MeilensteineVergessene Juwelen

JACOBS DREAM – The Demo Years

1996/2013 (No Remorse Records) - Stil: US Metal

Manchmal muss man die Uhr um ein paar Jahrzehnte zurückdrehen, um jener ungefilterten Magie zu begegnen, die dem Heavy Metal der Neunziger im Zuge des Grunge-Booms von den Major-Labels schlichtweg abgesprochen wurde.

Während die Industrie den klassischen Stahl für tot erklärte, braute sich 1994 im beschaulichen Columbus, Ohio, ein Sturm zusammen. Gitarrist John Berry, Bassist Patrick Depappe, Gitarrist Jon Noble, Schlagzeuger Gary L. Holtzman, Keyboarder/Gitarrist Paul Whitt und ein Ausnahmesänger namens David Taylor schickten sich an, das Erbe von CRIMSON GLORY, QUEENSRŸCHE, FATES WARNING und IRON MAIDEN in die Zukunft zu tragen. Ursprünglich noch unter dem Namen IRON ANGEL gestartet, bemerkte die Truppe über Fanzines und Briefwechsel gerade noch rechtzeitig, dass im fernen Deutschland bereits eine bekannte Speed Metal-Kapelle denselben Namen trug. Kurzentschlossen benannte man sich in Anlehnung an die biblische Jakobsleiter um.

Was 1996 als schlichtes, in Eigenregie finanziertes Demotape auf den Markt kam, entfachte einen Flächenbrand im weltweiten Underground. Allein durch Tape-Trading, Mundpropaganda und Fanzines wanderten über 3.000 Einheiten über die Ladentische. Es entbrannte ein regelrechter Bieterwettstreit der Underground-Labels, den schließlich Brian Slagel für “Metal Blade Records” entschied.

Das griechische Kult-Label “No Remorse Records” hat dieses legendäre Fundament auf ´The Demo Years´ erstklassig für die Ewigkeit konserviert. Wer damals schon die Demo-CD oder das Tape tausendfach rotieren ließ, kann sich das Scheibchen heute endlich standesgemäß auf den Plattenteller legen.

Allein der Opener ´Wisdom´ macht unmissverständlich klar, warum dieses Material bis heute göttlich ist. Komplexe Rhythmen, messerscharfe zweistimmige Gitarrenläufe und der majestätische, unfassbar hohe Gesang von David Taylor fesseln ab der ersten Sekunde. Taylors Organ schlägt mit einer solchen Wucht ein, dass der gesamte Underground in Ekstase versetzt wurde. Es folgt das unsterbliche ´The Jewel´ – eine stampfende, hymnenhafte US Metal-Granate mit zweistimmigen Gitarrenharmonien. Mit dem bittersüßen, im Mid-Tempo gehaltenen ´Of Love And Sorrow´ zeigt die Band ihre melancholische, hochdramatische Seite, ehe das kompakte ´The Violent Truth´ mit kompromissloser Speed Metal-Schärfe, bissigem Gesang und einer sozialkritischen Abrechnung mit dem Verfall der US-Metropolen alles kurz und klein schlägt.

Die B-Seite birgt schließlich den intellektuellen und emotionalen Höhepunkt dieser Ära. Das fast siebenminütige Epos ´Sarah Williams´ verarbeitet eine tragische Familiengeschichte von Gitarrist John Berry. Seine Großtante kam durch einen betrunkenen Autofahrer ums Leben. Der ständige Wechsel zwischen ruhigen, akustischen Passagen und wütenden Riff-Ausbrüchen macht dieses göttliche Stück zu einer der intensivsten, ehrlichsten Metal-Balladen der Neunzigerjahre. Das düstere, doomig-schwere ´Rape Of Innocence´ offenbart daraufhin die dunkelste Facette des Kollektivs, wo tonnenschwere Riffwände eine Abwärtsspirale aus Enttäuschung und menschlicher Immoralität vertonen. Ehe der finale Kracher ´The Outer Realm´ mit galoppierenden Rhythmen, mystisch-spaciger Atmosphäre und fantastischen Gitarrenkaskaden den Hörer über das Motiv der Befreiung durch die Musik endgültig in den US Metal-Olymp katapultiert.

Auch audiophil lässt diese Plattenveröffentlichung keine Wünsche offen. “No Remorse Records” spendierten der Scheibe ein eigenständiges, düster-episches Artwork, ein bedrucktes Innersleeve inklusive aller Songtexte sowie eine edle Aufmachung – wahlweise limitiert auf 100 rote oder 300 schwarze Exemplare. Klanglich wurde das analoge Demoband von 1996 hervorragend für das Medium Vinyl aufbereitet. Wer diese 38 Minuten Tonbandgeschichte hört, spürt die Leidenschaft in jeder Faser. US Metal, wie er schlicht nicht besser geht: einmalig, zeitlos und erhaben. Das waren noch Zeiten!

https://www.facebook.com/OfficialJacobsDream

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