
TANKARD – Vo(l)lume 14
2010/2026 (Reaper Entertainment Europe) - Stil: Thrash Metal
Es gibt Alben, die riechen nach verschüttetem Bier, kaltem Zigarettenrauch, verschwitzten Kutten und einer Nacht, die viel zu spät endet. Genau so muffelt ´Vo(l)ume 14´ – ein Album, das TANKARD im Jahr 2010 einmal mehr als die ungekrönten Herrscher des alkoholgetränkten Thrash Metal etablierte und nun in einer liebevoll restaurierten Jubiläumsedition zurückkehrt.
Schon der Titel ist typisch Frankfurt. ´Vo(l)ume 14´. Vierzehntes Studioalbum und gleichzeitig eine augenzwinkernde Verbeugung vor dem Zustand, in dem viele TANKARD-Fans spätestens nach dem dritten Refrain landen. Wer von dieser Band Tiefenphilosophie erwartet, ist ohnehin an der falschen Theke. Wer allerdings ehrlichen Thrash, bissigen Humor und Songs sucht, die sich mit einem Bierkrug in der Hand noch besser anfühlen, wird hier königlich bedient.

Der Auftakt gehört dem über sechs Minuten langen ´Time Warp´. Für TANKARD-Verhältnisse beinahe schon ein kleines Epos. Ein geheimnisvoller Einstieg öffnet die Tür zu einer völlig verrückten Science-Fiction-Geschichte über Zeitreisen, Paradoxien und den Versuch, sein eigenes Leben geradezubiegen. Andreas „Gerre“ Geremia jagt durch Zeitschleifen, während Andy Gutjahr ein wahres Riff-Feuerwerk abbrennt. Der Song entwickelt einen gewaltigen Sog und beweist früh, dass TANKARD weit mehr können als bloße Trinkhymnen.
Kaum ist die Zeitmaschine gelandet, folgt mit ´Rules For Fools´ der nächste Volltreffer. Rasend schnell, herrlich eingängig und voller Selbstironie. Die Geschichte über Musiker, die sich vornehmen, vor Auftritten nicht mehr zu trinken, um am Ende doch wieder bei alten Gewohnheiten zu landen, könnte kaum besser zu TANKARD passen. Der Refrain setzt sich fest wie der Geschmack eines besonders gelungenen Pils.
Mit ´Fat Snatchers (The Hippo Effect)´ wird es völlig absurd. Eine geheime Organisation klaut Übergewichtigen im Koma ihre Pfunde und exportiert sie in die Dritte Welt. Solche Ideen kann man entweder für komplett verrückt halten oder für typisch TANKARD. Die Frankfurter entscheiden sich seit über vierzig Jahren erfolgreich für die zweite Variante. Musikalisch rast der Song mit punkiger Energie durch die Boxen und entwickelt genau jene chaotische Party-Stimmung, die man von der Band erwartet.
Dann ziehen dunklere Wolken auf. ´Black Plague (BP)´ gehört zu den ernstesten Momenten des Albums. Inspiriert von der Deepwater-Horizon-Katastrophe verwandeln TANKARD die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko in eine moderne „Schwarze Pest“. Die Riffs werden schwerer, die Atmosphäre bedrohlicher. Hinter der gewohnt rauen Fassade zeigt die Band hier überraschend viel Wut und gesellschaftliches Bewusstsein.
Doch lange halten sich TANKARD nie in der Finsternis auf. ´Somewhere In Nowhere´ erzählt mit herrlich trockenem Humor die Geschichte eines alkoholbedingt verpassten Fluges. Fast jeder Tourmusiker dürfte sich in dieser Mischung aus Chaos, Frustration und Selbstironie wiederfinden. Der Song verbindet klassische Old-School-Riffs mit einem Refrain, der sich sofort im Schädel festsetzt.
Einen der stärksten Thrash-Angriffe der Platte liefert ´The Agency´. Hier feuern TANKARD gegen Ratingagenturen, Finanzmärkte und die Gier großer Konzerne. Olaf Zissel treibt den Song mit gnadenloser Präzision voran, während Frank Thorwarth und Andy Gutjahr ein massives Riff-Gebäude errichten. Das Ergebnis klingt wie ein Börsencrash auf Speed.
Mit ´Brain Piercing Öf Death´ folgt eine herrlich überdrehte Liebeserklärung an den Metal-Fanatismus. Die Geschichte eines Fans, der buchstäblich ein Gehirn-Piercing vom Teufel persönlich verlangt, könnte problemlos als Zeichentrickfilm funktionieren. Der Song strotzt vor Humor, Tempo und jener sympathischen Selbstverarschung, die TANKARD seit jeher von vielen Genrekollegen unterscheidet.
Natürlich darf auf einem TANKARD-Album auch die Bierfraktion nicht leer ausgehen. ´Beck’s In The City´ verwandelt Speed-Dating in eine feuchtfröhliche Metal-Veranstaltung voller Langhaariger, Bierbäuche und durchfeierter Nächte. Der Song besitzt genau den Charme, der seit Jahrzehnten jede TANKARD-Platte durchzieht: albern, überzeichnet und trotzdem verdammt unterhaltsam.
Mit ´Condemnation´ richtet die Band ihren Blick auf Sensationsjournalismus, öffentliche Vorverurteilungen und die immer größer werdende Gier nach Skandalen. Musikalisch kracht der Song kompromisslos nach vorne und zeigt, wie gut TANKARD gesellschaftliche Themen in ihr Thrash-Gewand integrieren können.
Den krönenden Abschluss bildet das fast siebeneinhalb Minuten lange ´Weekend Warriors´. Eine Hymne für all jene, die sich Montag bis Freitag durch den Arbeitsalltag schleppen und am Wochenende endlich frei atmen dürfen. Der ruhige Einstieg entwickelt sich zu einem gewaltigen Thrash-Monument voller Leidenschaft, Gemeinschaftsgefühl und Metal-Stolz. Wenn die Band den Refrain in die Menge schleudert, sieht man förmlich die erhobenen Bierkrüge vor sich.

Auch rund um die Entstehungsgeschichte besitzt ´Vo(l)ume 14´ den typischen TANKARD-Wahnsinn. Die legendäre Listening-Session auf einem Frankfurter Bierbike passt perfekt zu einer Band, die niemals versucht hat, cooler zu wirken als sie ist. Während Journalisten strampelten und Bier tranken, lief das Album aus den Lautsprechern. Mehr TANKARD geht kaum.
Für die Neuauflage erhielt das Album zudem endlich die optische Aufwertung, die viele Fans sich seit Jahren gewünscht hatten. Das ursprüngliche Alien-Bar-Cover spaltete die Fangemeinde. Kai Brockschmidt verpasst der 2026er Edition nun ein deutlich stärkeres Artwork, das die Atmosphäre des Albums wesentlich besser einfängt.
Auch klanglich präsentiert sich die Wiederveröffentlichung in Bestform. Die Produktion besitzt Druck, Transparenz und genug Wucht, um jede Wohnzimmeranlage in einen Frankfurter Metal-Stammtisch zu verwandeln.
´Vo(l)ume 14´ mag vielleicht nicht das berühmteste Album der Frankfurter sein. Es gehört jedoch zu jenen Veröffentlichungen, die eindrucksvoll zeigen, weshalb TANKARD auch nach Jahrzehnten noch funktionieren. Die Mischung aus Humor, Gesellschaftskritik, mitreißenden Refrains, klassischem Thrash Metal und einer gehörigen Portion Selbstironie besitzt bis heute ihren ganz eigenen Charme.
Andere Bands altern in Würde. TANKARD altern mit Bier. Und genau deshalb lieben wir sie.
(8 Punkte)



