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YES – Roosevelt Stadium . Jersey City . 17 June 1976

2026 (Rhino Records) - Stil: Prog Rock

Es gibt Live-Alben. Es gibt legendäre Live-Alben. Und dann gibt es Aufnahmen wie ´Roosevelt Stadium, Jersey City, 17 June 1976´ von YES – Konzerte, die über Jahrzehnte fast schon mythischen Status genießen, deren Namen unter Sammlern ehrfürchtig geflüstert werden und die Generationen von Fans auf abgenudelten Kassetten, Bootlegs und Radiomitschnitten begleitet haben.

Fast fünfzig Jahre lang lebte diese Show in der Grauzone zwischen Rock-Legende und Fan-Archäologie. Nun liegt sie endlich offiziell vor – aufwendig restauriert, verpackt in Roger Deans prachtvollem Artwork und veröffentlicht von “Rhino Records” als opulentes 3LP-Set.

Die große Frage lautet: Wird der Mythos der Realität gerecht? Oh, ja.

Dabei geht es hier um weit mehr als Musik. Das „Roosevelt Stadium“ war an diesem 17. Juni 1976 Schauplatz eines Ereignisses, das irgendwo zwischen Rockfestival, Science-Fiction-Spektakel und kontrolliertem Chaos stattfand. Zeitzeugen berichten von stundenlangen Wartezeiten, fliegenden Flaschen, Feuerwerkskörpern, verletzten Zuschauern, kollabierenden Laserinstallationen und einer Atmosphäre, die gleichermaßen elektrisierend wie gefährlich war. Das Vorprogramm wurde von Teilen des Publikums regelrecht von der Bühne gejagt. Gleichzeitig herrschte unter den rund 40.000 Besuchern eine Erwartungsspannung, die förmlich in der Luft vibrierte.

So überwältigend die musikalische Erinnerung an diesen Abend bis heute ist, die Veranstaltung hatte auch eine tragische Seite: Der Tod des 16-jährigen Guy Porzelt überschattet rückblickend ein Konzert, das ansonsten als eines der eindrucksvollsten Ereignisse der YES-Geschichte gilt.

Als YES schließlich die Bühne betraten, verwandelte sich das Chaos in Magie. Die Band befand sich damals auf einem einzigartigen Höhepunkt ihrer Karriere. Die sogenannte “Solo Albums Tour” war ein gewagtes Experiment. Jedes Mitglied hatte kurz zuvor ein eigenes Soloalbum veröffentlicht. Statt diese Werke getrennt von der Bandgeschichte zu betrachten, integrierten YES Ausschnitte daraus direkt ins Konzertprogramm. Eine Idee, die nur wenige Shows überlebte und daher heute von unschätzbarem historischem Wert ist.

Vor allem dokumentiert diese Aufnahme die kurze, brillante Ära von Patrick Moraz. Der Schweizer Keyboarder war nie einfach nur der Nachfolger von Rick Wakeman. Er war das komplette Gegenteil. Wo Wakeman barocke Pracht liebte, brachte Moraz Jazz-Fusion, rhythmische Abenteuerlust und einen fast unberechenbaren musikalischen Hunger in die Band. Wer jemals wissen wollte, warum die ´Relayer´-Besetzung unter vielen Fans Kultstatus besitzt, findet hier die Antwort.

Schon früh wird klar, dass diese Version von YES deutlich kantiger, aggressiver und experimenteller klingt als viele andere Inkarnationen der Band. ´Siberian Khatru´ stürmt mit erstaunlicher Wucht nach vorne. ´Sound Chaser´ wirkt streckenweise wie ein außer Kontrolle geratener Hochgeschwindigkeitszug aus Jazz-Fusion, Prog und purem Wahnsinn. Patrick Moraz und Alan White liefern sich hier musikalische Duelle, bei denen man sich fragt, wie fünf Menschen gleichzeitig derart komplexe Musik spielen konnten.

Die wahren Monumente des Abends bleiben jedoch ´The Gates Of Delirium´ und ´Ritual (Nous Sommes Du Soleil)´. Beide Stücke nehmen jeweils eine komplette LP-Seite ein und entfalten eine Kraft, die selbst heute noch beeindruckt. Besonders ´The Gates Of Delirium´ entwickelt eine beinahe beängstigende Intensität. Die berühmte Schlachtensequenz klingt nicht wie Musik, sondern wie ein kontrollierter Zusammenbruch der Realität. Solche Momente erklären, warum Fans diese Aufnahme jahrzehntelang wie einen Schatz gehütet haben.

Ebenso faszinierend sind die seltenen Solo-Einschübe. Jon Andersons Ausflug in die Welt von ´Olias Of Sunhillow´ verleiht dem Abend eine fast spirituelle Note. Steve Howes legendäres Akustikstück ´Clap´ sorgt für tosenden Jubel. Patrick Moraz öffnet mit Auszügen aus ´The Story Of I´ ein Tor zu lateinamerikanischen Rhythmen und jazziger Freiheit, das mitten in einem Stadionkonzert eigentlich völlig fehl am Platz wirken müsste und dennoch perfekt funktioniert. Man spürt förmlich das Selbstvertrauen einer Band, die sich keinerlei Regeln auferlegen ließ.

Auch die Veröffentlichung selbst verdient Lob. Die auf fünf Plattenseiten verteilte Musik erhält genügend Raum zum Atmen, während die geätzte sechste Vinylseite mit dem Roger-Dean-Logo ein wunderschönes Detail für Sammler darstellt. Das gesamte Artwork wirkt wie eine Reise durch jene fantastischen Landschaften, die seit Jahrzehnten untrennbar mit YES verbunden sind.

Klanglich bleibt die Veröffentlichung ein spannendes Diskussionsthema. Rhino hat hörbar restauriert, aufgeräumt und Druck hinzugefügt. Gleichzeitig hört man den Ursprung der Aufnahme jederzeit heraus. Das hier ist keine moderne Mehrspurproduktion, sondern ein historischer Radiomitschnitt. Manche Höhen wirken etwas scharf, manche Dynamik wurde zugunsten höherer Lautstärke geopfert. Puristen werden darüber diskutieren. Für die meisten Hörer dürfte das nebensächlich sein. Denn der eigentliche Wert dieser Veröffentlichung liegt nicht in audiophiler Perfektion. Er liegt in ihrer Fähigkeit, eine Zeitmaschine zu sein.

Man hört die Begeisterung eines Publikums, das YES auf dem Höhepunkt ihrer Kreativität erlebt. Man hört eine Band, die bereit war, Risiken einzugehen. Man hört die letzte große Sternstunde der Moraz-Ära. Und man hört ein Konzert, das trotz aller Turbulenzen, aller verrückten Geschichten und aller Legenden seinen Ruf vollkommen verdient.

´Roosevelt Stadium, Jersey City, 17 June 1976´ ist ein Stück Progressive Rock-Geschichte. Wer ´Yessongs´ liebt, braucht dieses Album. Wer die Moraz-Phase verstehen möchte, braucht dieses Album. Und wer wissen will, wie sich Progressive Rock anfühlte, als er noch gefährlich, visionär und grenzenlos war, findet hier eines der faszinierendsten Live-Dokumente der gesamten 70er Jahre.

https://www.facebook.com/yestheband

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