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MARILLION – Marillion.com

1989/2026 (Ear Music) - Stil: Rock

´Marillion.com´ gehört zu den Alben, die ihre wahre Bedeutung erst viele Jahre nach ihrer Veröffentlichung offenbaren. Als das elfte Studioalbum von MARILLION im Oktober 1999 erschien, erfuhr die Karriere der Band eine Zäsur. Der große kommerzielle Erfolg der Achtzigerjahre war längst Vergangenheit, EMI hatte die Zusammenarbeit beendet, und der Progressive Rock stand Ende der Neunzigerjahre kaum noch im Fokus der Musikindustrie. Statt nostalgisch in die Vergangenheit zu blicken, entschieden sich Steve Hogarth, Steve Rothery, Mark Kelly, Pete Trewavas und Ian Mosley bewusst für den schwierigeren Weg der musikalischen Weiterentwicklung.

Heute gilt ´Marillion.com´ vielen langjährigen Anhängern als eines der mutigsten Alben der Hogarth-Ära. Während es bei Veröffentlichung die britischen Top 40 verfehlte und kaum Aufmerksamkeit erhielt, lässt sich rückblickend erkennen, wie weit die Band ihrer Zeit voraus war. Die intensive Nutzung des Internets zur Kommunikation mit den Fans legte den Grundstein für das spätere Crowdfunding-Modell, das MARILLION wenige Jahre später unabhängig von klassischen Plattenfirmen machte. Der Albumtitel war deshalb weit mehr als eine Internetadresse – er dokumentierte den Beginn einer völlig neuen Beziehung zwischen Band und Publikum.

Musikalisch setzt sich das Album deutlich von seinem Vorgänger ´Radiation´ ab. Die Gitarren treten oft zugunsten dichter Keyboardflächen, elektronischer Texturen und ungewöhnlicher Arrangements zurück. Trotzdem bleibt Steve Rothery jederzeit präsent. Seine Soli verstärken dabei konsequent die emotionale Aussage eines Songs.

Schon der dynamische Opener ´A Legacy´ zeigt diese neue Richtung. Langsam zeichnen MARILLION ihr musikalisches Bild, ehe sich ein größerer Klangraum öffnet. Steve Hogarth singt äußerst emotional, fast flehend, wodurch jede Textzeile zusätzliches Gewicht erhält. Es ist ein intensiver Einstieg, der bewusst auf große Gesten verzichtet.

Mit ´Deserve´ folgt einer der ungewöhnlichsten Titel der gesamten Bandgeschichte. Funkige Rhythmen, Bläser von Ben Castle und Neil Yates sowie ein federnder Groove verleihen dem eingängigen Prog-Song eine Leichtigkeit, die man mit MARILLION damals kaum verband.

Zu den stärksten Momenten zählt ohne Zweifel ´Go!´. Mark Kelly legt breite Keyboardflächen unter den Song, Ian Mosley hält den Rhythmus bewusst offen und Steve Rothery entwickelt eines seiner schönsten Gitarrensoli der späten Neunziger. Der Spannungsaufbau erfolgt langsam und konsequent, bis sich die Musik schließlich in einem der eindrucksvollsten Höhepunkte des Albums dramatisch entlädt.

Auch ´Rich´ überrascht. Der Einfluss britischer Alternative Rock-Bands jener Zeit ist hörbar, ohne dass MARILLION ihre eigene Identität aufgeben. Das lockere Stück besitzt eine Direktheit, die hervorragend zwischen den atmosphärischeren Titeln funktioniert.

Mit dem eher schwebenden ´Enlightened´ reduziert die Band anschließend das Tempo deutlich. Wenige Instrumente tragen den Song, jede kleine Veränderung im Arrangement erhält dadurch größere Wirkung. Pete Trewavas liefert hier eine der stärksten Bassleistungen des Albums.

Deutlich aggressiver präsentiert sich ´Built-In Bastard Radar´. Der Titel lebt von rockigen Gitarrenfiguren, trockenem Schlagzeugspiel und einem ausgesprochen ironisch-bissigen Text. Hier bestätigt sich, wie sicher MARILLION inzwischen auch kompakte Rocksongs beherrschen.

´Tumble Down The Years´ bringt anschließend wieder Wärme und Optimismus zurück. Die Melodie entwickelt sich beinahe unauffällig, bleibt jedoch lange im Gedächtnis. Gerade diese scheinbare Mühelosigkeit macht den Song zu einem heimlichen Höhepunkt.

Das Herzstück des Albums ist jedoch das über fünfzehn Minuten lange ´Interior Lulu´. Dieses Werk gehört zu den wichtigsten Longtracks der Hogarth-Ära. Elektronische Sequenzen, komplexe Rhythmuswechsel, ruhige Passagen und kraftvolle Rockausbrüche greifen organisch ineinander. Die Produktion von Steven Wilson sorgt zusätzlich für enorme Transparenz. Steve Rothery spielt hier einige seiner eindrucksvollsten Gitarrenlinien, während Steve Hogarth zwischen den Gemütsregungen pendelt. Inzwischen muss ´Interior Lulu´ zu den größten Kompositionen der Band überhaupt gezählt werden.

Den Abschluss bildet ´House´, ein zehnminütiger Song, dessen Entstehung eng mit Steve Hogarths damaliger Scheidung verbunden ist. Während der Arbeiten trug das Stück intern den Arbeitstitel “The Massive Attack Song”. Tatsächlich greifen Rhythmus, Bass und Atmosphäre Elemente aus Trip-Hop und Dub auf, ohne den Charakter von MARILLION zu verlieren. Das Ergebnis wirkt dunkel, introspektiv und ungewöhnlich modern für das Jahr 1999.

Einen wichtigen Anteil am Gesamteindruck besitzt die Produktion. Das Album entstand im bandeigenen „Racket Club Studio“ in Buckinghamshire. Fünf Titel wurden zusätzlich von Steven Wilson produziert und gemischt. Bereits damals zeigte sich dessen außergewöhnliches Gespür für räumliche Tiefe, Instrumententrennung und Dynamik – Eigenschaften, die viele seiner späteren Arbeiten berühmt machten.

Auch die Besetzung trägt erheblich zur Qualität des Albums bei. Steve Hogarth liefert eine seiner emotionalsten Gesangsleistungen überhaupt ab. Steve Rothery beweist erneut, warum er zu den melodisch stärksten Gitarristen des Progressive Rock zählt. Mark Kelly steuert zahlreiche atmosphärische Keyboardflächen bei, Pete Trewavas sorgt mit seinem melodischen Bassspiel für enorme Stabilität, während Ian Mosley ausgesprochen songdienlich agiert. Die Gastmusiker Ben Castle (Saxofon) und Neil Yates (Trompete) erweitern den Klangkosmos sinnvoll und verleihen besonders ´Deserve´ zusätzliche Farbe.

Historisch besitzt ´Marillion.com´ einen besonderen Stellenwert. Das Album entstand unmittelbar vor jener Phase, in der MARILLION das Crowdfunding praktisch erfanden. Bereits 1997 hatten Fans über das Internet eine Nordamerika-Tour finanziert. Die Erfahrungen daraus führten direkt zum später vollständig vorfinanzierten Album ´Anoraknophobia´ und machten MARILLION zu einer der ersten Bands weltweit, die ihre Karriere unabhängig von klassischen Plattenfirmen neu organisierten. Der Albumtitel ist deshalb ein wichtiges Dokument dieser Entwicklung und gehört zur Musikgeschichte weit über den Progressive Rock hinaus.

Mit der 2026 erschienenen 5LP-Ausgabe erhält ´Marillion.com´ endlich die Edition, die diesem Album seit Jahren zusteht. Das Studioalbum wurde vollständig neu gemischt und remastert. Den eigentlichen Mehrwert bieten jedoch die drei zusätzlichen Schallplatten mit dem bislang unveröffentlichten Konzert aus dem Londoner „Shepherd’s Bush Empire“ vom November 1999.

Die Band befindet sich hier in hervorragender Form. Neben mehreren Stücken von ´Marillion.com´ stehen Klassiker wie ´Brave´, ´The Great Escape´, ´Afraid Of Sunlight´, ´Easter´, ´Kayleigh´ und ´Slàinte Mhath´ auf der Setlist. Die Aufnahme dokumentiert eindrucksvoll, wie überzeugend das damals oft unterschätzte Material bereits wenige Wochen nach Veröffentlichung auf der Bühne funktionierte.

Die hochwertige Ausstattung mit fünf 180g-LPs, großformatigem Booklet, neuem Artwork sowie ausführlichem Essay unterstreicht den Anspruch dieser Edition. Für Sammler gehört sie zu den gelungensten Deluxe-Veröffentlichungen der aktuellen MARILLION-Reissue-Serie.

´Marillion.com´ zählt heute zu den großen Wiederentdeckungen des Progressive Rock der späten Neunziger. Was 1999 von vielen Hörern missverstanden wurde, zeigt sich heute als bemerkenswert mutiges Album voller musikalischer Ideen, starker Songs und außergewöhnlicher Produktion. Die Verbindung aus Alternative Rock, Progressive Rock, elektronischen Elementen und emotionalem Songwriting wirkt erstaunlich zeitlos.

Mit ´Interior Lulu´ enthält das Album einen der bedeutendsten Longtracks der Hogarth-Ära, während Titel wie ´Go!´, ´House´ oder ´Deserve´ eindrucksvoll belegen, wie kompromisslos MARILLION ihren eigenen Weg gegangen sind.

Die 5LP-Box von 2026 macht diese Qualitäten deutlicher hörbar als jemals zuvor und ergänzt das Studioalbum um ein hervorragendes Zeitdokument aus dem „Shepherd’s Bush Empire“. Für langjährige Fans ist sie Pflicht, für Neueinsteiger der ideale Zugang zu einem Album, das seinen Ruf erst mit den Jahren vollständig verdient hat.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/MarillionOfficial

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