
MARCO BELTRAMI – SCREAM (Original Motion Picture Score / 30th Anniversary Edition)
1996/2026 (Varèse Sarabande / Craft Recordings) – Stil: Avantgarde-Filmmusik / Orchestraler Horror-Score
Wenn im flackernden Licht der späten Neunziger das Telefon schrillte und die Vorstadt-Idylle von Woodsboro mit einem Schlag in blutige Trümmer legte, kratzte die sichtbare Grausamkeit im Bild nur an der Oberfläche des Wahnsinns. Die echte, unerbittliche Panik kroch aus den Lautsprechern. Als der damals völlig unbekannte Marco Beltrami ohne jede Erfahrung im Horror-Genre an die Regie-Legende Wes Craven geriet, stieß er die Tore zu einem ganz neuen Klanguniversum auf.
Zum dreißigsten Jubiläum des Slasher-Meisterwerks gießt “Varèse Sarabande” zusammen mit “Craft Recordings” diesen wegweisenden Schock-Diamanten in ein haptisch wie akustisch atemberaubendes Jubiläums-Vinyl. Das geprägte, plastisch glänzende Blut auf dem matten Cover schreit dem Hörer die unbändige Leidenschaft dieser Ära direkt ins Gesicht. Das hier ist kein glattgelutschtes Hollywood-Geklimper aus der Konserve. Es ist die unsterbliche Magie eines jungen Wilden, der mit 30.000 Dollar Vorschuss und schierer Waghalsigkeit Geschichte schrieb.

Allein wenn die wuchtigen, militärisch dröhnenden Tuben und donnernden Kesselpauken von ´Dimension Logo´ den Vorhang heben, weicht die trügerische Traumfabrik einer bedrohlichen Schwere. Die Nadel fährt durch die Rillen, und was im legendären ´The Cue From Hell´ geschieht, setzt Maßstäbe in Sachen atmosphärischer Brutalität. Die spärlich gezupfte, fast märchenhafte Harfe gaukelt eine Scheinidylle vor, bevor Marco Beltrami das Orchester in atonale Abgründe stürzt. Keine abgedroschenen Schablone-Akkorde der Achtziger. Die Violinen schaben knapp neben den Tönen, die Nerven liegen blank, und wenn der Stahl zuschlägt, peitschen schrille Trompeten wie blanke Rasierklingen durch den Raum. Der Komponist erfand die musikalische Klaustrophobie neu.
In ´Trouble In Woodsboro´ mischt sich eine einsame, verstimmte E-Gitarre mit dem schleppenden Puls industrieller Synthesizer. Der staubige Twang-Sound ruft nach einem blutigen Showdown mitten in der kalifornischen Provinz, während im Hintergrund echte Ketten und metallische Schellen wie trockenes Gebein klappern. Da das Budget mikroskopisch klein war und kein großes Ensemble bezahlt werden konnte, zweckentfremdete der Meister das Instrumentarium. Für die Panik im gefliesten Schulklo bei ´Bathroom´ steckte er Gegenstände zwischen die Klaviersaiten, um das dumpfe, unheimliche Herzklopfen der gejagten Sidney Prescott akustisch nachzubauen.

Und dann dieser herrliche, verrückte Geniestreich in ´Sheriff And Dewey´! Die von Marco Beltrami persönlich eingepfiffene Melodie, untermalt von der schlichten Akustikklampfe, verbeugt sich vor Ennio Morricone und verleiht dem gutherzigen Hilfssheriff David Arquette einen unsterblichen Helden-Schatten.
In ´Sidney Wants It´ – im Film als das unvergessliche ´Sidney‘s Lament´ bekannt – verzichtet Marco Beltrami auf jegliche Percussion. Die raue, ungeschminkte Stimme seiner College-Freundin Rose Thomson klagt eine wortlose, ergreifende Melodie über den warmen Celli aus. Es ist das emotionale Herzstück, das der blutigen Jagd eine fast schon opernhafte Würde verleiht. Während im garage-mechanischen Rhythmus-Monster ´Tatum’s Torture´ die tiefen Posaunen wie eine eiserne Falle zuschlagen, lässt der Komponist im Psychopathen-Finale ´They’re Crazy´ das gesamte Ensemble völlig ausrasten. Die Instrumente spielen gegeneinander, Rhythmen brechen entzwei, und die Bläser kreischen den totalen Wahnsinn heraus.

Verpackt in ein optisches Highlight mit dreidimensional erhabenem Schriftzug glänzt diese Veröffentlichung auf ganzer Linie. Auf dem edel gepressten Vinyl knallt die avantgardistische Dynamik glasklar und tiefenscharf aus den Membranen. Kein störendes Nebengeräusch trübt die leisen, melancholischen Passagen. Marco Beltrami schuf mit diesem Score einen unsterblichen Meilenstein des modernen Horrorkinos. Ein zeitloses, furchtloses und absolut mitreißendes Ton-Monument!



