
SCALD – Relics
2026 (Cruz Del Sur Music) – Stil: Epic Doom / Progressive Metal / Folk Metal
Als der Ur-Sänger der russischen Epiker SCALD, Maxim “Agyl” Andrianov , im September 1997 bei einem tragischen Zugunglück ums Leben kam, hinterließ er mit dem kurz zuvor eingespielten Debütmeilenstein ´Will Of The Gods Is Great Power´ ein sakrosanktes Vermächtnis des nordischen Epic Doom.
Nun fördert das italienische Traditionslabel “Cruz Del Sur Music” ein klangliches Archivmaterial zutage, das fast drei Jahrzehnte lang nur als ungeschliffenes Mythos-Fragment auf seltenen Konzerten existierte. Die EP ´Relics´ ist kein beliebiges Aufwärmen verstaubter Demo-Kassetten, sondern das finale Einlösen eines Versprechens an die weltweite Fanbase, die seit Jahrzehnten nach einer adäquaten Studiolösung dieser verschollenen Kompositionen verlangte.
In der Spanne zwischen Frühjahr 1996 und Herbst 1997 – der Phase direkt nach den Aufnahmen des Debüts – wagten die Musiker um Gitarrist Harald (Ivan Sergeev), Gitarrist Karry (Pavel Belyayev), Bassist Velingor (Ilya Kudryavtsev) und Schlagzeuger Ottar (Alexander Kudryavtsev) ein mutiges Experiment. Um dem starren Genrekorsett des traditionellen Dooms zu entkommen, schufen SCALD drei Stücke, die sich explizit von den komplexen Welten von SANCTUARY, FATES WARNING und DREAM THEATER sowie der samischen Folk-Sängerin Mari Boine inspirieren ließen.
Dass diese stilistische Häresie von einst heute wie aus einem Guss erstrahlt, ist vor allem dem neuen Mann am Gesangsmikrofon zu verdanken. Nachdem der chilenische Ausnahmesänger Felipe Plaza Kutzbach die Band nach dem 2024er Comeback-Werk ´Ancient Doom Metal´ verließ, übernahm Hrafn (Alexey Goryachev) von der Moskauer Formation VENDEL das Zepter. Wie majestätisch, erhaben und seelenreich Alexey Goryachev in die Fußstapfen des verstorbenen Agyl tritt, ohne dessen Timbre billig zu kopieren, verleiht den Aufnahmen eine ergreifende Schwerkraft.
Der Sieben-Minuten-Auftakt ´Master Of Tundra´ zieht den Hörer in eine arktische Kulisse, in der tonnenschwere Doom-Riffs mit rituellen Gesangslinien verschmelzen. Das drängende ´Ravens´ beschwört über den schneidenden Gitarrensalven von Ivan Sergeev und Pavel Belyayev die emotionale Physis des unvergessenen Warrel Dane herauf. Im hochkomplexen ´Flame´ wiederum treiben verschlungene Riff-Kaskaden und feinfühlige Passagen den progressiven Geist der Band auf die Spitze, während Alexey Goryachev mit majestätischem Klargesang das progressive Bandfundament zusammenhält.
Den emotionalen Anker bilden die beiden Schlussstücke ´Falcon´ und dessen russischsprachiges Pendent ´Sokol´. Maxim “Agyl” Andrianov schrieb die Hymne bereits 1991/1992 für seine Vor-Band ROSS. Um dem Verstorbenen die Ehre zu erweisen, kleideten SCALD das Stück in ein erhabenes Gewand irgendwo zwischen früher BATHORY-Erzählkunst und melancholischer Folklore. Durch den gezielten Studio-Einsatz einer echten Balalaika und traditioneller Flöten entfaltet die russische Fassung ´Sokol´ eine Schwermut, die tief unter die Haut geht.
´Relics´ schließt ein schmerzhaftes Kapitel der Metal-Historie würdevoll ab. Es macht aus vergessenen Live-Kultgütern ein physisches Kulturgut, das Vergangenheit und Gegenwart ohne Makel vereint.
(8,5 Punkte)



