
MUDDY WATERS – Muddy Waters At Newport 1960
1960/2026 (Chess Records) - Stil: Blues
Newport, Rhode Island, der Morgen des 3. Juli 1960. Über dem Festivalgelände liegt noch der Geruch von Tränengas. In der Nacht zuvor haben betrunkene Jugendliche mit der Polizei regelrechte Straßenschlachten ausgetragen. Die Stadtverwaltung will das Festival am liebsten sofort beerdigen, und nur nach zähen Verhandlungen bekommt der sogenannte Blues-Sonntag überhaupt noch grünes Licht. Die Stimmung im Publikum ist angespannt, fast traumatisiert. In diese Stimmung hinein tritt ein 47-jähriger Mann aus Mississippi und dreht den Gemütszustand komplett um.
Muddy Waters heißt der Mann. Geboren als McKinley Morganfield in Rolling Fork, Mississippi, hat er sich in den Clubs von Chicago zum unangefochtenen König des elektrischen Blues hochgespielt, und an diesem Nachmittag will er es der halben Musikwelt beweisen. Seine Band tritt in strahlend weißen Maßanzügen an, Otis Spann am Klavier, Pat Hare an der Gitarre, James Cotton an der Mundharmonika, Andrew Stevens am Bass, Francis Clay am Schlagzeug. Er selbst trägt Schwarz. Der Kontrast ist kein Zufall, sondern Inszenierung pur, ein optisches Statement, das schon vor dem ersten Ton klarstellt, wer hier der Boss ist.
Von großem Gefolge kann bei diesem Auftritt keine Rede sein. Die Verstärker und Instrumente schleppt ausgerechnet Chuck Berry auf die Bühne, der am selben Nachmittag ebenfalls spielt und ohne falsche Berührungsängste den Roadie für sein großes Vorbild gibt. Muddy Waters hatte Chuck Berry fünf Jahre zuvor überhaupt erst den Plattenvertrag bei “Chess Records” vermittelt, und offenbar zahlt sich diese Geste jetzt in schweißtreibender Handarbeit aus.
Muddy Waters eröffnet das Set denkbar leise. ´I Got My Brand On You´ ist zu diesem Zeitpunkt so neu, dass der Song noch nicht einmal im Handel erhältlich ist, und die Band spielt ihn zurückhaltend, fast schon vorsichtig. Es ist eine kluge Entscheidung. Ein traumatisiertes Publikum lässt sich nicht mit der Brechstange erobern, sondern Schritt für Schritt, und das passiert in den folgenden vierzig Minuten.
Mit ´(I’m Your) Hoochie Coochie Man´ zieht die Band das erste Mal richtig an. Ohne das schwere Studio-Echo von „Chess Records“ verliert der Song seinen mystischen Voodoo-Schleier, gewinnt dafür aber an nackter Wucht, weil Francis Clays Schlagzeug und James Cottons Mundharmonika das berühmte Riff durch die Freiluftbühne treiben. ´Baby, Please Don’t Go´ folgt im Laufschritt, James Cotton bläst ein Solo, das fast schon ins Rockige kippt, und der traditionelle Delta-Blues bekommt urplötzlich einen modernen Puls.
Bei ´Soon Forgotten´ übernimmt Otis Spann die Regie und schenkt dem Publikum eine Verschnaufpause. Seine perlenden, jazzig eingefärbten Klavierläufe sind wie gemacht für ein Publikum, das eigentlich wegen Miles Davis oder Dave Brubeck nach Newport gekommen ist, und für ein paar Minuten trifft sich der Blues mit dem Jazz auf Augenhöhe.
´Tiger In Your Tank´, geschrieben von Willie Dixon, war im Studio ein polierter R&B-Track. In Newport wird daraus eine Nummer, die schlicht durchdreht, die Musiker lassen den Rhythmus von der Kette, und irgendwo zwischen den Stuhlreihen fangen die ersten Zuschauer an zu tanzen. Das steife Jazzpublikum, das eine Nacht zuvor noch Tränengas geschluckt hat, gerät ins Wanken.
´I Feel So Good´ von Big Bill Broonzy hatte Muddy Waters kurz zuvor fürs Studio aufgenommen. Live fegt seine Band die Studiofassung beiseite, Pat Hares Rhythmusgitarre treibt gnadenlos nach vorne, und er presst den Gesang beinahe atemlos heraus.
Dann kommt der Moment, für den sich die ganze Anreise gelohnt hat. ´Got My Mojo Working´ verwandelt Newport in ein Tollhaus. Muddy Waters tanzt, stolziert, wirbelt über die Bühne, so wild, dass ihm mitten im Song die Hose reißt. Er ignoriert es einfach und tanzt weiter, während das Publikum jede Contenance verliert. Als der Song endet, ist an ein Ende noch lange nicht zu denken, die Band legt einen zweiten Teil nach, eine rasende Zugabe, die im Studio niemals hätte entstehen können, weil sie nur von der Energie eines vollkommen entfesselten Publikums lebt.
Nach so viel Ekstase bleibt Muddy Waters die Stimme weg. Der Dichter Langston Hughes, der an diesem Nachmittag durchs Programm führt, hat kurz vor dem Auftritt spontan ein paar Zeilen zu Papier gebracht, tief bewegt von der Vorstellung, dass dies das letzte Newport Jazz Festival überhaupt sein könnte. Weil er keine Stimme mehr hat, übernimmt Otis Spann das Blatt, improvisiert am Klavier eine Melodie und singt den Text direkt vom Zettel ab. ´Goodbye Newport Blues´ entsteht auf diese Weise völlig unvorbereitet, roh und fehlerhaft, und trotzdem ist es einer der bewegendsten Momente des ganzen Nachmittags.

Wer sich das Album-Cover ansieht, hält auch reflexartig nach Muddys Gitarre Ausschau. Denn zu sehen ist Muddy Waters auf dem Cover mit einer eleganten Archtop-Gitarre, gespielt hat er an diesem Nachmittag aber seine schwere elektrische Fender Telecaster. Der Fotograf William Claxton bat ihn backstage um ein Porträt, doch er hatte sein eigenes Instrument bereits auf der Bühne verkabelt zurückgelassen. Sein Freund John Lee Hooker, der ebenfalls in Newport auftrat, reichte ihm kurzerhand die eigene Akustikgitarre für das Foto.
Diese kleine Verwechslung entfaltete eine Wirkung, die niemand geplant hatte. Anfang der Sechzigerjahre boomt in Amerika die Folk-Bewegung, das intellektuelle Publikum liebt den akustischen Blues der Südstaaten und rümpft die Nase über elektrische Verstärker. Wer im Plattenladen das Cover sah, erwartete eine traditionelle Folk-Platte und bekam beim Auflegen der Nadel die volle elektrische Wucht des Chicago Blues serviert. Dieses Cover verkaufte daher vermutlich mehr Platten, als es eines mit elektrischer Gitarre getan hätte.
Vom selben Nachmittag stammt auch eine zweite Foto-Serie, die heute als eine Art Heiliger Gral der Blues-Fotografie gilt. Der Fotograf Burt Goldblatt hält in einer Garderobe ein informelles Gipfeltreffen fest. Muddy Waters, John Lee Hooker, T-Bone Walker, Sonny Terry, Brownie McGhee und James Cotton sitzen dort zusammen und spielen stundenlang Poker und Blackjack, statt sich nervös auf ihre Auftritte vorzubereiten. Männer in Maßanzügen, Sonnenbrillen im verrauchten Zimmer, Geldscheine, die über den Tisch wandern, während draußen vor den Toren die Stadt nach den Krawallen im Ausnahmezustand versinkt.
Zwei Jahre später sitzt ein junger Brite namens Brian Jones am Telefon mit der Musikzeitschrift “Jazz News” und soll eine Anzeige für den ersten großen Gig seiner Band aufgeben. Nur hat die Band noch gar keinen Namen. Brian Jones blickt sich panisch im Zimmer um. Auf dem Boden liegt eine Compilation von “Chess Records” mit den größten Songs von Muddy Waters, und der erste Titel der Tracklist heißt ´Rollin’ Stone´. Brian Jones zögert keine Sekunde. THE ROLLING STONES sind geboren, das G kommt erst wenig später dazu.
´Rollin’ Stone´ selbst ist eine radikal reduzierte Coverversion des alten Delta-Standards ´Catfish Blues´, nur Muddy Waters’ Stimme und seine klagende, verzerrte Gitarre, sonst nichts. Zwei Jahre nach der Namensgebung betreten THE ROLLING STONES die Studios von “Chess Records” in Chicago, um dort selbst aufzunehmen, und treffen auf ihr Idol. Der Legende nach steht Muddy Waters gerade auf einer Leiter und streicht die Decke, weil ihm das Label nicht mehr genug zahlt, wobei ehemalige Mitarbeiter von “Chess Records” später einwenden, die Geschichte sei ein wenig ausgeschmückt. Wahr oder nicht, sie trifft den Kern der Sache, er hilft den jungen Briten sogar dabei, ihre Verstärker aus dem Tourbus zu schleppen.
Mick Jagger besitzt die Platte als Teenager und hört sie in Dauerschleife, seine gesamte Gesangsphrasierung, das atemlose Drängen, das Spiel mit dem Publikum, all das stammt aus diesen gut vierzig Minuten in Newport. Eric Clapton wiederum verliebt sich in Pat Hares aggressive, verzerrte Rhythmusgitarre, besonders in ´Tiger In Your Tank´, und jagt diesem Sound erst bei THE YARDBIRDS und später bei CREAM hinterher. THE YARDBIRDS dokumentieren mit ´Five Live Yardbirds´ ihre eigene Version dieser Suche, John Mayall zieht mit ´Blues Breakers With Eric Clapton´ nach, beide Alben wollen einfangen, was in Newport 1960 mühelos gelang, die Magie einer Band im direkten Kontakt mit einem Publikum, ohne Netz und doppelten Boden.

2026 legt die “Chess Acoustic Sounds Series” dieses Live-Album in einer Fassung neu auf, die den Katalog des legendären Chicagoer Blues-Labels endlich in bestmöglicher Qualität würdigt. Für das Mastering direkt von den analogen Originalbändern zeichnet Matthew Lutthans bei “The Mastering Lab” verantwortlich. Gepresst wird das schwere 180g-Vinyl natürlich bei “Quality Record Pressings” in Kansas.
Auch fürs Auge und die Hände ist gesorgt. Das Cover kommt als schweres Tip-On-Gatefold, bei dem das Artwork auf dicken Karton gedruckt und anschließend aufkaschiert wird, ganz so, wie es in den fünfziger und sechziger Jahren üblich war. Es fühlt sich wertig an und wird nicht binnen weniger Jahre an den Kanten ausfransen, wie es bei dünn bedruckten Standardhüllen gerne passiert.
´At Newport 1960´ ist mehr als eine wilde Nacht in Rhode Island. Es ist ein Meilenstein zwischen Delta-Blues und britischem Rock, es ist die Geburtsurkunde des Blues Rock, auch wenn das damals noch niemand so nennen konnte. Ohne diese vierzig Minuten hätte es THE ROLLING STONES, THE YARDBIRDS oder CREAM in dieser Form vermutlich nie gegeben, und die Vinyl-Neuauflage von 2026 macht diesen Nachmittag jetzt so greifbar wie nie zuvor. ´At Newport 1960´ zeigt ekstatisch die musikalische Energie, wie ein Publikum in vierzig Minuten komplett erobert wird. Wer wissen will, wie sich der Moment anfühlt, in dem der elektrische Blues die weiße Popmusik für immer verändert hat, kommt an dieser Referenz-Pressung nicht vorbei. Der 3. Juli 1960 war der Tag, an dem in Newport der Blues erwachsen wurde.



