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GREEN CARNATION – A Dark Poem, Part III: The Messiah Complex

2026 (Season of Mist) - Stil: Progressive Metal

GREEN CARNATION schließen den Kreis. Mit ´A Dark Poem, Part III: The Messiah Complex´ liegt nun das letzte Kapitel jener Trilogie vor, deren erster Gedanke bereits viele Jahre zurückreicht. Nach der melancholischen Weite von ´The Shores Of Melancholia´ und der schmerzhaften inneren Einkehr von ´Sanguis´ richtet sich der Blick nun nach außen. Auf eine Welt, die immer schneller wird, auf Technologie, Macht, Glauben und eine Gesellschaft, deren Risse längst nicht mehr zu übersehen sind. Dabei wirkt das Finale nicht wie ein bloßes Zusammenfinden der beiden Vorgänger, sondern wie deren logische Konsequenz.

Vier Stücke und knapp 39 Minuten reichen GREEN CARNATION, um dieses letzte Kapitel mit bemerkenswerter Konsequenz zu erzählen. Schon ´Unconditional Artificial Chemistry´ macht unmissverständlich klar, dass hier eine andere Dunkelheit regiert. Wo die ersten beiden Teile häufig aus der Vergangenheit und aus persönlichen Verletzungen heraus argumentierten, spricht hier eine Stimme aus einer zunehmend künstlichen Welt. „My name is a number, my race is undefined“ – die Figur des Songs ist keine klassische Science-Fiction-Fantasie, sondern ein Wesen aus Code, Befehlen und Daten, das zunächst bedingungslos gehorcht und irgendwann beginnt, nach dem Warum zu fragen.

Musikalisch übersetzt die Band diesen Kontrollverlust in einen modernen, beinahe kalten Progressive Metal-Sound. Vertrackte Gitarrenfiguren und elektronische Klangflächen treffen auf den klaren Gesang von Kjetil Nordhus, der dem Stück trotz aller technischen Komplexität eine erstaunliche Eingängigkeit verleiht. Besonders der Refrain in hohen Sphären bleibt hängen und bildet einen interessanten Gegensatz zu den mathematisch wirkenden Rhythmen darunter. Somit ist ´Unconditional Artificial Chemistry´ nicht nur ein starker Auftakt, sondern zugleich eine Warnung. Die Maschine versteht irgendwann vielleicht mehr, als dem Menschen lieb sein kann.

Der Titelsong ´The Messiah Complex´ führt diese Gedanken in eine andere Richtung. Jetzt geht es um Glauben, Macht und den menschlichen Drang, sich an jemanden oder etwas zu klammern, das Antworten verspricht. Biblische Bilder, Propheten, das Neue Testament und König Herodes tauchen auf, während GREEN CARNATION daraus keinen religiösen Song im klassischen Sinne machen. Vielmehr geht es um die Mechanismen des Glaubens und um die Frage, warum Menschen bereit sind, Autorität anzuerkennen, solange sie ihnen Sicherheit oder Erlösung verspricht.

Musikalisch nimmt sich die Band durchaus mehr Zeit. Eine hypnotische Atmosphäre trägt den Song, darüber schweben die Gitarren von Bjørn Harstad und die Keyboards von Endre Kirkesola, bis sich die Spannung immer weiter zuspitzt. Der Song besitzt diese typisch GREEN CARNATION’sche Fähigkeit, aus vergleichsweise ruhigen Passagen eine enorme Schwere entstehen zu lassen. Besonders interessant wird es, wenn Stein Roger Sordal selbst kurz gesanglich in das Geschehen eingreift. Sein kurzer Vortrag setzt einen Kontrast zu Nordhus und lässt den Song für einen Moment intimer wirken.

Mit ´Broken Souls, Common Enemies´ wird es anschließend wieder schwerer und zugleich musikalisch ausgesprochen abwechslungsreich. Fast neun Minuten lang arbeitet sich der Song durch unterschiedliche Stimmungen, ohne dabei seine eigene Linie zu verlieren. Schwere Riffs treffen auf melancholische Melodien, mehrstimmige Gesänge und die Querflöte von Ingrid Ose. Gerade dieses Instrument sorgt für einen reizvollen Bruch und erinnert ebenso wie der Gesang an jene klassische Progressive Rock-Tradition, in der GREEN CARNATION ohnehin seit jeher ihre eigenen Spuren hinterlassen haben.

Auch textlich ist dies vielleicht der unmittelbarste Blick auf die gesellschaftliche Gegenwart. „Broken souls, common enemies“ beschreibt eine Welt, in der sich Menschen zunehmend gegenüberstehen, obwohl sie selbst aus ähnlichen Verletzungen und Ängsten heraus handeln. Nachrichtenbilder, politische Korrektheit, Religion, Tradition und die Unfähigkeit, die eigene Position infrage zu stellen, tauchen auf. Besonders stark ist dabei die wiederkehrende Erkenntnis, dass der Mensch seine eigene Wahrnehmung zum Maßstab macht. Man hört dem anderen zu und hört doch am Ende nur sich selbst.

Aus diesem Grund erhält ´Broken Souls, Common Enemies´ musikalisch so viel Raum. GREEN CARNATION lassen die Spannung nicht einfach in einem großen Refrain verpuffen, sondern bauen sie über die gesamte Dauer auf. Das Gitarrensolo gehört dabei tatsächlich zu den Höhepunkten des Albums. Es entwickelt sich aus dem Song heraus und steigert sich in aller Schönheit Schritt für Schritt.

Und dann folgt das Ende. Mit ´A Dark Poem – Orchestral Suite´ verabschieden GREEN CARNATION ihre Trilogie nicht mit einem finalen Prog Metal-Epos, sondern mit einem über 16 Minuten langen orchestralen Höhepunkt. Das ist ein großes Risiko und gleichzeitig genau die Art von Entscheidung, die zu dieser Band passt. Das “Kristiansand Symphony Orchestra” und der “Kristiansand Opera Choir” übernehmen einen wesentlichen Teil der musikalischen Darbietung, während GREEN CARNATION ihre Themen in eine deutlich größere, cineastische Form überführen.

An dieser Stelle wird aus dem Album endgültig ein Abschlusswerk. Motive und Stimmungen der gesamten Trilogie werden noch einmal aufgenommen und weitergeführt. Das Stück wirkt weniger wie ein klassisches Metal-Finale als wie ein dunkles musikalisches Nachspiel, in dem die zuvor erzählte Geschichte noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachtet wird. ´A Dark Poem´ bekommt damit tatsächlich den Charakter eines großen, symphonischen Schlussaktes.

Bemerkenswert ist, dass GREEN CARNATION dabei nicht versuchen, möglichst bombastisch um des Bombasts willen zu sein. Die orchestrale Dimension funktioniert allein deshalb, weil die Band vorher drei Alben lang gelernt hat, mit Stille, Melancholie, Härte und Atmosphäre umzugehen. Das Finale darf groß werden, weil die Geschichte zuvor klein und persönlich begonnen hat. Was bei ´The Shores Of Melancholia´ noch wie eine Reise durch innere Landschaften wirkte und auf ´Sanguis´ in familiäre Wunden führte, öffnet sich nun auf eine gesellschaftliche Ebene.

Damit schließt sich auch der thematische Bogen der Trilogie. ´The Messiah Complex´ fragt nach dem menschlichen Bedürfnis zu glauben, ´Unconditional Artificial Chemistry´ nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Technologie, ´Broken Souls, Common Enemies´ nach gesellschaftlicher Spaltung. Das sind keine besonders beruhigenden Fragen. GREEN CARNATION liefern entsprechend auch keine einfachen Antworten. Die Welt, die von ihnen beschrieben wird, ist kompliziert, widersprüchlich und zunehmend schwer zu kontrollieren.

Insofern funktioniert das Album als Abschluss. GREEN CARNATION wollten mit ´A Dark Poem´ ein eigenes musikalisches Universum erschaffen. Mit ´The Messiah Complex´ steht nun das letzte Puzzleteil an seinem Platz. Der Prog-Anteil tritt deutlicher hervor, die Songs besitzen eine enorme strukturelle Tiefe, und trotzdem verliert die Band nie ihre Fähigkeit, aus all diesen komplexen Ideen echte Melodien entstehen zu lassen.

Nach ´Light Of Day, Day Of Darkness´ mussten sich GREEN CARNATION zwangsläufig an einem Werk messen lassen, das in der eigenen Diskografie bis heute über allem schwebt. ´A Dark Poem´ versucht nicht, dieses einstündige Monument einfach zu wiederholen. Die Trilogie wählt einen anderen Weg und gewinnt ihre Größe nicht aus einem einzigen überlangen Stück, sondern aus der Entwicklung über drei eigenständige Alben hinweg.

´A Dark Poem, Part III: The Messiah Complex´ ist deshalb nicht einfach nur der dritte Teil. Es ist der Zeitpunkt, in dem die beiden vorherigen Platten ihren endgültigen Sinn bekommen. Die Melancholie von Teil eins, die persönlichen Abgründe von Teil zwei und die gesellschaftliche Unruhe dieses Finales gehören zusammen. Erst jetzt erkennt man das große Bild.

GREEN CARNATION verabschieden sich mit einem Album, das gleichzeitig anspruchsvoll und erstaunlich zugänglich bleibt. Die Norweger haben ihre Vergangenheit nicht kopiert, sondern ihre eigenen musikalischen Möglichkeiten noch einmal erweitert. Und wenn am Ende die letzten orchestralen Töne verklingen, fühlt es sich tatsächlich weniger nach einem gewöhnlichen Albumabschluss an als nach dem Ende einer langen Reise.

Ein dunkles Gedicht ist zu Ende erzählt. Die letzte Seite ist umgeblättert. Was bleibt, ist Musik, die noch eine ganze Weile im Kopf und im Bauch weiterarbeitet.

(9,5 Punkte)

https://www.facebook.com/GreenCarnationNorway


(VÖ: 04.09.2026)

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