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FIR CONE CHILDREN – Vs. The Real World

2026 (Blackjack Illuminist Records) - Stil: Alternative Rock/Dreampunk

Alexander Leonard Donat alias FIR CONE CHILDREN öffnet mit ´Vs. The Real World´ ein Familienalbum, das gleichzeitig Tagebuch, Spielplatz und Gegenwartsprotokoll ist. Ein Coming-of-Age-Werk auf mehreren Ebenen, aufgenommen im Spannungsfeld zwischen Kinderzimmer, Schulhof und Realität. Es ist die zwölfte Station dieses Projekts – und vielleicht die direkteste bisher.

Zwei Töchter stehen im Zentrum der Songs: Eine befindet sich bereits mitten im Umbruch – die Schule ist neu, der Blick schärfer, alles wird schwerer. Die andere hält energisch dagegen und baut sich eigene Welten aus Fantasie, schneller, als die Wirklichkeit sie einholen kann. Dazwischen entsteht dieses Album. Ohne Abstand, ohne Distanz – alles passiert gleichzeitig.

Bereits der Opener ´St. Vincent´ gehört zu den stärksten Momenten der Platte. Donats Tochter singt erstmals aktiv mit und erzählt von ihrem ersten Rockkonzert. Die Lyrics verwandeln diesen Abend in ein riesiges Staunen zwischen Stadionlichtern, Kebab-Bude und der Euphorie vor der Bühne. Musikalisch rast der Song mit flirrenden Gitarren und nervösem Indie-Punk los. Wenn in den Zeilen „When my song meets your song, it feels like home“ plötzlich alles zusammenfällt, erwischt einen das Album sofort emotional.

´Madhu´ dreht den absurden Alltag komplett auf Anschlag. Eine harmlose Lieferfahrt für indisches Essen wird zur durchgeknallten Vorstadtkomödie voller Salatschüsseln, Gummischlangen, Partyhüte und völlig überdrehter Fantasie. Der Song springt mit hektischem Garage-Punk durch die Gegend, als hätten die RAMONES gemeinsam mit THE FLAMING LIPS einen Kindergeburtstag vertont. Gleichzeitig steckt darin erstaunlich viel Wärme.

´Enhype!´ feuert in kaum zweieinhalb Minuten einen hyperaktiven K-Pop-Rausch ab. TikTok-Choreografien, Bildschirmgesten, Tanzbewegungen und Selbstfindung rasen durch einen hektischen Noise-Pop-Song, der irgendwo zwischen digitalem Overload und echtem Glück pendelt. Die Zeile „I am beautiful doing what my heart is requesting“ trifft mitten ins Herz dieses Albums.

´Vampire Queen´ verwandelt Halloween-Schminke und billige Plastikzähne in eine bittersüße Hymne über Freundschaft und Zusammenhalt, während ´Cobra Scam´ mit trockenem Humor den Kauf einer völlig enttäuschenden Spielzeug-Kobra schildert. Der Song klingt herrlich nervös, stolpert über hektische Gitarrenfiguren und macht aus einer lächerlichen Supermarkt-Enttäuschung eine kleine Lektion über Schein und Wirklichkeit.

Die stärksten Stücke sitzen allerdings dort, wo die Aussage emotional ernster wird. ´Severe Weather Warning´ gehört mit seinem treibenden Midtempo und den grauen Regenbildern zu den eindrucksvollsten Songs des Albums. Das Motiv „Heavy rain on Farewell Lane“ zieht sich wie der Schein einer melancholischen Straßenlaterne durchs Stück. Die Kindheit beginnt langsam zu verblassen, während draußen bereits das nächste Unwetter wartet.

´The Mind (Level 12)´ fängt dagegen noch einmal pure Kindheits-Euphorie ein. Pancakes, Arcade-Hallen, Kuchenbacken und überdrehte Liebeserklärungen an Freunde wirbeln durch einen hektischen Indie Rock-Song, der klingt, als würden PIXIES und CHEATAHS gemeinsam durch ein Videospiel rennen.

Besonders stark gerät ´(Hang In There) My Moon´, wenn es plötzlich leiser und persönlicher wird. Der Song beschreibt den schmerzhaften Moment, in dem Kinder beginnen, sich von den Eltern abzunabeln. Zu Lyrics über Scham, Rückzug und verletzte Nähe gleitet das Stück zwischen verträumtem Shoegaze und warmem Indie-Pop dahin, bis sich am Ende doch wieder Hoffnung durchsetzt.

Mit ´Time To Ask´ landet Donat einen ungemein cleveren Track. Die absurde Verhandlung um WhatsApp und den sozialen Anschluss an der neuen Schule entwickelt sich zu einem hektischen Elektro-Punk-Stück voller kindlicher Verzweiflung und Humor. Nach wilden Abwägungen von Ziegen-Challenges und Ukulele-Plänen gibt es am Ende einfach Snapchat, und die Welt ist gerettet – eine ziemlich genaue Beobachtung moderner Jugendkultur.

´Beating The Real World´ bringt das gesamte Albumkonzept schließlich perfekt auf den Punkt. Karton-Geldautomaten, improvisierte Versandhäuser und Fantasie-Wirtschaftssysteme schlagen tatsächlich die triste Erwachsenenwelt. Diese kleinen, erfundenen Parallelwelten wirken in Donats Songs glaubwürdiger als vieles außerhalb dieser Platte.

Der Abschluss ´Forever´ lässt keine Emotion offen. Ganz ohne Pathos vertont Donat einen Abschiedsbrief seiner Tochter Mari an einen verloren gegangenen Menschen. Die Schlichtheit der Worte macht den Song so außergewöhnlich. Keine künstliche Dramatik, nur Liebe, Erinnerung und fassungslose Trauer aus einer kindlich-aufrichtigen Perspektive.

Mit ´Vs. The Real World´ gelingt Alexander Leonard Donat ein charmantes und emotional kluges Indie-Album. Es ist kein Konzept über die Kindheit im klassischen Sinn, eher der unmittelbare Mitschnitt einer Veränderung im laufenden Betrieb. FIR CONE CHILDREN verbindet Punk-Energie, Shoegaze-Flimmern und Familiengeschichten zu einer Platte, die gleichzeitig euphorisch, traurig, albern und erschreckend ehrlich wirkt.

(8 Punkte)

https://blackjackilluministrecords.bandcamp.com/album/vs-the-real-world
https://www.facebook.com/FirConeChildren

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