
THE YOUNG LIONS – The Young Lions
1961/2026 (Craft Recordings/Vee Jay Records) - Stil: Jazz
Als ´The Young Lions´ 1961 bei “Vee-Jay Records” erschien, bündelte die Platte bereits jene Ideen, die den Hard Bop wenig später verändern sollten. Die Session vom 25. April 1960 vereinte eine Gruppe junger Musiker, die schon tief im New Yorker Jazzbetrieb steckten, deren eigentlicher Stellenwert sich aber erst wenige Jahre später vollständig zeigen sollte. Wayne Shorter stand noch am Anfang seines Aufstiegs, Lee Morgan galt längst als Wunderkind der Trompete, Bobby Timmons hatte mit seinem erdigen Gospel-Swing den Sound der JAZZ MESSENGERS geprägt, und Bob Cranshaw sowie Louis Hayes gehörten zu jener neuen Rhythmusgeneration, die dem modernen Jazz frische Energie verlieh.
Dass diese Besetzung am Ende lediglich zum Gewerkschafts-Mindestlohn ins Studio ging, gehört zu den großen Ironien der Jazzgeschichte. Heute wirkt ´The Young Lions´ wie eine heimlich historische Aufnahme, damals war es für die Beteiligten einfach ein weiterer Studiotag bei “Bell Sound Studios” in Manhattan. Gerade diese Selbstverständlichkeit macht den Reiz der Platte aus. Niemandem geht es um Selbstdarstellung, sondern schlicht um pure musikalische Klasse. Die Musiker agieren miteinander, als hätten sie jahrelang gemeinsam auf der Bühne gestanden.
Der Titel verweist auf Irwin Shaws Roman “The Young Lions”, und Cannonball Adderley griff diese Vorlage in seinen berühmten Liner Notes auf, um mit erstaunlicher Schärfe gegen musikalische Mittelmäßigkeit und blinde Lagerbildung im Jazz auszuteilen. Tradition gegen Avantgarde, Bebop gegen freiere Formen – Cannonball Adderley sah Anfang der Sechzigerjahre bereits jene Fronten entstehen, die den Jazz bald spalten würden. Genau zwischen diesen Polen bewegt sich das Album. Wayne Shorter schreibt Stücke, die tief im Hard Bop verwurzelt sind, zugleich aber ständig kleine Haken schlagen und vertraute Muster elegant unterlaufen. Hier kündigt sich bereits jener Komponist an, der später bei Miles Davis den modernen Jazz entscheidend verändern sollte.

Schon ´Seeds Of Sin´ zu Beginn der A-Seite ist zwar im Hard Bop verwurzelt, fällt allerdings bereits durch unerwartete harmonische Wendungen auf. Ein markanter Shuffle-Rhythmus rollt entspannt durch den Auftakt und bietet trotzdem kleine Überraschungen. Lee Morgan setzt in seinem brillanten Trompetensolo klare und energische Akzente, während Wayne Shorter mehr Wert auf Klangbild und Klangfülle setzt. Frank Strozier schlägt in seinem Altsaxophon-Solo die Brücke zwischen dem bluesigen Fundament und moderneren Ansätzen.
Dass kein Standard-Jazz vorgestellt wird, bezeugt spätestens ´Peaches And Cream´. Wayne Shorter schreibt hier bereits mit intellektueller Erkundung und seiner Liebe für ungewöhnliche Melodieführungen, die später seine “Blue Note”-Klassiker prägen sollte. Das Stück ist auf einer interessanten Struktur errichtet. Die Musiker treffen sich nur punktuell, lösen sich wieder voneinander und verschwinden erneut in Solopassagen. Lee Morgan bringt Wärme und Glanz hinein, Wayne Shorter kontert mit dunkleren, suchenden Läufen. Gerade diese Gegensätze belegen den Übergang zum modernen Jazz.
´Fat Lady´ bringt Bobby Timmons stärker ins Geschehen. Er zieht das Stück tief in den Soul-Jazz hinein. Sein Klavier legt einen Teppich aus Blues-Akkorden und hämmert schwere Gospel-Akkorde in die Session. In diesem geerdeten Midtempo-Groove klingt Lee Morgan gänzlich entspannt und konzentriert, während Frank Stroziers leidenschaftlich klagender Ton perfekt mit dem bluesigen Grundton harmoniert. Gemeinsam tragen die Bläser das hymnische Blues-Motiv im Chor vor.
Mit dem Wechsel auf die B-Seite geht ´Scourn’´ rasanter zur Sache. Bob Cranshaw hält den Uptempo-Swing mit seinem massiven Walking Bass und Louis Hayes mit einem messerscharfen Ride-Becken-Rhythmus eisern zusammen. Darüber entwickelt Wayne Shorter eines seiner frühen großen Tenor-Soli und nutzt dabei kurze, prägnante Phrasen. Mitten darin taucht plötzlich ein ironisches Zitat von „Do You Know The Muffin Man?“ auf, fast versteckt zwischen den Phrasen. Solche Momente geben der Platte ihren trockenen Humor.
Zum Schluss beweist ´That’s Right´ von Lee Morgan, dass sie den Blues im Blut haben. Nach all den komplexeren Kompositionen laden die finalen elf Minuten zu einem entspannten, bluesigen Jam ein. Lee Morgan spielt große Teile mit Dämpfer, was seiner Trompete einen rauchigen Clubsound verleiht. Bobby Timmons übernimmt mit seinem ganzen Gospel- und Blues-Vokabular die Führung, während die Bläser im Hintergrund kurze Antworten setzen, die fast wie ein Doo-Wop-Chor wirken. Dementsprechend wirkt der Abschluss wie eine tiefenentspannte nächtliche Afterhour-Session kurz vor Sonnenaufgang.
Rückblickend erscheint ´The Young Lions´ wie der Startpunkt mehrerer Karrieren zugleich. Wayne Shorter präsentierte hier erstmals geschlossen seinen eigenen kompositorischen Kosmos, Lee Morgan zeigte erstaunliche Großzügigkeit, indem er dem älteren Kollegen praktisch die komplette Bühne überließ, und die Rhythmusgruppe spielte mit einer Lockerheit, die viele aufwendig produzierte Sessions jener Zeit alt aussehen lässt.
Dass der Begriff „Young Lions“ in den Achtzigerjahren rund um Wynton Marsalis erneut zum festen Jazz-Schlagwort wurde, wirkt fast prophetisch. Die Platte hatte den Begriff bereits zwei Jahrzehnte früher geprägt – lange bevor die Jazzpresse daraus ein Marketingetikett machte.
Besonders reizvoll ist die neue 2026er-Ausgabe der “Original Jazz Classics”-Serie von “Craft Recordings”. Kevin Gray schnitt das Album komplett analog direkt von den Originalbändern bei “Cohearent Audio”, gepresst wurde auf 180g-Vinyl bei RTI. Genau diese Kombination holt erstaunlich viel aus der Aufnahme heraus. Dazu kommt das schwere Stoughton Tip-On-Cover, das das klassische Vee-Jay-Artwork endlich wieder mit der passenden Wertigkeit präsentiert.
Mehr als sechs Jahrzehnte nach der Aufnahme klingt ´The Young Lions´ immer noch verblüffend modern. Die Platte trägt den Geist einer Szene in sich, die voller Ehrgeiz, Rivalität und kreativer Spannung steckte. Denn ´The Young Lions´ bietet hochklassigen Hard Bop, gespielt von Musikern, die bereits ahnten, dass der Jazz gerade eine neue Richtung einschlagen würde.
(Klassiker)
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