
TOKUNBO – Lost & Found
2026 (Yoruba Girl Records) - Stil: Folk Noir, Jazz, Adult Pop, Singer-Songwriter
Wenn die Nächte endlich wieder diesen dunklen, schweren Dunst auf die Straßen legen und der Spätsommer die Luft mit kühlem Abendrauch schwängert, zieht eine Stimme durch das Dunkel, die keinen Raum für Nebensächlichkeiten lässt. Tokunbo Akinro ist zurück. Die Grande Dame des Folk Noir legt mit ´Lost & Found´ ihr viertes Solo-Werk vor und es ist ein echtes Glanzstück geworden. Wer die Nadel auf diese Rillen setzt, betritt kein flüchtiges Digitalkonstrukt der Neuzeit. Das hier schmeckt nach analoger Magie. Es riecht nach altem Holz, feuchter Erde, zerkratzten Polaroid-Fotos und genau jener unbeugsamen musikalischen Seele, die man in Zeiten von künstlicher Konservenmusik suchen muss.

Wenn der berauschend intime Opener ´Cocoon´ den Vorhang hebt, öffnet sich ein intimer Klangraum, der völlig ohne Getöse auskommt. Da genügt ein entspannt gezupftes Akustikgitarrenmotiv von Ulrich Rode, über das sich die samtige, leicht rauchige Stimme von Tokunbo Akinro legt. Das ist kein müder Pop-Aufguss. Hier brennt das innere Feuer einer Künstlerin, die mit ihrer eingeschworenen Begleitband über zwölf Jahre hinweg zu einer absolut unzertrennlichen Einheit zusammengewachsen ist. Ulrich Rode an den warmen Holzgitarren, Christian Flohr am gezupften Kontrabass, sowie Schlagzeuger Matthias Meusel. Diese Truppe zieht den Hörer in einen Sog aus folkigem Jazz, verwaschenen Westcoast-Erinnerungen und dunkler Melancholie. Multi-Instrumentalistin Anne de Wolff setzt dem Ganzen schließlich mit ihren Streicher-Arrangements und schwebenden Vibraphon-Tupfern die Krone auf.
Thematisch gerät diese Scheibe zu einer tiefschürfenden Reise durch die Fundgrube des menschlichen Daseins. Aufgewachsen zwischen den staubigen Pisten Nigerias und der beschaulichen Enge einer deutschen Kleinstadt, balanciert Tokunbo Akinro auf den steilen Klippen der eigenen Identität. Die Songs greifen tief hinein in das Gedächtnis von drei Generationen. Sie erzählen vom Verlieren, vom Wiederfinden, vom Loslassen und vom Stolz der eigenen Wurzeln. In ´70s Magazine Memory´ scheint der Geist ihres verstorbenen Vaters leise durch das Studio zu wandern, umrahmt von einem warmen Retro-Sound, der bis über beide Ohren in der Ära von FLEETWOOD MAC und den zeitlosen Arrangements eines Burt Bacharach badet. Mit beschwingter Leichtigkeit zirkelt die Vorab-Single ´Stop Motion Movie´ durch den Raum, während das grandios reduzierte ´Lost My Ace´ plötzlich eine düstere, fast schon spukhafte Blues-Aura heraufbeschwört.
Ein absolutes Highlight bildet das schwebende Duett ´Polaroid Life´, auf dem Gastsänger Phil Siemers an der Seite von Tokunbo Akinro brilliert. Und da das vierte Album laut Tokunbo Akinro symbolisch für das Element Wasser steht, bildet der Track ´Under Water´ das pulsierende Herzstück dieser Vision. Das wunderschöne ´Ballerina´ tänzelt hingegen auf einem gläsernen Vibraphon-Teppich durch das Dunkel, bevor das generationenübergreifende Epos ´Empty Nest´ schmerzhaft ehrliche Worte für das Älterwerden und das Flüggewerden der eigenen Kinder findet. Im befreienden Schlusspunkt ´It’s Alright´ fällt schließlich alle Last ab. Ein sanftes Mantra des Trostes.

Man muss auch die soundtechnische Seite dieser Göttergabe explizit huldigen. Tonmeister Marc Ebermann hat im Hamburger “BluHouse Studio” ein klangliches Monument geschaffen, das jeden Hi-Fi-Fetischisten vor Ehrfurcht knien lässt. Hier knarzt die Saite, hier schwingt das Holz der Trommeln spürbar im Raum, hier vibriert die Luft vor Plastizität. Wer dieses Album über ein vernünftiges Nadel-System oder hochwertige Wandler jagt, erlebt ein phänomenales, greifbares Drama voller Dynamik.
TOKUNBO beweist mit diesem Meilenstein eindrucksvoll, dass echter Singer-Songwriter-Folk Noir noch immer die Macht besitzt, Herzen zu brechen und verirrte Seelen zu heilen. Ein organisches und schmerzhaft schönes Meisterwerk von zeitloser Eleganz!
(9 Punkte)
https://www.facebook.com/tokunbomusic
(VÖ: 25.09.2026)



