
STEVEN BERNSTEIN – ResoNation Trio / STEVEN BERNSTEIN & SCOTTY HARD – Ultra Resonance
2026 (Royal Potato Family) - Stil: Avant-Garde Jazz / Experimental Jazz / Downtown Jazz
Steven Bernstein veröffentlicht mit ´ResoNation Trio´ und ´Ultra Resonance´ ein Doppelprojekt auf einer CD bzw. zwei LPs, das auf denselben grundlegenden Aufnahmesessions basiert und zwei radikal unterschiedliche Perspektiven auf identisches Ausgangsmaterial aufzeigt. ´ResoNation Trio´ erscheint als rein akustische Trioaufnahme mit Scott Colley am Bass und Nasheet Waits am Schlagzeug, während ´Ultra Resonance´ im Anschluss von Scotty Hard als vollständig eigenständige Studioarbeit realisiert wird, die das gleiche Material dekonstruiert, neu ordnet und in eine elektronische Ästhetik überführt.
Steven Bernsteins konzeptioneller Ausgangspunkt liegt in der Idee, improvisierte Musik nicht als abgeschlossenes Dokument zu behandeln, sondern als Material, das im Studio weitergedacht werden kann. Inspiriert von Dub-Produktionen wie Burning Spears ´Garvey’s Ghost´ entsteht hier kein klassisches Remix-Modell, sondern eine bewusste Gegenüberstellung zweier Produktionshaltungen.
Das Trio-Album ´ResoNation Trio´ zeigt Bernstein ausschließlich auf Ventiltrompete und Flügelhorn, eingebettet in ein offenes Zusammenspiel mit Scott Colley und Nasheet Waits. Die Stücke entstehen aus klar gesetzten Ausgangspunkten, entwickeln sich aber in freier Form weiter, ohne feste Songstruktur im klassischen Sinn.
´Turf´ eröffnet mit einem energischen Trio-Statement, das sich aus Bassführung und pointierten Trompetenimpulsen entwickelt. ´Pettiford´ setzt stärker auf eine reduzierte Interaktion zwischen Bass und Trompete und verweist im Titel direkt auf Oscar Pettiford. ´Two Shakes´ bewegt sich in einem Uptempo-Gefüge mit wechselnden rhythmischen Impulsen zwischen Bass und Schlagzeug.
´Woodstock´ arbeitet stärker improvisatorisch, mit klaren Bezügen zur Harmolodics-Tradition rund um Ornette Coleman. ´August 3´ bringt eine ruhigere, melodisch orientierte Linie ein, während ´West´ und ´South´ zwei gegensätzliche Klanghaltungen innerhalb des Albums markieren: reduziert auf der einen, rhythmisch weiter ausgreifend auf der anderen Seite.
´Mammoth´ entwickelt das Trio zu einem kraftvollen, energiegeladenen Stück mit deutlich erhöhtem Druck. ´Question´ löst feste Strukturen teilweise auf und bewegt sich in ein freieres Zusammenspiel. ´Sitting On Top Of The World´ bildet den Abschluss als bewusst schlicht gehaltener Standard, der die direkte Interaktion der Musiker in den Mittelpunkt stellt.
Das zweite Projekt ´Ultra Resonance´ setzt exakt auf denselben Aufnahmen auf, entfernt sie jedoch vollständig aus ihrem ursprünglichen Kontext. Scotty Hard behandelt das Trio-Material nicht als Grundlage für einen Remix, sondern als zerlegbares Klangarchiv, das neu strukturiert und neu komponiert wird.
Die Trompeten von Steven Bernstein erscheinen nunmehr fragmentiert, oft in geschnittenen Phrasen oder verschobenen Tonhöhen. Scott Colleys Bass wird aus seiner funktionalen Rolle gelöst und in tiefere Frequenzbereiche verschoben, während Nasheet Waits’ Schlagzeug in isolierte rhythmische Einheiten zerlegt und neu zusammengesetzt wird.
´Argon´ reduziert das Material auf tiefe, isolierte Bass- und Frequenzbereiche, die ihre ursprüngliche Funktion verlieren. ´Erbium´ arbeitet mit stark fragmentierten Schlagzeugstrukturen und digital verfremdeten rhythmischen Mustern. ´Chromium´ verschiebt Bassbewegungen zeitlich auseinander und erzeugt eine künstlich wirkende, gebrochene Struktur.
´Vibranium´ setzt auf starke Verfremdung der Trio-Interaktion, bei der die ursprünglichen musikalischen Beziehungen vollständig aufgelöst werden. ´Rubidium´ zerlegt die Trompetenlinien in kurze Abschnitte, die neu angeordnet werden. ´Titano´ bündelt diese Verfahren, so dass die Herkunft des Ausgangsmaterials nur noch indirekt erkennbar bleibt. ´Radon´ konzentriert sich auf hochfrequente Signalreste, die kaum noch als Trompete oder Instrument identifizierbar sind, und ´Niobium´ führt die Komposition zu einer vollständig neu konstruierten Form.
´ResoNation Trio´ dokumentiert die unmittelbare Interaktion eines akustischen Trios in einer klassischen Studiosituation, geprägt von spontaner Reaktion und offener Form. ´Ultra Resonance´ nimmt exakt dieses Material und überführt es in eine eigenständige Studioarbeit, in der die Produktion selbst zur kompositorischen Ebene wird.
Beide Alben stehen als getrennte Werke nebeneinander und entwickeln ihre Aussage erst im direkten Vergleich: einmal musikalisches Handeln im Moment, einmal radikale Neuaufstellung desselben Moments im Studio.
(9 Punkte)
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(VÖ: 5.06.2026)



