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GROBSCHNITT – Jumbo (50 Jahre) Record Store Day 2026

2026 (Brain / Vertigo Capitol) - Stil: Rock, Hardrock, Krautrock, Prog Rock

Wenn man über GROBSCHNITT spricht, führt der Weg früher oder später zu ´Jumbo´, jenem Studioalbum aus dem Jahr 1975/1976, das innerhalb der deutschen Progrock-Geschichte eine besondere Stellung einnimmt. Die Band wagte damals ein ungewöhnliches Experiment und veröffentlichte dieselben Kompositionen sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache. Gerade die deutsche Fassung verlieh den Stücken eine neue Eigenart. Was zuvor stärker international und an britischen Vorbildern orientiert wirkte, bekam plötzlich einen direkten, fast erzählerischen Charakter, der perfekt zu dieser Phase der Band passte.

Die Aufnahmen entstanden im Studio von Conny Plank in Wolperath, wo GROBSCHNITT bereits früh wichtige Schritte ihrer Entwicklung gegangen waren. Inzwischen hatte sich das Klangbild der Gruppe deutlich verändert. Die frühen Space- und Psych-Ausflüge traten zunehmend in den Hintergrund, während die Kompositionen größer, melodischer und sinfonischer wurden. Der Einfluss von Keyboarder Mist war stärker denn je spürbar, gleichzeitig entwickelte Lupo seinen Gitarrenstil immer weiter in Richtung großer melodischer Bögen und ausgedehnter Solopassagen. Hinzu kam der Wechsel am Bass, wo Hunter den ausgeschiedenen Bär ersetzte und der Band eine neue rhythmische Stabilität gab. Eroc wiederum sorgte mit seinem präzisen Schlagzeugspiel und den elektronischen Effekten dafür, dass selbst die ausufernden Passagen kontrolliert und klar blieben.

Die nun zum “Record Store Day” 2026 erscheinende Edition ´Jumbo (50 Jahre)´ versteht sich allerdings nicht als Neuaufnahme oder komplette Neubearbeitung des Albums. Stattdessen entsteht hier eine besondere Sammlung, die verschiedene Abschnitte der GROBSCHNITT-Geschichte zusammenführt. Originale Studioaufnahmen von 1976 stehen neben späteren Akustikversionen aus dem Jahr 2022 und ausgesuchten Live-Mitschnitten aus den Siebzigerjahren. Gerade dadurch entfaltet die Veröffentlichung ihren besonderen Reiz, weil die Stücke nicht als kuratorische Rückschau präsentiert werden, sondern als lebendiges Material, das sich über Jahrzehnte hinweg verändert hat.

Schon die Live-Version der ´Overtüre´ aus dem Rockpalast-Konzert 1978 zeigt, wie kraftvoll GROBSCHNITT damals auf der Bühne agierten. Das Stück baut sich langsam auf, ehe Gitarren, Mellotron und Orgel gemeinsam in diese typisch hymnische Dramaturgie stürzen, die für die Band so charakteristisch wurde. ´Vater Schmidt’s Wandertag´ bleibt ohnehin eines der Herzstücke ihres gesamten Katalogs. Die Mischung aus verspieltem Humor, gesellschaftlicher Satire und langen instrumentalen Steigerungen funktioniert bis heute beeindruckend gut. Die berühmte Zeile „Heut’ ist ein schöner Tag“ entwickelte sich längst zum festen Bestandteil der GROBSCHNITT-Geschichte.

´Traum und Wirklichkeit´ aus dem ´Jumbo´-Studioalbum zeigt dagegen die melodische Seite der Band. Willi Wildschwein singt diesen poetischen Song mit erstaunlicher Ruhe, während sich Gitarre und Mellotron langsam umeinander legen. Die spätere Fassung aus dem 2022er ´Acoustic Album´ lüftet den Schleier noch weiter und macht deutlich, wie stark die Komposition selbst geblieben ist. Hier tritt an der Akustikgitarre und am Gesang auch Nuki in Erscheinung, der Sohn von Willi Wildschwein, der erst viele Jahre später bei den Akustikkonzerten zur Band stieß und den älteren Stücken eine angenehm zurückhaltende neue Farbe verleiht.

´Snowflakes´ nimmt innerhalb dieser Zusammenstellung eine Sonderrolle ein. Das Stück entstand bereits Mitte der Siebzigerjahre, erschien zunächst jedoch nur als ´Sonnenflug´ und tauchte erst Jahre später in englischer Form auf. Zwischen sanften Gitarrenfiguren und melancholischer Grundstimmung wirkt der Song aus dem 2022er ´Acoustic Album´ fast wie ein Bindeglied zwischen den unterschiedlichen GROBSCHNITT-Phasen.

Mit ´Sonntags Sonnabend´ erreicht die Sammlung einen mächtigen Höhepunkt. Schimmernde Keyboardakkorde eröffnen den Song aus dem ´Jumbo´-Studioalbum, ehe sich Stück für Stück eine melancholische Szenerie eröffnet, in der ein Mann zu später Stunde im Garten sitzt und über die Tristesse des bürgerlichen Lebens sowie das Vergehen der Zeit nachdenkt. Eines der wichtigsten Stücke der Bandgeschichte beschreibt den Alltag der Vorstadt mit erstaunlich feinem Blick. Gerade diese Mischung aus deutscher Alltagsbeobachtung und groß angelegtem Progressive Rock machte ´Jumbo´ damals so ungewöhnlich. Auch heute besitzt das Stück noch enorme Wirkung.

Die 1977er Live-Version von ´The Clown´ aus dem “Haus der Jugend” in Lünen bringt anschließend noch einmal die ganze Spielfreude der Band auf den Punkt. Die Band nutzte diesen Song meist für theatralische Einlagen, bei denen die Musiker ihre Rollen als “Clowns” der Rockmusik voll ausspielten und dementsprechend für einen großen Höhepunkt ihrer Auftritte sorgten. ´Auf Wiedersehen´ aus dem ´Jumbo´-Studioalbum beendet die Zusammenstellung schließlich mit genau jenem Humor, der GROBSCHNITT immer von vielen anderen Prog-Bands unterschied.

Auch audiophil hinterlässt die “Record Store Day”-Ausgabe einen starken Eindruck. Das transparente Curacao-Vinyl wurde sauber gepresst, läuft angenehm ruhig und bringt besonders die älteren Aufnahmen überraschend klar zur Geltung. Trotz der unterschiedlichen Quellen wirkt das Klangbild erstaunlich geschlossen. Die Live-Mitschnitte besitzen Druck und Transparenz, während die alten Studiofassungen ihre warme analoge Färbung behalten.

Das hochwertige Gatefold mit Fotos und Hintergrundtexten rundet die Edition überzeugend ab. Das Artwork ist dabei an das Cover der einstigen Single ´Sonnenflug´ angelehnt und schließt somit den Bogen zur ursprünglichen Albumphase.

So wird ´Jumbo (50 Jahre)´ am Ende weniger zur nostalgischen Rückschau als vielmehr zu einer Reise durch verschiedene Phasen einer Band, die sich über Jahrzehnte hinweg ihren eigenen Charakter bewahrt hat. GROBSCHNITT zeigen hier noch einmal eindrucksvoll, weshalb sie innerhalb der deutschen Rockgeschichte bis heute einen besonderen Platz einnehmen.

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