
NEMO – Si Partie 1, Partie 2 & Live
2026 (Quadrifonic/Just For Kicks Music) - Stil: Prog Rock
Mit ´Si Partie 1´ und ´Si Partie 2´ schufen NEMO Mitte der 2000er Jahre eines der ambitioniertesten Werke des europäischen Progressive Rock. Während viele Prog-Bands jener Zeit zwischen Retro-Ästhetik und technischen Fingerübungen pendelten, entwickelte die französische Formation um Jean-Pierre Louveton eine eigene Sprache aus symphonischem Prog, metallischer Härte, Jazzharmonik und düsterem Konzepttheater. Die 2026 erschienene Jubiläumsbox mit beiden Studioalben und dem kompletten Live-Mitschnitt führt dieses Mammutwerk nun endlich wieder geschlossen zusammen – remastered, erweitert und in einer streng limitierten 3CD-Digifile-Edition mit 500 Exemplaren weltweit.
Die Geschichte hinter diesen Aufnahmen besitzt längst Kultstatus innerhalb der Prog-Szene. Als ´Si Partie 1´ 2006 erschien, sorgte das abrupte Ende von ´Apprentis Sorciers´ zunächst für Verwirrung. Viele Hörer glaubten an einen Defekt ihrer CD. Tatsächlich brachen NEMO das Stück bewusst mitten im Takt ab. Erst ein Jahr später setzte ´Si Partie 2´ den Song nach einigen Sekunden Bar-Atmosphäre exakt auf derselben Note fort. Jean-Pierre Louveton verstand beide Alben stets als zusammenhängendes Werk, als große Rock-Oper über genetische Manipulation, gesellschaftliche Selektion und den Wahn eines „idealen Menschen“. Gerade diese erzählerische Geschlossenheit hebt ´Si´ bis heute weit über gewöhnliche Konzeptalben hinaus.
Musikalisch befand sich die Band damals auf einem bemerkenswerten Höhepunkt. Gemeinsam mit Keyboarder Guillaume Fontaine, Bassist Lionel B. Guichard und Schlagzeuger Jean-Baptiste Itier entwickelte Jean-Pierre Louveton einen Sound, der klassische Prog-Traditionen von GENESIS, KING CRIMSON oder ANGE aufgriff und gleichzeitig mit moderner Härte auflud. Besonders Jean-Baptiste Itier verlieh der Band ein neues Gewicht. Sein druckvolles, oft polyrhythmisches Schlagzeugspiel trieb viele Stücke weit tiefer in progressive Metal-Gefilde, ohne dass NEMO dabei jemals ihre melodische Eleganz verloren hätten.
Schon ´Douce Mort´ macht sofort klar, warum dieses Album damals wie ein Paukenschlag wirkte. Guillaume Fontaine eröffnet das Epos mit melancholischem Piano und schimmernden Mellotron-Flächen, ehe plötzlich schwere Gitarrenriffs, hektische Synthesizer-Läufe und scharf akzentuierte Rhythmuswechsel hereinbrechen. Der Song wächst über sechzehn Minuten zu einem düsteren Prog-Epos voller orchestraler Spannungswechsel, jazziger Zwischenspiele und hymnischer Steigerungen. Gerade die Gitarrenarbeit von Jean-Pierre Louveton besitzt dabei enorme Klasse. Mal aggressiv und metallisch, wenige Sekunden später filigran und fast cineastisch.
´Ici, Maintenant´ verbindet klassisches Piano mit energischem Progressive Rock, während ´Miroirs´ stärker auf melancholische Farben setzt. Hier taucht auch Nicolas Boinons Cello auf, das dem Stück eine fragile Schönheit verleiht. Der Titeltrack ´Si´ wirkt dagegen fast hypnotisch. Langsame Gitarrenfiguren, düstere Harmonien und diese typisch französische Gesangsmelodik verleihen dem Song eine eigentümliche Mischung aus Nachdenklichkeit und unterschwelliger Bedrohung.
Den eigentlichen Kern von ´Si Partie 1´ bildet jedoch ´Apprentis Sorciers´. Über zwanzig Minuten entfalten NEMO eine progressive Großtat voller harter Riff-Kaskaden, psychedelischer Hammond-Orgeln, jazziger Fender-Rhodes-Passagen und ausufernder Instrumentalduelle. Gegen Ende zieht die Band das Tempo immer weiter an, bis das Stück schließlich genau an jener berüchtigten Stelle abreißt, die Prog-Fans bis heute diskutieren.
´Si Partie 2´ wirkt noch geschlossener. Jean-Pierre Louveton beschrieb das Album selbst einmal als „56-Minuten-Song“, lediglich unterteilt in einzelne Kapitel. Tatsächlich gehen die Stücke fast nahtlos ineinander über. ´Introduction À La Différence´ greift den offenen Faden sofort wieder auf und entwickelt aus den ersten Takten heraus eine kalte, dystopische Atmosphäre. ´Les Enfants Rois´ lebt anschließend von nervösen Keyboardfiguren und aggressiven Rhythmuswechseln, während ´Même Peau, Même Destin´ zwischen hymnischem Refrain und vertrackten Instrumentalpassagen pendelt.
Besonders eindrucksvoll geraten die beiden Teile von ´L’homme Idéal´. Hier bündeln NEMO ihre gesamte Kritik an technokratischen Gesellschaftsentwürfen zu einem musikalischen Wechselbad aus schweren Gitarrenriffs, hektischen Synthesizer-Linien und melancholischen Ruhephasen. Vor allem der zweite Teil gipfelt in einem der stärksten Gitarrensoli der gesamten ´Si´-Ära. Jean-Pierre Louveton spielt hier emotionaler, direkter und rauer als auf vielen früheren NEMO-Alben.
Auch Stücke wie ´Reflets´ oder ´Une Question De Temps´ zeigen eindrucksvoll, wie souverän die Band zwischen symphonischem Prog, Fusion-Anleihen, psychedelischen Orgelparts und metallischen Ausbrüchen navigierte. Gerade ´Décadanse´ überrascht mit fast jazzrockartigen Einschüben, bevor NEMO wenige Augenblicke später wieder in komplexe Prog-Strukturen drängen. Trotz aller technischen Raffinesse verlieren diese Songs jedoch niemals ihre emotionale Kraft oder ihren erzählerischen Fluss.
Die dritte Disc dokumentiert schließlich den internationalen Durchbruch dieser Besetzung. Nach dem Erfolg von ´Si Partie 1´ spielten NEMO plötzlich auf großen Festivals und internationalen Prog-Bühnen. Genau diese Phase hält ´Si Live´ fest. Die Konzertaufnahmen besitzen deutlich mehr Härte als die Studioversionen. Jean-Baptiste Itier treibt die Songs mit fast metallischer Wucht voran, während Lionel B. Guichard am Bass permanent kleine Gegenmelodien und synkopierte Figuren einstreut.
Vor allem ´Apprentis Sorciers´ entwickelt live eine enorme Energie. Wo die Studioversion kontrolliert und ausgearbeitet wirkt, klingt die Bühne rauer, aggressiver und spontaner. ´Même Peau, Même Destin´ gewinnt live zusätzliche Schwere, während ´Duo Rythmique´ die enorme Präzision der Rhythmusgruppe offenlegt. Besonders eindrucksvoll gerät auch ´L’homme Idéal´, das auf der Bühne deutlich freier interpretiert wird. Jean-Pierre Louveton dehnt seine Soli aus, Guillaume Fontaine antwortet mit wilden Synthesizer-Läufen und die gesamte Band bewegt sich hörbar am Rand kontrollierter Eskalation.
Die 2026er Edition erweitert dieses ohnehin monumentale Werk zusätzlich um mehrere Rehearsal-Demos und den exklusiven Bonus-Track ´Touché-Coulé´. Gerade die Proberaumaufnahmen besitzen großen Reiz, weil sie die Stücke in deutlich roherer Form zeigen. Viele Arrangements wirken direkter, rhythmischer und überraschend hart. Man hört hervorragend, wie sehr diese Band damals eingespielt war.
Klanglich zählt dieses Remaster zu den bereicherndsten Archivveröffentlichungen der letzten Jahre. Jean-Pierre Louveton überarbeitete die Originalaufnahmen in 24-Bit / 48kHz und verzichtete erfreulicherweise auf übertriebene Lautheitskompression. Gleichzeitig bleiben die leisen Passagen erhalten und profitieren enorm von dieser neuen Klarheit. Selbst die Live-Aufnahmen gewinnen massiv hinzu.
Fast zwanzig Jahre nach ihrer ursprünglichen Veröffentlichung wirken ´Si Partie 1´ und ´Si Partie 2´ erstaunlich zeitlos. Während viele Prog-Alben der 2000er heute stark an ihre Entstehungszeit gebunden erscheinen, besitzt dieses Werk noch immer enorme Kraft. NEMO verbanden technische Virtuosität, erzählerische Größe und emotionale Intensität zu einem der wichtigsten französischen Prog-Zyklen der letzten Jahrzehnte. Diese 2026er Jubiläumsedition führt eindrucksvoll vor Augen, warum ´Si´ längst als moderner Klassiker des europäischen Progressive Rock gilt.
http://www.nemo-world.com
https://www.facebook.com/profile.php?id=100051783651342



