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ELLA FITZGERALD – Ella Fitzgerald Sings The Cole Porter Song Book

1956/2026 (Verve Records/UMe) - Stil: Jazz/Pop

Mitternacht in Manhattan. Das Klirren von Cocktailgläsern mischt sich mit gedämpftem Gelächter, irgendwo zieht Zigarettenrauch durch das Halbdunkel einer Hotelbar, und hinter den schweren Samtvorhängen beginnt eine kleine Band zu spielen. Genau dort scheint ´Ella Fitzgerald Sings The Cole Porter Song Book´ bis heute zuhause zu sein. Diese Musik gehört zu einer Welt aus Eleganz, Glamour und großen Gefühlen, die längst vergangen ist und dennoch mit jedem Ton wieder lebendig wird.

1956 befand sich der amerikanische Jazz an einem Wendepunkt. Charlie Parker hatte den Bebop revolutioniert, Miles Davis blickte bereits in neue Richtungen, und viele Kritiker betrachteten traditionelle Songwriter längst als Relikte einer vergangenen Ära. Genau in diesem Moment setzte Norman Granz ein Zeichen. Statt Trends hinterherzulaufen, richtete er den Blick zurück auf die großen Komponisten Amerikas.

Seine Wahl fiel dabei auf Cole Porter. Ein Mann, dessen Lieder alles besaßen, was große Unterhaltung ausmacht: Witz, Romantik, Sehnsucht, Ironie und eine fast aristokratische Eleganz. Cole Porter schrieb seine Texte und Melodien selbst. Seine Songs klangen nach Luxus und Nachtleben, nach Broadway und Park Avenue, nach Champagner und gebrochenen Herzen.

Um diese Welt zum Leben zu erwecken, brauchte es die richtige Stimme. Ella Fitzgerald war damals bereits eine feste Größe im Jazz. Doch mit diesem Album begann eine neue Phase ihrer Karriere. Aus der brillanten Swing- und Bebop-Sängerin wurde die große Hüterin des Great American Songbook. Rückblickend markiert dieses Doppelalbum den eigentlichen Beginn ihres künstlerischen Vermächtnisses.

Die Aufnahmen entstanden im Frühjahr 1956 in Hollywood. Norman Granz hatte ursprünglich mit Nelson Riddle geplant, doch dessen Verpflichtungen bei Frank Sinatra machten eine Zusammenarbeit unmöglich. Also vertraute er dem gerade einmal 24-jährigen Buddy Bregman die Arrangements an. Ein Risiko. Ein Triumph.

Buddy Bregman verstand sofort, worum es ging. Seine Arrangements besitzen Größe und Glanz, verlieren aber nie den Blick für die eigentliche Hauptfigur. Die Bläser strahlen, die Streicher schimmern, die Rhythmusgruppe swingt mit federnder Leichtigkeit durch die Songs.

Im Zentrum steht jedoch immer Ella Fitzgerald. Und was für eine Stimme das war. 1956 befand sie sich auf dem absoluten Höhepunkt ihrer Möglichkeiten. Die berühmte Klarheit ihres Timbres war vollständig entwickelt, ihr Timing nahezu unfehlbar und ihre Artikulation von einer Präzision, die selbst Cole Porter tief beeindruckte.

Das Album lebt von Kontrasten. Auf der einen Seite stehen die großen Swing-Nummern, die den Geist der Big-Band-Ära atmen. ´Anything Goes´ entfaltet vom ersten Moment an pure Lebensfreude. Die Musiker treiben den Song mit sichtbarer Begeisterung voran, während Ella Fitzgerald durch die anspruchsvollen Textpassagen gleitet, als hätte Cole Porter sie eigens für ihre Stimme geschrieben.

Noch explosiver gerät ´Too Darn Hot´. Hier beginnt das Album förmlich zu brennen. Die Rhythmusgruppe entwickelt einen unwiderstehlichen Groove, die Bläser setzen scharfe Akzente und Ella Fitzgerald liefert eine Lektion in rhythmischer Perfektion. Die Wortkaskaden schießen in atemberaubendem Tempo vorbei, doch jede Silbe bleibt kristallklar.

Auch ´Just One Of Those Things´ gehört zu den großen Demonstrationen ihrer technischen Brillanz. Das Stück rast vorwärts, wechselt ständig die Richtung und verlangt höchste Konzentration. Ella Fitzgerald wirkt dabei vollkommen entspannt. Sie spielt mit den Melodien, dehnt Phrasen, setzt Akzente und verleiht dem Song eine Energie, die noch heute ansteckend wirkt.

Eine andere Facette offenbaren die humorvollen Porter-Klassiker. ´Let’s Do It (Let’s Fall In Love)´ funkelt vor Charme und Augenzwinkern. Cole Porters feine Doppeldeutigkeiten leben von Nuancen, und kaum jemand verstand diese Kunst besser als Ella Fitzgerald. Ihre Interpretation besitzt Leichtigkeit, Witz und genau die richtige Portion Eleganz. Ähnliches gilt für ´Always True To You In My Fashion´. Hier zeigt sich ihre Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Jede Pointe sitzt. Man hört einer großen Erzählerin zu.

Den emotionalen Kern des Albums bilden jedoch die Balladen. Wenn die ersten Takte von ´Ev’ry Time We Say Goodbye´ erklingen, verändert sich die Atmosphäre schlagartig. Die Musik scheint plötzlich stillzustehen. Buddy Bregman öffnet einen weiten, fast schwerelosen Raum, in dem Ella Fitzgerald jede Zeile mit berührender Natürlichkeit formt. Keine großen Gesten. Kein übertriebener Schmerz.

Auch ´In The Still Of The Night´ gehört zu den magischen Momenten dieses Albums. Die Streicher bauen einen majestätischen Spannungsbogen auf, die Bläser verleihen dem Arrangement Tiefe und Größe, während Ella Fitzgerald über allem schwebt. Die Aufnahme besitzt eine beinahe filmische Wirkung.

Besonders faszinierend bleibt ´I Love Paris´. Das Stück beginnt beinahe zärtlich. Wie ein nächtlicher Spaziergang entlang der Seine. Doch langsam wächst die Dynamik. Das Orchester öffnet sich, die Musik gewinnt an Größe und entfaltet schließlich die ganze Pracht eines klassischen Broadway-Finales.

Dann gibt es jene Songs, in denen die Schattenseite von Cole Porters Welt sichtbar wird. ´Miss Otis Regrets´ zählt zu den eindrucksvollsten Interpretationen ihrer gesamten Karriere. Die tragische Geschichte einer Frau, die erst aus Leidenschaft tötet und später selbst ihrem Schicksal begegnet, entwickelt eine beklemmende Intensität.

Ähnlich stark wirkt ´Get Out Of Town´. Dunkle Harmonien ziehen durch den Song wie Nebelschwaden durch einen verlassenen Club kurz vor Morgengrauen. Das Arrangement bleibt sparsam, beinahe intim. Ella Fitzgerald nutzt jede Nuance ihrer Stimme und erschafft einen Moment voller Melancholie und Geheimnisse.

Mit ´Love For Sale´ erreicht das Album schließlich einen weiteren Höhepunkt. Das Thema war bereits in den fünfziger Jahren provokant. Ein Lied über Prostitution verlangte Fingerspitzengefühl und Reife. Ella Fitzgerald begegnet dem Stoff mit Würde und erstaunlicher Tiefe. Ihre Interpretation wirkt verletzlich, bluesig und menschlich. Aus einem kontroversen Song wird große Kunst.

Der Einfluss dieses Albums auf die Musikgeschichte lässt sich kaum überschätzen. Mit einem Schlag etablierte es das Konzept des Songbook-Albums. Zahlreiche Sängerinnen und Sänger orientierten sich später an diesem Vorbild. Die gesamte Serie entwickelte sich zu einem der wichtigsten Projekte des amerikanischen Jazz.

Selbst die großen Songwriter zeigten sich beeindruckt. Ira Gershwin bemerkte später, er habe erst durch Ella Fitzgerald erkannt, wie gut manche dieser Lieder wirklich seien. Eine größere Anerkennung kann es für eine Interpretin kaum geben.

Siebzig Jahre später erscheint dieses Meisterwerk nun in der “Verve Acoustic Sounds Series” erneut auf Vinyl – und selten hat eine Wiederveröffentlichung ihre Existenz so sehr gerechtfertigt wie hier.

Für die 2026er Ausgabe wurden die originalen analogen Masterbänder herangezogen. Die Pressung entstand bei “Quality Record Pressings” auf schwerem 180g-Vinyl. Und sofort wird deutlich, weshalb diese Serie unter Audiophilen einen beinahe legendären Ruf genießt.

Die originale Mono-Abmischung besitzt eine Geschlossenheit und Wärme, die moderne Produktionen oft vermissen lassen. Ella Fitzgerald steht greifbar im Raum. Jede Nuance ihrer Stimme wird hörbar.

Besonders beeindruckend ist die Ruhe dieser Pressung. Zwischen den Musikpassagen herrscht nahezu absolute Stille. Die Songs scheinen direkt aus dem Nichts aufzutauchen und füllen den Raum mit einer Präsenz, die man kaum beschreiben kann.

Auch die Verpackung bewegt sich auf höchstem Niveau. Das schwere Tip-On-Gatefold reproduziert das originale Artwork mit großer Liebe zum Detail. Schon das Aufklappen vermittelt das Gefühl, ein Stück Musikgeschichte in den Händen zu halten.

Wenn die Nadel nach fast zwei Stunden schließlich die Auslaufrille erreicht, bleibt weit mehr zurück als die Erinnerung an eine außergewöhnliche Sängerin. Man hört den Klang einer Epoche. Man hört die Eleganz eines Amerikas, das längst verschwunden ist. Man hört einen Moment, in dem Talent, Material, Produktion und künstlerische Vision vollkommen zusammenfanden.

´Ella Fitzgerald Sings The Cole Porter Song Book´ besitzt bis heute jene seltene Ausstrahlung, die wahre Klassiker umgibt. Die Musik wirkt lebendig, voller Wärme und voller Seele. Sie altert nicht. Sie wächst.

Und während draußen die Nacht langsam heller wird, scheint Ella Fitzgerald noch immer irgendwo zwischen den Lautsprechern zu stehen und diese Lieder zu singen, als wären sie gerade erst geschrieben worden.

Ein Meilenstein des Vocal Jazz und eine der großen Sternstunden amerikanischer Populärmusik.

Klassiker.

https://www.facebook.com/EllaFitzgerald

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