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LIONEL RICHIE – Can’t Slow Down

1983/2026 (Motown) - Stil: Pop

Wer von Lionel Richie nur die allgegenwärtigen Radio-Klassiker ´All Night Long (All Night)´ oder ´Hello´ kennt und mit Best-of-Kompilationen wenig anfangen kann, landet früher oder später zwangsläufig bei ´Can’t Slow Down´. Glücklicherweise könnte der Zeitpunkt kaum besser sein. Mit der aktuellen “Definitive Sound Series One-Step”-Ausgabe erlebt dieses Jahrhundertalbum eine Wiedergeburt, die eindrucksvoll vor Augen führt, warum Lionel Richie Mitte der Achtziger zu den größten Popstars des Planeten aufstieg.

Man muss sich kurz zurückversetzen. 1983 befand sich die Popwelt im Umbruch. MTV hatte die Spielregeln verändert, Synthesizer eroberten die Charts, während Künstler wie MICHAEL JACKSON, PRINCE, PHIL COLLINS und TOTO den Sound eines Jahrzehnts definierten. In genau diesem Umfeld veröffentlichte Lionel Richie sein zweites Soloalbum – und traf den Nerv von Millionen.

Mehr als 20 Millionen verkaufte Exemplare weltweit, fünf Top-10-Singles aus nur acht Songs, ein Grammy für das Album des Jahres gegen Schwergewichte wie ´Purple Rain´ und ´Born In The U.S.A.´ – solche Zahlen erzählen bereits ihre eigene Geschichte. Doch ´Can’t Slow Down´ ist weit mehr als eine Sammlung erfolgreicher Singles. Es ist die Blaupause für perfekten Mainstream-Pop der Achtziger.

Was dieses Album bis heute faszinierend macht, ist seine scheinbare Mühelosigkeit. Jeder Song wirkt selbstverständlich, jede Melodie unvermeidlich. Hinter dieser Leichtigkeit verbirgt sich allerdings eine Produktionsarbeit auf höchstem Niveau.

Gemeinsam mit Produzent James Anthony Carmichael versammelte Lionel Richie ein wahres All-Star-Team der kalifornischen Studioszene. Namen wie David Foster, Steve Lukather, Jeff Porcaro, Greg Phillinganes, Nathan East, Abraham Laboriel oder Paulinho da Costa lesen sich heute wie ein Who-is-Who der goldenen Ära des Westcoast-Pop.

Der Sound verbindet elegante R&B-Wurzeln mit zeitgenössischem Synth-Pop, weichen Soul-Balladen und dezenten Rock-Elementen. Wer die makellosen Produktionen von TOTO, CHICAGO oder den großen David-Foster-Alben schätzt, findet hier dieselbe Mischung aus technischem Können und emotionaler Zugänglichkeit.

Dabei altert das Album erstaunlich würdevoll. Die digitalen Yamaha- und Emulator-Sounds verorten die Musik zwar klar in ihrer Zeit, wirken heute jedoch eher charmant als verstaubt. Die Arrangements besitzen Luft, Dynamik und musikalische Tiefe.

Der Titeltrack ´Can’t Slow Down´ macht umgehend klar, dass Richie mehr wollte als romantische Balladen. Eine aggressive Synth-Basslinie treibt den Song voran, während David Cochranes Gitarrenarbeit fast Rock-Appeal entwickelt. Der Track wirkt wie eine Kampfansage an alle, die Richie damals auf den Schmuse-Sänger reduzieren wollten.

Mit ´All Night Long (All Night)´ folgt eine der großen Pop-Hymnen des Jahrzehnts. Paulinho da Costas Percussion, die karibischen Rhythmen und die legendären Chorpassagen erzeugen bis heute dieses Gefühl von Sommer, Freiheit und ausgelassener Lebensfreude. Die berühmten Fantasie-Wörter im Mittelteil entstanden übrigens aus einer kuriosen Notlösung, nachdem Richie keine passende afrikanische Sprachvorlage finden konnte. Aus der Improvisation wurde Popgeschichte.

´Penny Lover´ zeigt anschließend die romantische Seite des Albums. Warme Synthesizerflächen schweben durch den Raum, während Richies Stimme beinahe schwerelos über dem Arrangement liegt. Selbst größte Emotionen wirken bei ihm nie aufgesetzt. Mit ´Stuck On You´ betritt Richie überraschend sanftes Country-Terrain. Akustische Gitarren, zurückhaltende Rhythmik und eine fast ländliche Atmosphäre verleihen dem Stück eine zeitlose Eleganz. Gerade diese stilistische Offenheit machte ´Can’t Slow Down´ dereinst zum idealen Crossover-Album.

Das oft unterschätzte ´Love Will Find A Way´ gehört zu den musikalisch raffiniertesten Momenten der Platte. Nathan East liefert ein geschmeidiges Bassfundament, während Greg Phillinganes feine Keyboard-Farben einstreut. Ein verstecktes Highlight, das weit mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. ´The Only One´ trägt im Anschluss unverkennbar die Handschrift von David Foster. Große Gefühle, majestätische Akkordwechsel und ein Arrangement, das sich langsam zum emotionalen Höhepunkt aufbaut.

Der vielleicht aufregendste Song des Albums bleibt jedoch ´Running With The Night´. Jeff Porcaros Schlagzeug treibt unerbittlich nach vorne, während Steve Lukather eines der berühmtesten Gitarrensoli seiner Karriere abliefert. Die Legende besagt, dass dieses Solo praktisch im ersten Anlauf entstand. Ob Mythos oder Wahrheit – das Ergebnis besitzt auch heute noch elektrisierende Kraft.

Den Schlusspunkt setzt schließlich ´Hello´. Ein Song, der längst Teil der Pop-DNA geworden ist. Das berühmte Piano, die Streicher, Louie Sheltons filigranes Gitarrenspiel und Richies verletzliche Interpretation verschmelzen zu einer Ballade, die Generationen begleitet hat. Kaum ein Liebeslied der Achtziger transportiert Sehnsucht so unmittelbar.

Auch hinter den Kulissen entstanden zahlreiche Anekdoten, die mittlerweile Pop-Legendenstatus besitzen. Die berühmte Zeile „Hello, is it me you’re looking for?“ soll ursprünglich als scherzhafte Begrüßung für James Anthony Carmichael entstanden sein. Der Produzent erkannte sofort das Potenzial.

Fast ebenso legendär ist die Entstehung des Musikvideos zu ´Hello´. Der berühmte Tonkopf, den eine blinde Kunststudentin modelliert, sorgte schon bei Lionel Richie selbst für Verwunderung. Jahrzehnte später gehört genau diese Szene zu den bekanntesten Bildern der MTV-Ära.

Die aktuelle “Definitive Sound Series One-Step”-Ausgabe macht eindrucksvoll deutlich, wie hochwertig diese Produktion ursprünglich aufgenommen wurde. Chris Bellmans neues Mastering öffnet die Klangbühne erheblich. Die Percussion in ´All Night Long (All Night)´ wirkt plastischer, die Gitarren in ´Running With The Night´ besitzen mehr Körper, und Richies Stimme steht greifbar zwischen den Lautsprechern. Besonders beeindruckend fällt ´Hello´ aus. Das rauschfreie Vinyl schafft einen tiefschwarzen Hintergrund, aus dem Klavier, Streicher und Gesang förmlich hervortreten. Die Dynamik wirkt freier, die Instrumente erhalten mehr Raum zum Atmen.

Auch die luxuriöse Aufmachung mit nummerierter Auflage, hochwertigem Slipcase und schwerem Vinyl wird dem Anspruch eines Sammlerstücks gerecht. Diese Edition gehört definitiv zu den bislang besten Veröffentlichungen des Albums.

´Can’t Slow Down´ verkörpert eine Zeit, in der Popmusik gleichzeitig massentauglich, aufwendig produziert und musikalisch anspruchsvoll sein durfte. Lionel Richie suchte nie die Revolution. Er perfektionierte vielmehr die Kunst der großen Melodie. Deshalb funktioniert dieses Album auch mehr als vier Jahrzehnte später noch so mühelos. Die Songs tragen Erinnerungen in sich. Sie erzählen von Sommernächten, Autoradios, MTV-Nachmittagen und jener seltenen Magie, die nur die größten Popalben entfalten können.

Wer verstehen möchte, warum Lionel Richie zu den prägenden Stimmen der Achtziger gehört, findet hier die Antwort. Und wer bereits weiß, warum dieses Album Kultstatus besitzt, erhält mit der DSS One-Step-Ausgabe eine der schönsten Möglichkeiten, es neu zu entdecken.

´Can’t Slow Down´ ist und bleibt ein Meisterwerk. Elegant, zeitlos und voller Herz.

Klangqualität: 10/10
Authentizität / Originaltreue: 9,5/10
Pressung & Material: 9/10
Verpackung & Extras: 9,5/10
Historische Bedeutung: 10/10
Sammlerwert: 10/10

https://www.facebook.com/LionelRichie

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