
JIMMY REED – Jimmy Reed At Carnegie Hall
1961/2026 (Craft Recordings/Acoustic Sounds) - Stil: Chicago Blues
Am 13. Mai 1961 betrat Jimmy Reed tatsächlich die Bühne der “Carnegie Hall”, stand neben Muddy Waters und Big Maybelle im Rampenlicht New Yorks, und trotzdem stammt kein einziger Ton auf diesem Album von jenem Abend. “Vee-Jay Records”, sein Label, schaffte es dereinst schlichtweg nicht, die Bänder rechtzeitig laufen zu lassen, vertragliche Hürden, technisches Chaos, wer weiß das heute noch.
Also sperrte man Jimmy Reed und seine Band kurzerhand in die “Bell Sound Studios”, ließ sie die geplante Setlist Ton für Ton nachspielen und verschweißte die fertige Doppel-LP hermetisch in Zellophan, damit niemand im Laden vorab die klein gedruckte Wahrheit im Booklet entdeckte. Unter New Yorker Musikern kursierte prompt ein bitterböser Treppenwitz: Wie kommt Jimmy Reed eigentlich in die “Carnegie Hall”, lautete die Frage, indem er sich an Muddy Waters’ Rockschoß festklammert, die Antwort – gemein, aber nicht ganz falsch, denn technische Präzision war nie Jimmy Reeds größte Stärke. Und diese Scheibe ein Schwindel, dreist wie ein Falschspieler beim Pokerabend, und trotzdem, oder gerade deswegen, eine der einflussreichsten Bluesplatten überhaupt.
Jimmy Reed war kein Fingerakrobat, eher ein hypnotischer Wiegenlied-Priester des Chicago Blues, dessen schleppender Shuffle-Groove, jener berühmte Jimmy Reed-Shuffle, die Verstärker unzähliger Rockbands Englands später zum Glühen brachte, von THE ROLLING STONES bis THE YARDBIRDS, Bands, die seine Riffs studierten wie Bibelverse.
Gitarre und Mundharmonika gleichzeitig, Stimme genuschelt wie durch dicken Nebel, fertig war die Formel. Nur ein Problem trübte den Glanz. Jimmy Reed trank hart, trank verheerend, dazu kam eine jahrelang unerkannte Epilepsie, sodass er im Studio oft nicht mehr wusste, welche Zeile als Nächstes kam.
Die Rettung saß buchstäblich im Schatten hinter ihm. Mary Reed, von allen liebevoll Mama genannt, flüsterte oder sang ihm jede Zeile Sekunden vor dem Einsatz ins Ohr, ein menschlicher Souffleur mit Ehering, und auf manchen Spuren hört man ihre Stimme bis heute leise mitschwingen. Sie war zudem Co-Autorin von Hits wie ´Bright Lights, Big City´, was sie vom bloßen Rettungsanker zur echten Miturheberin der Legende macht.
Versteckt am Schlagzeug bei ´You Don’t Have To Go´ sitzt derweil ausgerechnet Albert King, jener spätere Titan der Blues-Gitarre, der zu dieser Zeit in Chicago noch keinen Job als Sechssaiten-König fand und sich stattdessen hinter den Trommeln verdingte. Manche Bluesarchäologen munkeln sogar, ein blutjunger Curtis Mayfield habe bei einzelnen Takes heimlich die Rhythmusgitarre gezupft, unbestätigt, aber zu schön, um es nicht zu erwähnen.
Man höre nur ´Bright Lights, Big City´, das Kronjuwel der Platte, längst in die “Rock and Roll Hall of Fame” gewählt, wie es auf einem stampfenden Shuffle dahinschlurft, während im Hintergrund, kaum hörbar, Mamas Flüsterstimme mitläuft wie ein Schutzengel mit Mikrofon. Oder ´Kind Of Lonesome´, in dem die Mundharmonika klagt wie ein verlassener Hund vor verschlossener Tür, während Willie Dixons Bass den Boden unter der Trauer festzurrt. Chaos hatte seinen Preis. Produzent Calvin Carter, verzweifelt genug für kriminelle Energie, bezahlte einen befreundeten Polizisten dafür, Jimmy Reed am Vorabend wichtiger Sessions grundlos zu verhaften und über Nacht in der Ausnüchterungszelle schmoren zu lassen, nur um ihn morgens nüchtern und pünktlich zum Studio zu kutschieren, Jimmy Reed selbst erfuhr bis zu seinem Tod nichts von der Inszenierung.
Noch dreister war sein eigener Trick auf der Bühne, ein dünner Schlauch, versteckt in der Mundharmonika-Halterung, führte bis zur Whiskeyflasche in der Jackentasche, sodass er unbemerkt nippen konnte, während das Publikum staunte, wie betrunken er im Laufe eines Sets wurde, ohne je ein Glas zu heben. Jahrelang hielt man seine Krampfanfälle für simples Delirium tremens, bis ein Arzt viel zu spät die wahre Diagnose stellte, schwere Epilepsie. 1976 starb Jimmy Reed mit gerade einmal fünfzig Jahren an einem dieser Anfälle.
Fünfzig Jahre reichten trotzdem, um Spuren zu hinterlassen, die bis heute nicht verblasst sind. Die “Bluesville Acoustic Sound Series”, ein Gemeinschaftsprojekt von “Craft Recordings” und “Acoustic Sounds”, legt das Album neu auf, diesmal schlanker als das Original, die zweite Scheibe, ohnehin nur eine Kompilation bereits bekannter Studiohits, fällt weg, übrig bleiben die elf Songs der eigentlichen Carnegie-Hall-Fiktion, konzentriert auf einer einzigen LP.
Für den Klang zeichnet Matthew Lutthans verantwortlich, der in den heiligen Hallen von “The Mastering Lab” arbeitet und dabei auf das röhrenbestückte Erbe des verstorbenen Audiopioniers Doug Sax zurückgreift, komplett analog, ohne einen einzigen digitalen Umweg zwischen Masterband und Schneidstichel. Gepresst wird bei “Quality Record Pressings” in Kansas, gegründet von Chad Kassem und weltweit unter Sammlern als eines der drei besten Presswerke überhaupt gehandelt, auf schwerem 180g-Vinyl mit derart stillen Rillen, dass man von einem tintenschwarzen Hintergrund spricht, kein Knistern, nur die nackte Musik.
Das Ergebnis trägt jenen legendären Röhrenzauber, beinahe greifbar intim. Verpackt ist die Platte in einem stabilen Tip-On-Jacket alter Schule, dazu eine Obi-Banderole mit Liner Notes des Grammy-prämierten Produzenten Scott Billington, ergänzt um die originalen Notizen von Pete Welding aus dem Jahr 1961.
Ein echtes Live-Album ist das hier nie gewesen, kein Klatschen, kein einziger authentischer Publikumsschrei. Aber ein Meilenstein des Blues ist es zweifellos, ein Fundament, auf dem britische Gitarrenhelden ihre gesamte Karriere errichteten, verpackt in einen der schamlosesten und zugleich liebenswertesten Schwindel der Musikgeschichte. Wer diese Platte auflegt, hört keine “Carnegie Hall”. Er hört etwas Besseres, einen betrunkenen, epileptischen, von seiner Frau gerade noch geretteten Ausnahmemusiker, der trotzdem, oder gerade deswegen, den Blues so eingefangen hat, dass er niemals wieder verblasst.



