
NORTH SEA ECHOES – How To Cast A Shadow
2026 (Metal Blade Records) - Stil: Atmosphärischer Progressive Rock
Wenn zwei Musiker wie Ray Alder und Jim Matheos ein gemeinsames Album veröffentlichen, schwingt automatisch die Geschichte von FATES WARNING mit. Wer nun progressives Kopfkino voller vertrackter Taktwechsel erwartet, erlebt auf ´How To Cast A Shadow´ allerdings eine andere Reise. Dieses Album lebt von Emotionen und einer melancholischen Schönheit.
Der Auftakt ´A Time Of Innocence And Purpose´ zieht den Hörer mit seinem pochenden Rhythmus tief hinein. Aus zarten Klangflächen wächst Stück für Stück eine beeindruckende Landschaft, während Ray Alders warme Stimme jede Zeile mit Leben füllt. Dennis Leeflangs echtes Schlagzeug verleiht einigen Songs sogar eine organische Kraft, die dem Debüt noch gefehlt hat.
´Enjoy The View´ entwickelt sich zu einer mitreißenden Hymne, bei der Jim Matheos einmal mehr beweist, weshalb sein Gitarrenspiel seit Jahrzehnten zu den faszinierendsten im Progressive Metal gehört. Mit ´Good Enough´ folgt eine Ballade voller verletzlicher Schönheit, die Ray Alder mit einer beeindruckenden Natürlichkeit vorträgt.
Einen deutlichen Kontrast setzt ´I’ll Leave A Light On´. Dunkle Gitarren, eine druckvolle und bedrohliche Grundstimmung verleihen dem Stück eine Intensität, die man auf dem Vorgänger kaum gehört hat. Trotzdem verliert das Duo niemals sein Gespür für große Melodien.
Auch ´All Fall Away´, ´Revenge´ und ´What Is And What Was´ zeigen eindrucksvoll, wie vielseitig NORTH SEA ECHOES inzwischen geworden sind. Elektronische Elemente verschmelzen mit klassischem Rock, bisweilen auf etwas luftige Art und Weise.
´Villains Or Saints´ erhebt sich langsam als majestätische Ballade, die sich schließlich mit voller emotionaler Wucht entfaltet. Solche Songs erinnern daran, weshalb Ray Alder seit Jahrzehnten zu den ausdrucksstärksten Stimmen des Genres gehört.
´All That Comes After´ besitzt Ohrwurmpotenzial und zeigt, dass Progressive Rock keine komplizierten Konstruktionen braucht, um zu begeistern. Der Titeltrack ´How To Cast A Shadow´ bildet schließlich den perfekten Abschluss. Über sieben Minuten lang entfaltet sich eine dichte Klanglandschaft aus Melancholie und Hoffnung.
Im Vergleich zum Debüt wirkt alles geschlossener, mutiger und lebendiger. Die stärkere Rock-Ausrichtung verleiht den Kompositionen mehr Druck, ohne den verträumten Charakter der Band zu verlieren. Gleichwohl tauchen inmitten dieser dunklen Atmosphäre auffällig viele bunte Momente auf. NORTH SEA ECHOES setzen auf Gefühl statt Geschwindigkeit, auf Tiefe statt Effekthascherei.
´How To Cast A Shadow´ ist ein Album für ruhige Stunden, für Kopfhörer, für offene Fenster in einer regnerischen Nacht. Musik, die nicht laut nach Aufmerksamkeit schreit, sondern sie sich mit Klasse verdient.
(8,5 Punkte)


