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ANNIHILATOR – Carnival Diablos

2001/2026 (earMUSIC) - Stil: Heavy Metal / Thrash Metal

Mit ´Criteria For A Black Widow´ hatten ANNIHILATOR 1999 bewiesen, dass sie den Biss ihrer Anfangstage noch immer besaßen. Zwei Jahre später folgte jedoch kein zweiter Aufguss derselben Formel. Statt den eingeschlagenen Old-School-Thrash-Pfad weiterzugehen, nutzte Jeff Waters den Rückenwind für einen mutigen Schritt nach vorn. ´Carnival Diablos´ markierte den Moment, in dem sich die Kanadier endgültig von den Erwartungen der Vergangenheit lösten und ihre vielleicht abwechslungsreichste Platte der Post-90er-Ära erschufen.

Ein entscheidender Faktor war der Einstieg von Joe Comeau. Der ehemalige LIEGE LORD- und OVERKILL-Musiker erwies sich als Glücksgriff. Wo Randy Rampage vor allem von roher Aggression lebte, bringt Comeau eine enorme stimmliche Bandbreite mit. Er kann kratzig und giftig klingen, wenige Sekunden später in klassische Heavy Metal-Höhen aufsteigen oder einem Refrain genau die melodische Größe verleihen, die Jeff Waters’ Songwriting nun zunehmend verlangte.

´Denied´ macht gleich zu Beginn klar, dass hier niemand auf Nummer sicher geht. Sirenen heulen, Feuer färbt den Himmel rot, ganze Städte versinken in Asche. Die Lyrics zeichnen das Bild einer Welt, die sich selbst vernichtet hat, während Comeau die apokalyptischen Visionen mit einer Mischung aus Verzweiflung und Angriffslust vorträgt. Musikalisch verbinden ANNIHILATOR rasenden Thrash mit hymnischen Melodien, sodass der Opener gleichzeitig brutal und erstaunlich eingängig wirkt.

Mit ´Battered´ rückt das Album näher an den Menschen heran. Statt globaler Katastrophen geht es um Gewalt, Erniedrigung und den verzweifelten Versuch, sich aus einem Kreislauf des Missbrauchs zu befreien. “I’ve got to reclaim my soul” ist dabei mehr als eine Textzeile – sie wird zum emotionalen Mittelpunkt eines Songs, der von Ray Hartmanns entfesseltem Schlagzeug und Jeff Waters’ messerscharfen Riffs förmlich nach vorne geprügelt wird.

Der über neun Minuten lange ´Hunter Killer´ entwickelt die Geschichte eines erbarmungslosen Jägers beinahe filmisch. Das Stück wechselt mühelos zwischen bedrohlichen Midtempo-Passagen, aggressiven Thrash-Ausbrüchen und melodischen Gitarrenläufen. Trotz seiner Länge verliert der Song nie an Spannung.

´Time Bomb´ schlägt anschließend eine andere Richtung ein. Inhaltlich geht es um eine unaufhaltsame Waffe, deren Zerstörungskraft außer Kontrolle geraten ist. Die Bilder von Milliarden Toten und einer Welt im Ausnahmezustand passen perfekt zu den schneidenden Twin-Gitarren und den spektakulären Höhenflügen Joe Comeaus. Der unverkennbare Einfluss von JUDAS PRIEST ist zwar deutlich hörbar, doch ANNIHILATOR machen daraus keinen billigen Abklatsch, sondern formen einen der stärksten klassischen Heavy Metal-Songs ihrer Karriere.

Der Titeltrack ´Carnival Diablos´ entwickelt eine geradezu unheimliche Atmosphäre. Ein dämonischer Jahrmarkt zieht durch das Land, Gaukler, Diebe und Narren locken ihre Opfer in ein Spiel, aus dem es kein Entkommen gibt. Hinter dem eingängigen Hauptriff verbirgt sich eine erstaunlich düstere Geschichte über Verführung, Manipulation und das Böse hinter einer lächelnden Fassade.

Mit ´The Perfect Virus´ blickten ANNIHILATOR erstaunlich früh auf Themen, die heute aktueller wirken denn je. Der Text beschreibt eine digitale Seuche, die sich unaufhaltsam durch Netzwerke frisst, Systeme zerstört und ganze Gesellschaften lahmlegt. Was 2001 noch wie Science-Fiction klang, besitzt heute beinahe prophetische Züge. Die Industrial-Anleihen im Intro unterstreichen den futuristischen Charakter, ehe der Song mit voller Thrash-Wucht explodiert.

Deutlich melodischer präsentiert sich ´The Rush´. Hinter dem eingängigen Refrain verbirgt sich allerdings keine harmlose Rocknummer, sondern eine Geschichte über Sucht, Abhängigkeit und den unstillbaren Hunger nach dem nächsten Kick. Die elegante Verbindung aus klassischem Heavy Metal und amerikanischem Power Metal macht den Song zu einem der zugänglichsten Momente des Albums.

Auch ´Insomniac´ lebt von seinen Gegensätzen. Schlaflosigkeit wird hier zum psychischen Ausnahmezustand. Gedanken drehen sich endlos im Kreis, Realität und Albtraum beginnen ineinander überzugehen. Ruhige Passagen wechseln abrupt mit explosiven Thrash-Attacken, wodurch sich die innere Unruhe des Protagonisten unmittelbar auf den Hörer überträgt.

Anders als viele klassische Metal-Hymnen glorifiziert ´Epic Of War´ den Krieg nicht. Stattdessen schildern die Lyrics das Grauen an der Front, den Verlust von Kameraden und die Sinnlosigkeit des Tötens. Zwischen hymnischen Chören, gewaltigen Gitarrenharmonien und wuchtigen Rhythmen entsteht ein Spannungsfeld aus Pathos und Verzweiflung.

Das rein instrumentale ´Liquid Oval´ bildet anschließend einen willkommenen Ruhepol. Akustische Gitarren übernehmen das Kommando und zeigen einmal mehr, welch außergewöhnlicher Musiker Jeff Waters auch jenseits technischer Thrash-Exzesse ist.

Zum Abschluss überrascht ´Shallow Grave´ mit einer gehörigen Portion Spielfreude. Die offensichtliche Verbeugung vor AC/DC funktioniert erstaunlich gut. Joe Comeau klingt stellenweise verblüffend nah an Bon Scott, während sich Waters ganz bewusst auf schnörkellose Hard Rock-Riffs konzentriert. Nach dem letzten Ton wartet schließlich noch der legendäre Hidden Track ´Chicken And Corn´, eine herrlich alberne Country-Parodie, die beweist, dass ANNIHILATOR trotz aller Dunkelheit ihren Humor nie verloren haben.

Die neue 2026er-Ausgabe macht deutlich, wie viel klangliches Potenzial bislang unter der etwas flachen Originalproduktion verborgen lag. Das komplett überarbeitete Mastering verleiht den Gitarren deutlich mehr Tiefe.

Besonders auf der 180g-Doppel-LP mit 45 Umdrehungen pro Minute spielt das Album seine Stärken voll aus. Die enorme Kanaltrennung sorgt für beeindruckende Räumlichkeit, selbst dicht geschichtete Gitarren bleiben jederzeit sauber voneinander getrennt. Hinzu kommen eine makellose Pressqualität, ein hochwertiges Gatefold und ausführliche neue Liner Notes von Alex Milas, die den Entstehungsprozess spannend nachzeichnen.

´Carnival Diablos´ war nie bloß der Nachfolger eines gelungenen Comebacks. Jeff Waters nutzte die neu gewonnene Freiheit, um Thrash Metal, klassischen Heavy Metal, Hard Rock und moderne Einflüsse zu einem erstaunlich stimmigen Gesamtbild zu verbinden. Gerade diese stilistische Offenheit macht das Album heute vielleicht sogar spannender als seinen direkten Vorgänger.

Die 2026er-Neuauflage zeigt eindrucksvoll, weshalb ´Carnival Diablos´ inzwischen zu den stärksten Veröffentlichungen der späteren ANNIHILATOR-Phase gezählt wird. Wer bereit ist, die Band nicht ausschließlich über ihre Klassiker zu definieren, entdeckt hier ein Werk voller Ideen, Leidenschaft und musikalischer Klasse – und eines, das auf Vinyl endlich so kraftvoll klingt, wie Jeff Waters es vermutlich schon 2001 im Kopf hatte.

https://www.facebook.com/annihilatorband

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