
Es gibt Alben, die erscheinen zur falschen Zeit und wirken gerade deshalb wie ein kleines Wunder. Mitte der Neunzigerjahre hatte die Musikwelt andere Helden. Grunge beherrschte die Schlagzeilen, Alternative Rock bestimmte die Charts und viele glaubten, melodischer Hard Rock würde nur noch in staubigen Erinnerungen weiterleben. Doch während überall die alten Fahnen eingeholt wurden, entstand in England eine Platte, die sich davon nicht beeindrucken ließ.
Als ´X´ im Mai 1996 erschien, wirkte das Album beinahe wie ein Anachronismus. Große Melodien, majestätische Refrains, virtuose Gitarrensoli und eine unverhohlene Liebe zum klassischen Hard Rock standen plötzlich wieder im Mittelpunkt. Was ursprünglich als drittes Soloalbum von Gary Hughes geplant war, entwickelte sich während der Aufnahmen zu etwas deutlich Größerem. Aus einem Studioprojekt wurde eine Band. Aus einer Sammlung von Songs wurde TEN.
Die Entstehungsgeschichte besitzt heute beinahe mythischen Charakter. Gary Hughes hatte sage und schreibe 28 Songs geschrieben und plante ursprünglich sogar ein Doppelalbum. Die Stücke wurden schließlich aufgeteilt. Das härtere Material landete auf ´X´, während die melodischeren Kompositionen später auf ´The Name Of The Rose´ erschienen. Als Gitarrist Vinny Burns ins Studio kam und Produzenten-Legende Mike Stone die Mischung übernahm, passte plötzlich alles zusammen. Die Chemie war so stark, dass aus dem Soloprojekt offiziell TEN wurden.

Schon die ersten Minuten machen klar, weshalb dieses Album bis heute Kultstatus genießt. Das klassisch angehauchte Gitarren-Intro ´The Crusades´ öffnet die Tore zu einer Welt voller Pathos und Größe, bevor ´It’s All About Love´ mit mächtigen Gitarren, donnernden Drums und einem Refrain loslegt, der sofort im Gedächtnis bleibt. Vinny Burns demonstriert bereits hier eindrucksvoll, weshalb er zu den unterschätztesten britischen Gitarristen seiner Generation gehört. Seine Soli besitzen technische Klasse, verlieren dabei aber nie die emotionale Wirkung.
Danach folgt mit ´After The Love Has Gone´ einer jener Songs, die eine ganze Karriere definieren können. In der AOR- und Melodic-Rock-Szene genießt dieses Stück seit Jahrzehnten Legendenstatus. Das markante Gitarrenintro, die warmen Keyboardflächen und die enorme Gesangsmelodie erzeugen eine Atmosphäre, die unmittelbar an die große Zeit von WHITESNAKE, JOURNEY oder GIANT erinnert. Gary Hughes liefert hier eine Performance ab, die Gefühl und Kraft perfekt miteinander verbindet. Der Refrain gehört bis heute zu den stärksten Momenten.
Mit ´Yesterday Lies In The Flames´ wird es deutlich gefühlvoller. Der Song trägt eine epische und hochemotionale Grundstimmung in sich, während Vinny Burns immer wieder kleine melodische Glanzlichter setzt. Anschließend entwickelt sich ´The Torch´ aus einem treibenden Rock-Song zu einer jener klassischen TEN-Hymnen, die von starken Harmonien und einer fast schon filmischen Atmosphäre leben.
Die Hardrock-Ballade ´Stay With Me´ zeigt eine weitere Stärke der Band. Wo viele Genrekollegen damals in Kitsch abrutschten, bewahren TEN stets wahre Eleganz. Die Melodie wirkt zeitlos, Gary Hughes singt mit beeindruckender Intensität und das Gitarrensolo besitzt genau jene emotionale Tiefe, die große Rockballaden von gewöhnlichen Balladen unterscheidet.
Auch ´Close Your Eyes And Dream´ gehört zu den emotionalen Höhepunkten des Albums. Die romantische Nummer mit Gary Hughes’ markantem Gesang schwebt förmlich durch die Lautsprecher und erinnert daran, warum britischer AOR immer etwas anders funktionierte als sein amerikanisches Pendant. Weniger Hochglanz, mehr Atmosphäre, mehr Seele. Und dass TEN weit mehr konnten als eingängige Melodien, beweist ´Eyes Of A Child´. Der Song besitzt progressive Elemente, mehrere Tempowechsel, eine deutlich dunklere Grundstimmung und einen fast schon sakralen Chorgesang. Hier zeigt sich die kompositorische Klasse von Gary Hughes besonders eindrucksvoll.
Mit ´Can’t Slow Down´ zieht die Band das Tempo wieder an und liefert einen energiegeladenen Hard-Rocker voller Spielfreude und Atmosphäre. Danach sorgt ´Lamb To The Slaughter´ für die härteste Gangart des Albums. Messerscharfe Riffs, druckvolle Rhythmusarbeit und ein bissiger Gesang machen deutlich, dass TEN nie eine reine Soft-Rock-Band waren.
Den krönenden Abschluss bildet schließlich ´Soliloquy / The Loneliest Place In The World´. Über zehn Minuten lang entfaltet sich ein monumentales Epos voller Stimmungswechsel, Gitarrenmelodien und dramatischer Spannungsbögen. Solche Songs waren schon Mitte der Neunzigerjahre eine Seltenheit geworden. TEN wagten sich dennoch daran und lieferten einen der beeindruckendsten Longtracks des gesamten Melodic Rock ab.

Musikalisch bewegte sich die Band damals irgendwo zwischen MAGNUM, WHITESNAKE, DARE und den großen amerikanischen AOR-Größen. Dennoch entwickelte TEN bereits auf ihrem Debüt eine eigene Identität. Verantwortlich dafür waren vor allem das unverwechselbare Songwriting von Gary Hughes und die elegante Gitarrenarbeit von Vinny Burns. Die Mischung aus britischer Melancholie, epischer Atmosphäre und klassischem Hard Rock besitzt bis heute einen ganz eigenen Charakter.
Umso erfreulicher ist die Wiederveröffentlichung von ´X´ im Jahr 2026. “Escape Music” spendiert dem Album erstmals überhaupt eine offizielle Vinyl-Ausgabe. Die streng auf lediglich 500 Exemplare limitierte Doppel-LP erscheint als hochwertiges Gatefold auf 180g-Vinyl und wird in der Farbvariante „Blade Bullet“/„Gold Solid“ angeboten. Jede Ausgabe ist handnummeriert und richtet sich klar an Sammler.
Besonders reizvoll ist die vierte LP-Seite. Dort finden sich mit ´Warpath´, ´Venus And Mars´, ´Gimme A Piece Of Your Heart´, ´Black Moon Rising´ und ´To Die For´ fünf längst gesuchte Raritäten aus den frühen Jahren der Band. Gerade für langjährige Fans stellt diese Zusammenstellung einen enormen Mehrwert dar.
Klanglich profitiert das Material ebenfalls von der großzügigen Verteilung auf vier Vinylseiten. Die großen Arrangements, die mehrstimmigen Chöre, die Keyboards und die Gitarrenharmonien erhalten deutlich mehr Luft zum Atmen als auf vielen älteren CD-Ausgaben.
Dreißig Jahre nach seiner Veröffentlichung tönt ´X´ erstaunlich zeitlos. Gary Hughes und Vinny Burns schrieben Songs, die auf Melodien, Emotionen und handwerkliche Klasse setzten. Diese Eigenschaften haben dafür gesorgt, dass das Album heute als einer der wichtigsten britischen Melodic-Rock-Klassiker der Neunzigerjahre gilt.
Wer verstehen möchte, warum AOR und Melodic Hard Rock bis heute eine der leidenschaftlichsten Fangemeinden der Rockwelt besitzen, findet in ´X´ die perfekte Antwort.



