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MILES DAVIS & QUINCY JONES – Live At Montreux

1993/2026 (Warner Bros. Records / Rhino Reserve) - Stil: Jazz

Am Abend des 8. Juli 1991 herrschte im “Casino Barrière” von Montreux eine ungewöhnliche Spannung. Das Publikum des “Montreux Jazz Festivals” wusste, dass Miles Davis angekündigt war. Niemand wusste jedoch genau, welcher Miles Davis erscheinen würde. Der Revolutionär von ´Birth Of The Cool´? Der Architekt von ´Kind Of Blue´? Der elektrische Visionär von ´Bitches Brew´? Oder der späte Miles Davis der Achtzigerjahre?

Tatsächlich erschien an diesem Abend ein Musiker, den es zuvor nie gegeben hatte. Zum ersten und einzigen Mal in seiner Karriere blickte Miles Davis öffentlich auf seine eigene Vergangenheit zurück. Drei Monate später war er tot. Gerade deshalb gehört ´Live At Montreux´ heute zu den wichtigsten Veröffentlichungen seiner gesamten Diskographie.

Miles Davis hatte sich jahrzehntelang geweigert, frühere Erfolge zu reproduzieren. Während viele Jazzgrößen ihre Klassiker Abend für Abend wiederholten, zerstörte Miles Davis konsequent jede Erwartungshaltung. Nach Bebop kam Cool Jazz. Nach Cool Jazz kamen die Gil-Evans-Orchesterwerke. Danach Hard Bop, Modal Jazz, elektrische Fusion, Funk, Pop und Synthesizer. Stillstand interessierte ihn nie.

Dass ausgerechnet Quincy Jones ihn 1991 dazu bewegen konnte, die legendären Gil-Evans-Kompositionen erneut aufzuführen, grenzt deshalb an ein Wunder der Jazzgeschichte. Im Zentrum stehen dabei Werke aus vier Schlüsselalben: ´Birth Of The Cool´ (1949), ´Miles Ahead´ (1957), ´Porgy And Bess´ (1958) und ´Sketches Of Spain´ (1960). Vier Aufnahmen, die den orchestralen Jazz des 20. Jahrhunderts grundlegend verändert haben.

Gil Evans hatte den Jazz vom klassischen Big-Band-Schema gelöst. Statt einfacher Bläsersätze entwickelte er komplexe Klangfarben-Orchester mit Hörnern, Tuba, Holzbläsern, Harfe und ungewöhnlichen Instrumentenkombinationen. Seine Arrangements funktionierten eher wie moderne Kammermusik als wie traditioneller Swing. Da Gil Evans bereits 1988 verstorben war, übernahm Quincy Jones die Leitung eines gewaltigen Ensembles aus dem “Gil Evans Orchestra” und der “George Gruntz Concert Jazz Band”.

Mehr als fünfzig Musiker standen auf der Bühne. Die Besetzung liest sich wie ein Lexikon des modernen Jazz. Kenny Garrett am Altsaxophon. Wallace Roney als zweiter Trompeter. Lew Soloff, Jack Walrath, Marvin Stamm und Benny Bailey in den Trompetensätzen. George Adams am Tenorsaxophon. George Gruntz am Klavier. Carles Benavent am Bass. Grady Tate am Schlagzeug. Dazu Hörner, Oboen, Fagotte, Klarinetten, Flöten, Harfe und ein vollständiger Blechbläsersatz. Das Ergebnis klingt nicht wie eine Big Band. Es klingt wie ein Jazz-Orchester.

Mit ´Boplicity´ beginnt die Reise dort, wo Miles Davis 1949 den Cool Jazz erfand. Die berühmte Melodie wird von den Bläsern erstaunlich behutsam aufgebaut. Miles wirkt zunächst zurückhaltend. Sein Ton besitzt nicht mehr die makellose Geschmeidigkeit der fünfziger Jahre. Stattdessen hört man Luftgeräusche, kleine Rauheiten und eine körperliche Anstrengung, die jede Phrase begleitet. Doch diese Brüchigkeit verleiht dem Stück seine besondere Größe. Hier spielt kein junger Virtuose. Hier spielt ein 65-jähriger Künstler gegen die eigene Vergänglichkeit.

Der anschließende ´Miles Ahead´-Block gehört zu den anspruchsvollsten Momenten des Konzerts. ´Springsville´, ´Maids Of Cadiz´, ´The Duke´ und ´My Ship´ zeigen exemplarisch, weshalb Gil Evans zu den bedeutendsten Arrangeuren der Jazzgeschichte zählt. Die Stücke funktionieren über permanente Klangfarbenwechsel. Flöten treten aus dem Ensemble hervor. Hörner übernehmen melodische Linien. Holzbläser verdichten einzelne Akkorde. Dann öffnen sich plötzlich breite Blechbläserflächen. Quincy Jones dirigiert diese Übergänge mit bemerkenswerter Präzision. Nichts wirkt statisch.

Besonders ´My Ship´ entwickelt eine enorme Wirkung. Die Melodie stammt ursprünglich aus Kurt Weills Musical ´Lady In The Dark´. Evans verwandelte sie einst in eine schwebende Jazz-Ballade. In Montreux bekommt das Stück eine zusätzliche Schwere. Miles phrasiert sparsamer als früher, nutzt längere Pausen und konzentriert sich auf einzelne Töne statt auf virtuose Linien.

Den emotionalen Höhepunkt des Albums bildet jedoch das umfangreiche ´Porgy And Bess´-Medley. Mit ´Orgone´, ´Gone Gone Gone´, ´Summertime´ und ´Here Come De Honey Man´ kehrt Davis zu einigen der berühmtesten Aufnahmen seiner Karriere zurück. Insbesondere ´Summertime´ zeigt eindrucksvoll, weshalb dieses Konzert historisch so bedeutend ist. Die Studioaufnahme von 1958 lebt von Eleganz und Kontrolle. Die Version von 1991 lebt von Erfahrung. Miles spielt langsamer. Er setzt weniger Töne. Dafür erhält jede einzelne Note mehr Gewicht. Die berühmte Melodie wirkt nicht nostalgisch. Sie klingt wie eine Rückschau eines Musikers, der sein gesamtes Leben bereits hinter sich sehen kann.

Kenny Garrett nutzt ´Here Come De Honey Man´ für eines der stärksten Soli des Abends. Sein Altsaxophon bringt moderne Post-Bop-Energie in die historischen Arrangements. Während das Orchester die komplexen Evans-Strukturen bewahrt, arbeitet Kenny Garrett mit scharfen Intervallen und langen Ketten aus Sechzehntelnoten gegen das Material an. Diese Dissonanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart macht einen großen Teil der Spannung des Konzerts aus.

Den Höhepunkt bildet schließlich das fast zwölfminütige ´Solea´ aus ´Sketches Of Spain´. Seit seiner Veröffentlichung 1960 gehört das Werk zu den monumentalsten Kompositionen der Jazzgeschichte. Gil Evans verband hier spanischen Flamenco, europäische Orchestertraditionen und moderne Jazzharmonik zu einer völlig neuen Form. Die Montreux-Version verdeutlicht die ganze Größe dieses Entwurfs. Harfe, Oboen und Holzbläser eröffnen weite Klangflächen. Carles Benavent liefert am Bass die rhythmische Erdung. Die Blechbläser türmen monumentale Akkorde auf. Darüber setzt Miles seine Trompete wie eine einzelne Stimme gegen ein komplettes Orchester. Jeder Ton steht frei im Raum. Jede Phrase besitzt Gewicht. Es sind die letzten großen orchestralen Statements seiner Karriere.

Natürlich ist dies nicht die technisch beste Trompetenleistung von Miles Davis. Wer die perfekte Kontrolle hören möchte, greift zu den Originalaufnahmen der fünfziger Jahre. Die Bedeutung von ´Live At Montreux´ liegt an anderer Stelle. Es dokumentiert einen Künstler, der sein eigenes Werk zum ersten Mal öffentlich betrachtet. Miles hatte Jahrzehnte lang jede Form von Nostalgie abgelehnt. Hier akzeptiert er sie. Nicht als Rückschritt, sondern als Teil seiner Geschichte. Gerade deshalb gewann das Album nach seiner Veröffentlichung 1993 den Grammy für die beste “Large Jazz Ensemble Performance” und erreichte Platz eins der Billboard Jazz Charts.

Die aktuelle „Rhino Reserve“-Neuauflage von 2026 gehört zu den wichtigsten Miles-Reissues der letzten Jahre. Matthew Lutthans schnitt die Lackfolie im Mastering Lab direkt vom digitalen Originalmaster des Konzerts. Die 180g-Pressung klingt ausgesprochen sauber, transparent und detailreich. Besonders die komplexen Bläsersätze profitieren von der klaren Instrumententrennung. Der einzige Kritikpunkt betrifft die Formatentscheidung. Fast sechzig Minuten Musik auf einer einzelnen LP sind selbst für erfahrene Mastering-Ingenieure eine Herausforderung. Entsprechend fällt der Pegel etwas niedriger aus als bei klassischen Audiophile-Pressungen. Die Lautstärke muss etwas weiter aufgedreht werden. Das schmälert die Qualität jedoch kaum. Matthew Lutthans holt aus dem Material heraus, was physikalisch möglich ist. Und diese Platte gehört ohnehin nicht ins Hintergrundprogramm. Sie verlangt Aufmerksamkeit. Crank it up.

´Live At Montreux´ ist kein weiteres Miles Davis-Livealbum. Es ist die einzige dokumentierte Rückkehr zu den Gil Evans-Meisterwerken. Es ist die einzige Zusammenarbeit von Miles Davis und Quincy Jones. Es ist die letzte große Konzertaufnahme seiner Karriere. Und es ist das seltene Dokument eines Künstlers, der kurz vor seinem Tod noch einmal die Musik betrachtet, mit der er die Geschichte des Jazz verändert hat. Nicht als bröckelndes Denkmal, sondern als lebendige Gegenwart. Genau deshalb gehört ´Live At Montreux´ heute zu den unverzichtbaren Aufnahmen der späten Miles Davis-Jahre.

(Klassiker)

 

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