PlattenkritikenPressfrisch

MARKUS STEFFEN – La Tristeza Del Mar

2026 (7classical/ZYX) - Stil: Classical Acoustic / Instrumental Storytelling

Manchmal muss der ohrenbetäubende Lärm verstummen, um die tiefsten Schwingungen der Seele freizulegen. Wer Markus Steffen in den vergangenen Jahrzehnten als tonangebenden Saitenvirtuosen von SIEGES EVEN oder SUBSIGNAL begleiten durfte, kennt seine Gabe für vertrackte Harmoniemuster und feinsinnige Melodien. Auf seinem neuesten Alleingang schaltet der Münchner Komponist und Gitarrenpädagoge die gewohnten Verstärkerbatterien komplett aus. ´La Tristeza Del Mar´ entpuppt sich gleichwohl als geschliffener Edelstein, ein pures Manifest akustischer Baukunst, das den Geist alter Meister in die Gegenwart transportiert.

Ähnlich wie US-Prog-Ikonen vom Schlage eines Jim Matheos (FATES WARNING), der auf Alben wie ´First Impressions´ den elektrischen Härtegrad gegen zeitlose Pastorale tauschte, oder Steve Hackett (ex-GENESIS) in seinen unvergessenen Akustik-Sternstunden ´Bay Of Kings´, erschafft Markus Steffen ein Universum ohne Worte. Die Aufnahmen von Toningenieur Florian H. Oestreicher aus den Munich Realistic Sound Studios fangen den Klang des Holzes warm und organisch ein. Ohne synthetische Filter oder verfälschende Effekte spürt man das Atmen des Musikers, das feine Rutschen der Finger über die Bundstäbe, die ungekünstelte Dynamik der Schwingungen.

Der Opener ´On This Wondrous Sea´ schlägt sogleich eine historische Brücke. Das Stück basiert auf jener ursprünglichen Eingebung aus dem Jahr 2014, die dereinst das fundamentale Rückgrat für das SUBSIGNAL-Meisterwerk ´The Beacons Of Somewhere Sometime´ bildete. Hier erstrahlt das Motiv rein akustisch, entblößt von allen Rock-Arrangements, vollkommen zeitlos und voller ergreifender Wehmut. Es folgt der dreisätzige Zyklus des Titelwerks ´La Tristeza Del Mar´, der zwischen spielerischer Leichtigkeit und tiefgreifender Melancholie mäandert. Ohne starr eingezwängte Metronom-Korsette entfaltet Markus Steffen eine freie, hochemotionale Interpretation, die wie ein unruhiges Meer im Abendlicht wogt.

Nach dem klaren und melodischen, aber ebenso tiefberührenden ´Everything That Was To Be Said´ und dem schmerzlich-schönen Äthergruß ´En Memoria´ steuert die Platte auf ein echtes Klangwunder zu. In ´La Lumière Restante´ greift der Meister zur seltenen, 11-saitigen Altogitarre. Das in den 1960er-Jahren entwickelte Instrument verleiht dieser Hommage an den Barockkomponisten Marin Marais eine unvergleichliche Resonanz. Der erweiterte Tonumfang lässt das Geschehen wie eine historische Barocklaute oder eine sanft gestrichene Gambe erstrahlen. Klanglich und atmosphärisch misst sich dieses Werk dabei mühelos mit jenen raumgreifenden ECM-Meisterwerken eines Ralph Towner – es ist Musik, welche die Stille nicht bricht, sondern sie veredelt. Sowohl Bewunderer dieser feinsinnigen Ästhetik als auch Liebhaber von Gordon Giltrap werden hier unweigerlich Momente wahrhaftiger Gänsehaut erleben.

Über die klagenden Epen ´Plainte I´ und ´Plainte II´ führt die Reise schließlich in die feingliedrige Magie der ´Etudes Of Remembrance´. Obwohl als Etüden betitelt, offenbart jeder dieser zarten Sätze – von der düster-historischen Eleganz in ´No. 1 Agincourt´ bis zum schwebenden Ausklang von ´No. 6 And Flights Of Angels´ – eine lyrische Strahlkraft, die lange nachhallt.

Markus Steffen schenkt der Welt eine zeitlose Ansammlung musikalischer Intimität – ein schimmerndes Meisterwerk aus Holz, Saiten und Stille, in dessen edlen Klangfarben man sich stundenlang verlieren kann. Schade nur, dass dieses akustische Juwel nicht auf nostalgischem Schwarzwachs gepresst wurde.

´La Tristeza Del Mar´ ist ein virtuoses und tief berührendes Solowerk abseits ausgetretener Rock-Pfade. Eine Pflichtanschaffung für Gourmets der akustischen Gitarrenkunst.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/markus.steffen.3

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"