
TANKARD – Alcoholic Metal
2011/2024 (High Roller Records) - Stil: Thrash Metal
Wenn irgendwo Anfang der Achtzigerjahre fünf Frankfurter Jungs ihre Verstärker bis zum Anschlag aufdrehten, dürften die Nachbarn ziemlich schnell verstanden haben, dass hier gerade keine Schülerband für den nächsten Elternabend probte. Aus VORTEX wurde zunächst AVENGER, aus AVENGER schließlich TANKARD – und aus ein paar jugendlichen Metal-Enthusiasten entwickelte sich eine der eigenwilligsten Institutionen des deutschen Thrash Metal.
Andreas „Gerre“ Geremia, Frank Thorwarth, Axel Katzmann, Andy Boulgaropoulos und Oliver Werner hatten früh verstanden, dass man Bier und Lärm, Humor und Heavy Metal hervorragend unter einen Hut bekommt. Der Name TANKARD passte da wie der Henkel an den Bierkrug. Gerre erzählte später selbst, dass Axel Katzmann und Frank Thorwarth den Namen im englischen Wörterbuch entdeckten und ihn wegen seiner Bedeutung als Bierkrug sofort passend fanden.
Was heute nach einer bestens geölten Bier-Thrash-Maschine klingt, war 1984 allerdings noch deutlich punkiger und ungeschliffener. Das erste Lebenszeichen ´Heavy Metal Vanguard´ ist die Demo-Kassette einer Band, die ihre musikalische Landkarte erst noch zusammenkritzeln musste. NWoBHM, Speed Metal, Heavy Metal und Hardcore-Punk prallen hier aufeinander, während der spätere TANKARD-Thrash bereits an den Rändern durch die Wand drückt. Ein Jahr später ist auf ´Alcoholic Metal´ wesentlich deutlicher zu hören, wohin die Reise gehen soll. Die Riffs sitzen straffer, die Songs wirken zielstrebiger, und aus jugendlichem Metal-Überschwang wird zunehmend jener dreckige, schnörkellose Thrash, der 1986 auf dem Debüt ´Zombie Attack´ endgültig Gestalt annimmt.
“High Roller Records” hatten dieses frühe Demo-Material bereits 2011 unter dem Titel ´Alcoholic Metal´ als Compilation auf Doppel-LP zusammengefasst. Die Edition aus 2024 ist also keine neue Zusammenstellung, sondern eine erneute Auflage dieses historischen Pakets. Sie versammelt sämtliche 17 Demoaufnahmen, frisch restauriert und remastert, in einer Gesamtspielzeit von rund 64 Minuten.

Dann öffnen wir mal diese Kompilations-Kiste: ´Incredible Loudness´ macht seinem Namen alle Ehre und klingt wie der Moment, in dem ein Verstärker beschließt, die letzten Reste guten Benehmens aus dem Fenster zu werfen. Noch ist das kein ausformuliertes Thrash-Gewitter, vielmehr schiebt sich Proto-Speed Metal durch eine rohe, fast punkige Grundierung. Die Gitarren sägen, Oliver Werner prügelt die Nummer nach vorne, und Andreas „Gerre“ Geremia klingt bereits so, als hätte er seinen Stimmbändern vorher mit einem rostigen Nagel gut zugeredet.
´Devils Game´ taucht anschließend in dunklere Heavy Metal-Gefilde ein. Klassische okkulte Versatzstücke treffen auf eine Band, die noch sichtbar mit den Möglichkeiten ihrer Instrumente jongliert. Das besitzt Charme, gerade weil hier nichts konstruiert wirkt. ´Arson´ verbindet sodann Speed Metal mit jener ruppigen Punk-Attitüde, die dem ersten Demo sein eigenes Gesicht gibt. ´Mercenary´ setzt noch eine Schippe drauf und präsentiert bereits wesentlich deutlicher die spätere TANKARD-Handschrift: schnelle Gitarrenarbeit, treibendes Schlagzeug und ein Gerre, der sich durch die Nummer fräst, als müsse er irgendwo dringend einen Bierstand erreichen.
´Heavy Metal´ liefert eine ausgesprochen charmante Liebeserklärung an die eigene musikalische Welt. TANKARD versuchen nicht, die Metal-Geschichte neu zu schreiben; sie feiern sie einfach. ´Death By Whips´ bringt danach wieder mehr Geschwindigkeit ins Spiel, flirtet textlich mit Fetisch- und SM-Motiven und klingt musikalisch deutlich bissiger. ´Rundown Quarter´ marschiert mit Punk-Schlagseite durch heruntergekommene Straßenecken, während ´Alcohol´ schließlich in knapp zweieinhalb Minuten das Programm auf den Punkt bringt: hoher Pegel, Alkohol als lyrischer Dauerbrenner und eine Energie, die eher aus dem Proberaum als aus einem Hochglanzstudio zu stammen scheint.
Bis hierhin ist ´Heavy Metal Vanguard´ ein herrlich ungehobeltes Zeitdokument. Die 1984er Aufnahme lebt von ihren Ecken und Kanten. Wer hier bereits die voll ausgebildete deutsche Thrash Metal-Maschine erwartet, bestellt beim falschen Wirt. TANKARD sind noch auf der Suche.
Dann folgt das zweite Vinyl und zweite Demo. ´Rippers Delight (Intro)´ wirft für einen kurzen Moment einen völlig anderen Schatten über den Bierdeckel. Doch 53 Sekunden später steht mit ´Zombie Attack´ plötzlich jene Band vor der Tür, die man später mit deutschem Thrash Metal verbinden wird. Der Song ist schneller, härter, kompakter und besitzt diesen unwiderstehlichen TANKARD-Sog, der zwischen Horrorbild, bissigem Riffing und gröliger Direktheit keinen Platz für akademische Betrachtungen lässt. Das Zombie-Thema ist dabei wie geschaffen für die frühe Bandästhetik.
´Deadly Intention´ schiebt sich durch seine mörderische Grundstimmung, während ´Poison´ den klassischen Old-School-Thrash mit einer giftigen Portion Misstrauen und Verrat würzt. Die Gitarren wirken bereits deutlich härter als auf dem Vorgängerdemo. Und dann steht plötzlich wieder ´Mercenary´ im Raum – diesmal in der späteren, strafferen Fassung. Die zweite Version macht hörbar, wie schnell TANKARD innerhalb eines einzigen Jahres an Präzision und Selbstbewusstsein gewonnen haben. Das ursprüngliche 1985er Demo ´Alcoholic Metal´ selbst beinhaltet ´Mercenary´ allerdings nicht; die zweite Fassung wurde für die spätere Compilation an dieser Stelle hinzugefügt.
´Alien´ bringt schließlich jenes Motiv ins Spiel, das später zum unverwechselbaren TANKARD-Maskottchen werden sollte. Musikalisch bleibt die Nummer im Speed Metal-Fahrwasser, während die Figur des Außerirdischen bereits jene Mischung aus Humor und Bieraffinität verkörpert, mit der TANKARD später ihre ganz eigene Welt bevölkern.
Mit ´Thunder And Lightning´ wird es hernach fast schon episch, zumindest nach TANKARD-Maßstäben. Die Nummer bleibt aber jederzeit ruppig genug, um nicht plötzlich im falschen Schrank nach einem Samtjackett zu suchen. ´Acid Death´ zeigt anschließend wieder dunkleren Thrash, samt aggressiven Gitarren und einem Thema, das mit Umweltzerstörung und saurem Regen eine ernstere Färbung bekommt. Hier zeigt sich bereits, dass TANKARD durchaus mehr konnten, als Bierflaschen gegen die Wand zu werfen und darüber zu grölen.
´Screaming Victims´ beendet das Paket schließlich mit einer herrlich chaotischen Thrash-Attacke. Die Nummer besitzt jene Intensität, die frühen TANKARD-Aufnahmen ihren Reiz verleiht. Hier wird nicht poliert, hier wird geprügelt. Und wenn die letzte Note verklungen ist, steht die Frage im Raum, wie aus diesem wilden Demo-Kellergebräu innerhalb weniger Monate eine Band werden konnte, die ihren eigenen Platz in der Geschichte des deutschen Thrash Metal beanspruchen sollte.

Die Antwort liegt in der Entwicklung, die ´Alcoholic Metal´ hörbar dokumentiert. ´Heavy Metal Vanguard´ klingt noch nach einer Band, die Punk, Heavy Metal und Speed Metal in einen viel zu kleinen Proberaum sperrt und anschließend die Tür abschließt. ´Alcoholic Metal´ wirkt bereits wie die nächste Evolutionsstufe, ist härter, strukturierter, thrashiger. Die Gitarren arbeiten zielbewusster und Gerres Gesang besitzt zunehmend jene unverwechselbare Mischung aus Aggression, Humor und bewusstem Anti-Pathos, die TANKARD später zum festen Bestandteil ihrer Identität machen sollten.
Dass daraus schließlich ´Zombie Attack´ entstehen konnte, überrascht rückblickend kaum. Sechs der später auf dem Debüt enthaltenen Stücke waren bereits auf den beiden Demos vertreten, darunter ´Zombie Attack´, ´Acid Death´, ´Mercenary´, ´Alcohol´, ´Poison´ und ´Screamin’ Victims´. Das Demo-Material war somit keine Sackgasse, sondern die Rohmasse für den ersten großen Schritt.
Klanglich bleibt ´Alcoholic Metal´ selbstverständlich ein Kind seiner Herkunft. Hier stehen keine Hochglanzproduktionen aus dem sterilen Labor eines modernen Metal-Studios auf dem Tisch. Das Material stammt von Original-Kassetten, wurde restauriert und von Patrick W. Engel im Temple of Disharmony im Oktober 2023 gemastert. Die rauen Kanten bleiben dabei Teil des historischen Charakters dieser Aufnahmen.
Die 2024er Doppel-LP erschien bei “High Roller Records” als Gatefold mit 16-seitigem A4-Booklet und wurde auf 250 Exemplare schwarzes Vinyl sowie 250 Exemplare „Beer with White Splatter“ limitiert. Gerade bei einem historischen Demo-Paket wie diesem ist das eine passende Aufmachung: Sammlerfutter, ohne dass die eigentliche Attraktion vergessen wird – diese 17 frühen TANKARD-Schnappschüsse aus einer Zeit, als Thrash Metal noch nach Proberaum, Bierkeller und übersteuerter Kassette schmecken durfte.
Und was bleibt nach 64 Minuten? Ein ausgesprochen lebendiges Stück deutscher Metal-Frühgeschichte. ´Heavy Metal Vanguard´ zeigt die Band noch mit Punk im Rücken und Schmirgelpapier auf den Gitarren, ´Alcoholic Metal´ lässt bereits jene Thrash-Maschine aufheulen, die TANKARD wenig später auf ´Zombie Attack´ endgültig zünden sollten. Dazwischen liegen dreckige Riffs, schwarzer Humor, Zombies, Aliens, Säureregen, Krieg, Alkohol und jede Menge jugendlicher Übermut.
Das Schöne an dieser Compilation ist deshalb ihre Unvollkommenheit. Man hört keine fertig lackierte Legende, sondern fünf junge Musiker, die sich ihre eigene Sprache erst zusammenprügeln. Aus heutigen Ohren mögen manche Ecken roh, manche Übergänge ruppig und manche Ideen herrlich größenwahnsinnig erscheinen. Aber gerade darin steckt der Reiz. TANKARD wollten damals keine Kunsthochschule des Thrash Metal eröffnen. Sie wollten laut sein, schnell sein, Spaß haben und ihren eigenen Krach machen. Und irgendwann wurde aus diesem Krach Geschichte.
Wer wissen möchte, wie TANKARD klangen, bevor der Name zur Frankfurter Thrash-Institution wurde, bekommt hier die Antwort direkt vom Plattenteller. ´Alcoholic Metal´ ist Archivmaterial mit Schaumkrone, ein früher Blick in den Proberaum einer Band, die bis heute weiß, dass Metal manchmal verdammt ernst sein darf – und manchmal einfach ein Bier braucht. Prost, TANKARD!



