
SOLSTICE – New Life
1993/2026 (Independent/Just For Kicks Music) - Stil: Progressive Folk Rock / Neo-Prog
Eine feuchte Brise streift durch das Dickicht von Buckinghamshire, und der Geruch von feuchtem Laub mischt sich mit dem süßlichen Dunst geschmolzenen Verstärkerharzes. Dreht man die Zeitschaltuhr um über drei Jahrzehnte zurück, schlägt einem der miefende Zeitgeist der Neunzigerjahre entgegen – eine Epoche, in der der klassische Progressive Rock von der breiten Masse längst zu Grabe getragen wurde. Währenddessen glomm im britischen Untergrund ein unauslöschliches Feuer.
SOLSTICE, jene Formation aus Aylesbury, die bereits Anfang der Achtzigerjahre neben Urgesteinen wie MARILLION, IQ, PALLAS, PENDRAGON und TWELFTH NIGHT zu den Speerspitzen der zweiten Prog-Welle zählte, verharrte jahrelang im Tiefschlaf. Ihr 1984er Erstling ´Silent Dance´ war trotz magischer Momente von einer spröden, flachen Produktion geschlagen. Erst als ein unabhängiges Label das Debüt überraschend auf „Compact Disc“ presste und die Fanpost den Briefkasten von Bandkopf Andy Glass zum Überquellen brachte, erwachte der Riese aus seinem Schlaf.
Was 1993 folgte, glich einem klanggewordenen Naturschauspiel unter dem Titel ´New Life´. Wer diese Scheibe damals als unangekündigten Import-Sprössling aus den gedruckten Mail-Order-Katalogen fischte, rieb sich verwundert die Augen. Wo Genre-Kollegen in Schwermut versanken, strahlte dieses Werk eine schier unerschöpfliche Wärme und Magie aus. Nun legt Gitarren-Guru Andy Glass eine aufwendige Remaster-Ausgabe vor, die das einst verschüttete Meisterwerk endlich in jener klanglichen Erhabenheit erstrahlen lässt, die ihm vor über dreißig Jahren verwehrt blieb.
Das Line-up glich zur damaligen Entstehungszeit einem schlingelnden Karussell. Im Grunde standen vor den ersten Sessions nur Andy Glass und Drum-Neuankömmling Peter Hemsley im Studio. Erst auf den letzten Drücker kehrte Geigen-Virtuose Marc Elton zurück an Bord, während mit Heidi Kemp eine Sängerin das Mikrophon übernahm, deren organische, tief im erdigen Folk verwurzelte Stimme einen radikalen Schnitt zur ätherischen Jon Anderson-Huldigung der früheren Vokalistin Sandy Leigh markierte. Bassist Craig Sunderland komplettierte die Rhythmusgruppe.
Die Umstände der Produktion glichen einem Ritt auf der Rasierklinge. Während Andy Glass im Studio an lichtdurchfluteten Klanglandschaften feilte, kämpfte er privat gegen toxische Beziehungsabgründe und zermürbende Substanzabhängigkeiten. Die Musik war sein einziger Anker gegen den freien Fall. Dass die Multitrack-Bänder später spurlos verschwanden und selbst Prog-Papst Steven Wilson bei einem angedachten Remix vor leeren Händen stand, passt ins Bild dieser turbulenten Historie. Andy Glass musste für die finale Remaster-Fassung tief in die modernste digitale Trickkiste greifen – und das Resultat grenzt an ein audiovisuelles Wunder.
Der Opener ´Morning Light´ bricht wie ein Bündel goldener Sonnenstrahlen durch das dichte Blätterdach. Kein vorsichtiges Vortasten, sondern ein direktes Abholen mit beschwingtem Rhythmus, majestätischen Chören und Marc Eltons tänzelnder Violine. Heidi Kemps Gesang schmiegt sich hauteng an die perlenden Gitarrenläufe, ehe Andy Glass zu einem ersten, langgezogenen Solo ansetzt, das Freunden von David Gilmour oder Steve Rothery Tränen der Rührung in die Augen treibt.
Mit dem über zehnminütigen Monumentalwerk ´Guardian´ entfalten SOLSTICE ihre volle, unvergleichliche Pracht. Der Track baut sich mit stoischer Gelassenheit auf, verwebt keltische Mystik mit der erhabenen Wucht des klassischen Symphonic Rock. Was hier im Mittelteil abgemischt wurde, spottet jeder Beschreibung: Ein funkig anmutender Basslauf von Craig Sunderland peitscht das Geschehen an, während sich E-Gitarre und Violine ein duellierendes Ekstase-Gefecht liefern, das in Sachen Dynamik selbst Helden wie KANSAS oder FAIRPORT CONVENTION in den Schatten stellt.
Ein ganz besonderes Schmankerl offenbart das Instrumental ´The Sea´. Wer hier meint, Möwenkreischen vom Tonband zu vernehmen, irrt gewaltig. Marc Elton entlockte seiner Violine durch wüstes Ziehen und Glissando-Gleittechniken diese verblüffend echten Klänge direkt auf dem Griffbrett. Ein Stück von zeitloser Stille, das den Hörer an neblige Steilküsten versetzt, ehe der Titeltrack ´New Life´ mit peitschendem Jig-Rhythmus und ungebremster Lebensfreude nach vorne prescht.
Über das abschließende Doppelgespann aus dem vertrackten, leicht mystisch angehauchten ´Pathways´ und dem majestätischen Schlusspunkt ´Journey´ spannen SOLSTICE den Bogen vollends zu den Großmeistern der Siebziger. Dennoch klingt hier nichts nach abgekupferter Nostalgie. Die Remaster-Fassung befreit die Musik ohnehin von der muffigen Kompression der Neunziger. Die Instrumente stehen felsenfest im Raum, und das neue Artwork aus der Feder von Shaun Blake setzt dem edlen Tri-fold Digi-wallet auch visuell die Krone auf. Als Sahnehäubchen werten drei brandheiße Live-Aufnahmen aus den Jahren 2023 und 2026 – eingespielt mit der aktuellen Frontfrau Jess Holland – dieses Reissue zu einem ultimativen Zeitzeugnis britischer Rock-Geschichte auf.
Ein schwelgerisches Meisterwerk, das in jeder wohlgeordneten Tonträgersammlung neben den Klassikern von YES und FAIRPORT CONVENTION, CAMEL und MARILLION stehen muss.



