
AVALON – Live Or Die … And More!
1988/2026 (Arkeyn Steel Records) - Stil: US Metal
Es gibt diese sagenumwobenen US Metal-Alben, von denen man jahrelang nur in Sammlerkreisen hört. Platten, die auf Wunschlisten stehen, obwohl sie kaum jemand jemals in den Händen gehalten hat. ´Live Or Die´ von AVALON gehört seit Jahrzehnten zu dieser Kategorie. 1988 in Eigenregie auf “GFI Records” veröffentlicht, verschwand das Debüt der Band aus Rochester beinahe spurlos. Die wenigen Originalpressungen wechselten für dreistellige Summen den Besitzer, während die Musik selbst fast zu einem Mythos wurde.
Dass “Arkeyn Steel Records” dieses Stück Underground-Geschichte nun endlich auf CD zugänglich macht, fühlt sich fast wie eine kleine Rettungsaktion an. Noch schöner: Bandgründer und Schlagzeuger Lex Dunbar war an der Wiederveröffentlichung beteiligt und öffnete seine Archive. Dort schlummerte eine Überraschung, mit der wohl niemand mehr gerechnet hatte.
Neben dem kompletten Debüt wartet nämlich das bis heute unveröffentlichte Album ´Year Of The Pig´ aus dem Jahr 1995. Die Band hatte sich nach ihrer offiziellen Auflösung noch einmal zusammengefunden und ein zweites Album eingespielt. Anschließend verschwanden die Masterbänder in einer Kiste und blieben dort über drei Jahrzehnte liegen. Solche Geschichten schreibt nur der Underground.
Die Neuauflage wurde von Kostas Scandalis komplett neu remastert. Das Ergebnis wirkt druckvoll, ohne den Charakter der Originalaufnahmen glattzubügeln. Gerade dieser Klang gehört zu AVALON wie verschwitzte Kellerclubs und viel zu laute Marshall-Türme. Das umfangreiche Booklet mit Songtexten, seltenen Fotos und ausführlichen Linernotes macht deutlich, mit wie viel Herzblut dieses Projekt umgesetzt wurde.

Musikalisch war AVALON ohnehin nie eine gewöhnliche US Metal-Band. Wer hier reinen Speed Metal erwartet, wird überrascht. Die Einflüsse reichen tief in den klassischen europäischen Heavy Metal und die NWoBHM hinein. Gleichzeitig schwebt über allem dieser typische amerikanische Underground-Geist, der eher auf Atmosphäre als auf Hochglanz setzt. Viele Passagen erinnern eher an die Jahre 1983 oder 1984 als an das Veröffentlichungsjahr 1988. Dadurch besitzt ´Live Or Die´ eine angenehm zeitlose Ausstrahlung.
Interessant ist vor allem der direkte Vergleich zwischen beiden Epochen. Das Debüt lebt von epischen Melodien, heroischen Gitarren und jener ungestümen Energie junger Musiker, die einfach ihre Vorstellungen verwirklichen wollten. ´Year Of The Pig´ schlägt dagegen hörbar andere Wege ein. Die Riffs werden schwerer, die Produktion dichter, die Stimmung düsterer. Der Einfluss der Neunziger bleibt nicht verborgen, doch AVALON verlieren dabei nie ihre Identität. Statt Trends hinterherzulaufen, wirkt das Material wie eine natürliche Weiterentwicklung.
Solche Veröffentlichungen zeigen eindrucksvoll, weshalb kleine Independent-Labels für den klassischen Heavy Metal so wichtig sind. Hier wird keine schnelle Nostalgie vermarktet. Hier wird Musikgeschichte bewahrt.
´Live Or Die … And More!´ holt ein verschollenes Kapitel des amerikanischen Undergrounds zurück ans Licht und ergänzt es um ein komplettes Album, das eigentlich nie existieren sollte. Für Fans des klassischen US Power Metal führt an dieser Veröffentlichung kaum ein Weg vorbei.
(8,25 Punkte)



