen und in voller Lautstärke.
Irgendwann ließ sich das einfach nicht mehr ignorieren. Also habe ich das einzig Vernünftige getan und ein Mikrofon nach draußen gestellt, um sie aufzunehmen.
Ja, die Hühner des Nachbarn sind tatsächlich Gastmusiker auf dem Album geworden. Wer genau hinhört, kann sie im Opener direkt nach dem zweiten Refrain entdecken. Auf ziemlich unerwartete Weise haben sie den Song sogar aufgewertet.
Wie plant ihr, die Songs live umzusetzen – wird es Unterschiede zum Studio-Arrangement geben?
Wir treten sowohl als Duo als auch mit voller Band auf und haben mehrere Touren in Planung, in Norwegen und quer durch Europa, darunter Deutschland und Italien im September. Unsere erste internationale Tour im Februar hat definitiv Lust auf mehr gemacht.
Live klingen die Songs nie exakt wie auf dem Album. Sie verändern sich von Konzert zu Konzert und entwickeln neue Formen. Improvisation und spontane Anpassungen gehören fest zu unserem Live-Ausdruck.
Wie seht ihr die Rolle von ´Letters´ im Gesamtkontext eurer bisherigen Veröffentlichungen – ist es ein Abschluss eines Kapitels oder der Start von etwas Neuem?
Jedes Album eröffnet ein neues Kapitel, und ´Letters´ fühlt sich wie ein Punkt an, an dem wir dem Kern dessen, was wir musikalisch sind, sehr nahe gekommen sind. Wir haben sowohl den Gesang als auch das Gitarrenspiel weiter vorangetrieben.
Gleichzeitig wirkt es auch wie der Beginn von etwas Neuem. Wir beschäftigen uns bereits mit der Idee, Musik auf Norwegisch zu schreiben, was uns wahrscheinlich in einen etwas anderen, vielleicht organischeren Sound führen wird. Genau in diesem spannenden Prozess befinden wir uns gerade.
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Pic 2: Volker Stephan
Pic 3: Jonas Tomter



