
PHILLIP GOLUB – Partisan Ship
2026 (Independent) - Stil: Jazz
Mit ´Partisan Ship´ veröffentlicht Phillip Golub eines der kompromisslosesten und zugleich faszinierendsten Avantgarde-Alben der jüngeren New Yorker Jazz-Szene. Der in Brooklyn lebende Pianist, Komponist und Klangarchitekt verbindet darauf mikrotonale Komposition, elektronische Manipulation, freie Improvisation und politische Metaphorik zu einer Platte, die gleichzeitig futuristisch und erstaunlich emotional wirkt. Was auf dem Papier zunächst konstruiert erscheinen könnte, entfaltet beim Hören eine fast hypnotische Sogwirkung.
Schon die Entstehungsgeschichte macht deutlich, dass hier kein gewöhnliches Jazz-Album vorliegt. Phillip Golub entwickelte ´Partisan Ship´ als lose konzipierte musikalische Reise einer Gruppe von „Partisanen“, die auf der Suche nach einer utopischen Zukunft über offene Gewässer treiben. Der Titel spielt bewusst mit den Begriffen „Partisanship“ und „Partisan Ship“. Politische Lagerbildung, kollektive Identität und Widerstand ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk. Gleichzeitig bleibt das Album erstaunlich verspielt. Special-Editionen erschienen sogar mit Origami-Kits, damit Hörer während des Albums kleine Papierboote falten konnten – eine wunderbar schräge Idee, die perfekt zu dieser Mischung aus Konzeptkunst, Ironie und Ernsthaftigkeit passt.
Musikalisch bewegt sich Phillip Golub weit außerhalb klassischer Jazz-Konventionen. Im Mittelpunkt des Albums steht seine Arbeit mit Mikrotonalität. Statt sich an die üblichen zwölf Halbtöne westlicher Musik zu halten, verschiebt er Harmonien minimal gegeneinander und lässt Akkorde beinahe physisch oszillieren. Besonders spannend wird das durch die Kombination aus akustischen Instrumenten und Synthesizern wie dem Behringer Neutron oder den Arturia-Systemen. Das Klavier fungiert oft als vertrauter Orientierungspunkt, während elektronische Klänge langsam zwischen die Tonhöhen gleiten und den gesamten Untergrund instabil wirken lassen.
Dabei bleibt ´Partisan Ship´ erstaunlich organisch. Die hochkarätige Besetzung verleiht dem Album enorme Lebendigkeit. Yuma Uesaka steuert Klarinetten, Bassklarinette, Kontrabassklarinette und die bizarre Bass Clariflute bei – ein hybrides Instrument mit tiefem, luftigen Klang, der tatsächlich an knarzende Schiffswände oder Wind in alten Segeln erinnert. Amir ElSaffar bringt seine Viertelton-Trompete ins Spiel und erweitert das harmonische Spektrum zusätzlich in Richtung arabischer Maqam-Musik. Anna Webber, David Leon, Layale Chaker, Elias Stemeseder, Sam Minaie und Jon Starks formen daraus ein Ensemble, das ständig zwischen präziser Konstruktion und kontrolliertem Kontrollverlust pendelt.
Schon im Opener ´loyalty oath´ schieben sich metallisch flirrende Synthesizer, nervöse Bläserfiguren und synkopierte Rhythmen permanent gegeneinander. ´interlude (aboard)´ wirkt anschließend wie das Betreten eines fremden Maschinenraums: kurze Loops, kalte Elektronik und ein beinahe klinischer Minimalismus.
Im Titeltrack ´partisan ship´ kollidieren Jazz-Improvisation, elektronische Abstraktion und vertrackte Grooves frontal miteinander. Besonders das Zusammenspiel zwischen Amir ElSaffars Trompete und Phillip Golubs Synthesizern erzeugt eine hohe Spannung.
´mutiny meeting´ entstand praktisch aus einem technischen Defekt heraus. Während der Aufnahme begann Phillip Golubs überhitzter Behringer Neutron plötzlich unkontrolliert zu wummern. Anstatt abzubrechen, reagierte die gesamte Band spontan auf diese instabilen Tonhöhen.
Die drei Interludes strukturieren das Album wie Orientierungspunkte auf offener See. ´interlude (adorn)´ verbindet fragile Synthesizerflächen mit schwebenden mikrotonalen Verschiebungen und wirkt fast wie eine unheimliche Ruhe vor dem Sturm. ´interlude (adrift)´ markiert schließlich den völligen Kontrollverlust.
Besonders eindrucksvoll gerät ´blue-orange reflections´. Phillip Golub versuchte hier, das visuelle Flimmern von Lichtreflexionen auf Wasser musikalisch abzubilden. Die Bläser spielen minimal gegeneinander verstimmte Töne, wodurch ein permanentes Schimmern entsteht.
Anna Webber und Yuma Uesaka liefern sich in ´cries of the initiated´ auf getrennten Stereokanälen ein fast rituelles Wechselspiel aus Flöten-, Saxophon- und Klarinettenfiguren. David Leons Altsaxophon führt das Ensemble in ´utopian micronation´ durch hymnische Passagen, die fast wie die Gründung einer imaginären Gemeinschaft wirken. Und im kurzen Finale ´afterword: partisan session´ gab Phillip Golub den Musikern lediglich die Anweisung, sich wie Schiffbrüchige zu verhalten, die gemeinsam ein Floß bauen.
Technisch ist ´Partisan Ship´ ebenso außergewöhnlich wie musikalisch. Besonders spannend ist die extreme Stereo-Aufteilung mancher Bläserparts. Auf ´partisan ship´ und ´cries of the initiated´ liegen bestimmte Instrumente bewusst hart links oder rechts im Mix, damit die mikrotonalen Reibungen räumlich noch intensiver wirken. Auch Phillip Golubs sogenanntes „Flexichord“-Setup spielt eine zentrale Rolle. Mithilfe der Pianoteq-Software manipulierte er virtuelle Klaviermodelle weit über die Möglichkeiten eines realen Konzertflügels hinaus. Dadurch entstehen diese fast surrealen Harmonien, die sich permanent leicht verschieben und niemals vollständig zur Ruhe kommen.
Trotz aller theoretischen Komplexität verliert ´Partisan Ship´ jedoch nie seine emotionale Wirkung. Genau das macht dieses Album letztlich so bemerkenswert. Phillip Golub gelingt das Kunststück, hochkomplexe mikrotonale Musik voller mathematischer Präzision zu erschaffen, die gleichzeitig warm, fremdartig und zutiefst menschlich wirkt.
´Partisan Ship´ ist deshalb weit mehr als ein experimentelles Jazz-Album. Phillip Golub entwirft hier eine futuristische Klangwelt zwischen politischer Allegorie, mikrotonaler Forschung, improvisierter Energie und elektronischer Grenzüberschreitung. Ein radikales, mutiges und brillant ausgeführtes Werk, das den amerikanischen Avantgarde-Jazz der späten 2020er Jahre entscheidend mitprägen dürfte.
(9 Punkte)
https://www.instagram.com/phillipgolub/
https://phillipgolub.bandcamp.com/album/partisan-ship-2
http://phillipgolubmusic.com/
(VÖ: 15.05.2026)



