
THE CHARCOAL SUNSET gehören seit Jahren zu diesen seltenen Bands, die sich jeder schnellen Einordnung entziehen. Von Beginn an, seit 2007, bewegt sich das Quartett tief im amerikanischen Folk, Country und Roots Rock, allerdings ohne jene oft bemühte Retro-Romantik europäischer Americana-Projekte. Die Songs von Juri Member wirkten immer wie echte Geschichten aus langen Nächten, verrauchten Bars, verlorenen Beziehungen und endlosen Straßen irgendwo zwischen Nebraska, Texas und Berlin-Wedding. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb die Band früh Aufmerksamkeit bekam und später für THE AVETT BROTHERS oder Seth Lakeman eröffnen durfte.
Dann wurde es still um die Band. Jahre vergingen, das Leben lief weiter, Songs entstanden nebenbei, Umwege hinterließen Spuren. ´Souvenirs´ trägt genau diese Zeit in sich. Das Album wirkt wie eine Sammlung von Erinnerungsstücken aus anderthalb Jahrzehnten, gesammelt zwischen alten Notizbüchern, Motellichtern und nächtlichen Autofahrten.
Dass die Platte schließlich über “Bear Family Records” erscheint, passt erstaunlich gut. Dieses Label stand immer für Musiker mit Charakter statt Trendbewusstsein. Und genau dort ordnen sich THE CHARCOAL SUNSET mit ihrem warmen, analogen Americana-Sound fast selbstverständlich ein.
Aufgenommen wurde das Album bereits 2024 im “Blue Lizard Studio”. Die Band nahm sich anschließend ungewöhnlich viel Zeit für Mischung und Mastering – und diese Geduld hört man. Die Gitarren klingen trocken und staubig, das Schlagzeug bleibt angenehm zurückhaltend, die Hammond-Orgel schiebt sich weich unter die Songs und Juri Members Stimme sitzt rau und direkt im Zentrum. Vieles erinnert an klassische Produktionen der Siebzigerjahre, irgendwo zwischen Neil Young, THE BAND, Tom Petty oder Lucinda Williams. Gleichzeitig besitzt die Platte diese leicht verwaschene Berliner Melancholie, die sie klar von amerikanischen Vorbildern trennt.

Juri Member trägt das Album mit ruhiger Selbstverständlichkeit. Seine Texte beobachten Menschen, Erinnerungen und Beziehungen ohne große Gesten. Oft reichen kleine Bilder. Ein verlassenes Haus. Wind auf einem Highway. Eine letzte Zigarette vor der Abfahrt. Gerade dadurch wirken die Songs glaubwürdig.
´If Jesus Was American´ eröffnet die Platte mit über sechs Minuten als langsame Folk-Ballade. Akustikgitarren, zurückhaltendes Piano und dunkle Harmonien ziehen den Hörer sofort in diese staubige Nachtwelt hinein. Warme Country-Gitarren, sanfte Harmony-Vocals und diese leicht erschöpfte Stimmung erinnern im Titeltrack ´Souvenirs´ an Ryan Bingham oder späte THE BAND-Aufnahmen. Der Song klingt wie eine nächtliche Fahrt durch leere Vororte, während irgendwo im Autoradio alte Country-Singles laufen.
Marlowe Regards Telecaster kratzt trocken durch ´Basement Blues´, Norman Jakobsens Schlagzeug hält einen schleppenden Groove zusammen und plötzlich steht man mitten in einem kleinen Kellerclub zwischen Biergeruch und flackernden Neonlichtern. Dann folgt mit ´Monkey Tonk´ ein kurzer Honky-Tonk-Kracher mit galoppierendem Rhythmus, Mundharmonika und dieser leicht chaotischen Barband-Energie, die sofort Bilder von klebrigen Holzböden und schiefen Cowboyhüten hervorruft.
´Statue Of Liberty´ verbindet Americana, Folk-Rock und bittersüße Dylan-Melancholie mit erstaunlicher Leichtigkeit. Besonders die Gitarrenarbeit besitzt hier eine fast hypnotische Eleganz. Dass Neil Youngs ´For The Turnstiles´ auftaucht, wirkt keineswegs wie eine Pflichtübung. THE CHARCOAL SUNSET spielen den Klassiker mit solcher Ruhe und Natürlichkeit, dass er sich vollkommen organisch zwischen die Eigenkompositionen einfügt. Man merkt sofort, wie tief diese Musik im Selbstverständnis der Band verwurzelt ist.
´Rolling Like A Wave´ gleitet auf sanften Akustikgitarren und warmen Orgelklängen dahin. Ein weiches Fundament aus Kontrabass und Keyboards verleiht dem Stück diese fast schwebende Ruhe. ´Sweet Harsh Winds´ entwickelt sich langsam zu einer schweren Roots-Rock-Hymne mit breiten Gitarrenflächen und sehnsüchtigem Refrain. Juri Member erzählt hier besonders stark. Jede Zeile wirkt erlebt.
Am persönlichsten gerät ´The Kind Of Man I Am´. Der Song kreist um Fehler, Alter und Selbstzweifel, ohne jemals in Selbstmitleid abzurutschen. ´Lullaby´ beendet das Album schließlich ruhig und dunkel, so wie dieses letzte Licht irgendwo an einer Tankstelle mitten in der Nacht, bevor die Straße wieder verschwindet.

Bemerkenswert bleibt außerdem, wie selbstverständlich diese Berliner Musiker amerikanische Roots-Musik spielen. Viele internationale Kritiker hielten die Produktion zunächst für ein Album aus Nashville oder Austin. Dieser kleine „Berlin-Nashville-Schwindel“ begleitet THE CHARCOAL SUNSET inzwischen fast schon als Running Gag.
Die Vinyl-Ausgabe erscheint als 140g-Pressung inklusive Beileger und passt perfekt zu dieser Musik. Gerade auf Schallplatte entfaltet ´Souvenirs´ seine ganze Wärme. Die organischen Gitarren, die leicht verhallten Stimmen und die analoge Produktion gewinnen hörbar an Tiefe. “Bear Family Records” liefern hier eine Veröffentlichung ab, die sich anfühlt wie eine vergessene Americana-Platte aus einer anderen Zeit, obwohl sie vollkommen im Hier und Jetzt entstanden ist.
´Souvenirs´ ist kein Album für schnelle Aufmerksamkeit. THE CHARCOAL SUNSET setzen auf Geschichten, Atmosphäre und echte Songs. Vielleicht brauchte diese Platte genau deshalb so viele Jahre. Manche Musik funktioniert eben nur, wenn genügend Leben darin steckt.
(8,5 Punkte)



