
ANNIHILATOR – Criteria For A Black Widow
1999/2026 (earMUSIC) - Stil: Old-School Thrash Metal
1999 befanden sich ANNIHILATOR an einem Scheideweg. Nach den Experimenten von ´Remains´ hatten viele Fans der Band den Rücken gekehrt, Jeff Waters kämpfte privat mit einer schmerzhaften Scheidung, und selbst innerhalb der Metal-Szene galt die Zukunft der Kanadier als ungewiss. Ausgerechnet ein SLAYER-Konzert brachte die Wende. Waters erinnerte sich daran, warum er einst Thrash Metal spielte – kompromisslos, technisch brillant und mit einer Energie, die keine Gefangenen macht. Das Ergebnis hieß ´Criteria For A Black Widow´.
Heute, mehr als 25 Jahre später, erscheint dieses oft unterschätzte Album als aufwendig restaurierte 45-RPM-Doppel-LP über “earMUSIC” – und selten hat ein Re-Release deutlicher gezeigt, wie viel Qualität in einer Platte steckt, die lange im Schatten der ersten beiden Klassiker stand.

Bereits der Opener ´Bloodbath´ lässt keinen Zweifel daran, dass ANNIHILATOR die Zähne wieder gefletscht haben. Die Lyrics zeichnen Visionen aus schwarzem Licht, einstürzenden Türen und einer Welt, in der jede Hoffnung längst von Finsternis verschlungen wurde. Randy Rampage klingt bei seinem zweiten und gleichzeitig letzten Studioalbum mit Jeff Waters nicht perfekt, aber wie ein Mann, der mitten im Albtraum steckt. Genau diese Unberechenbarkeit macht den Song so mitreißend. Jeff Waters legt darüber ein Riff-Gewitter zwischen Raserei und chirurgischer Präzision.
Mit ´Back To The Palace´ öffnet sich erneut die Tür zum legendären ´Fun Palace´. Doch aus dem einst bizarren Horrorhaus ist inzwischen ein Ort psychischer Verwüstung geworden. Erinnerungen verfolgen den Erzähler, Stimmen flüstern hinter Glas, Therapie ersetzt die Flucht. Musikalisch verbindet der Song klassische Speed Metal-Attacken mit melodischen Passagen und cleveren Tempowechseln. Statt bloßer Selbstzitate entwickeln ANNIHILATOR die Geschichte glaubwürdig weiter.
Mit ´Nothing Left´ explodiert das Album erneut. Der Text beschreibt einen Menschen, der zwischen Selbstzerstörung, Schuld und innerer Leere gefangen ist. Zeilen wie „There’s nothing left to do“ wirken wie der emotionale Tiefpunkt der gesamten Platte. Ray Hartmann treibt den Song mit seinem entfesselten Schlagzeugspiel unaufhaltsam voran, während Waters eine Salve messerscharfer Riffs nach der anderen feuert.
Das instrumentale ´Schizos (Are Never Alone) Part III´ beweist anschließend eindrucksvoll, weshalb Jeff Waters seit Jahrzehnten zu den außergewöhnlichsten Gitarristen des Genres zählt. Rasende Läufe, technische Finessen und ständig wechselnde Ideen machen das Stück zu weit mehr als einer bloßen Fingerübung. Es knüpft würdig an die legendären Vorgänger an.
Der Titeltrack ´Criteria For A Black Widow´ wirkt verstörend. Jeff Waters reduziert den Text fast auf mantraartige Fragen, die immer weiter eskalieren und schließlich in völliger Entmenschlichung enden. Die bedrohliche Basslinie, das hypnotische Midtempo und Rampages halb gesprochenes Organ erzeugen eine Atmosphäre, die eher an einen psychologischen Thriller als an klassischen Thrash erinnert. Aufgrund dessen gehört der Song zu den spannendsten Momenten der Platte.
´Punctured´ gehört zu den finstersten Momenten der gesamten Diskografie. Die Lyrics handeln weniger von körperlicher Gewalt als von Manipulation, Kontrolle und seelischer Zerstörung. „To puncture the dream because reality’s cold“ beschreibt diese Atmosphäre perfekt. Das schleppendere Groove-Riff verstärkt die Beklemmung zusätzlich.
Etwas melodischer fällt ´Loving The Sinner´ aus. Hinter den eingängigeren Strukturen steckt jedoch alles andere als Optimismus. Beziehungen erscheinen hier als Abhängigkeit, Depression und Selbstaufgabe. Zwischen Hard Rock-Refrain und Thrash-Riffs entwickelt der Song eine fast bittersüße Dynamik, die das Album geschickt auflockert, ohne dessen düstere Grundstimmung zu verlassen.
´Double Dare´ spielt mit Wahnsinn, Verführung und Angst. Immer wieder fordert der Erzähler sein Gegenüber heraus, eine Grenze zu überschreiten. Gleichzeitig entsteht das Gefühl, dass diese Grenze längst überschritten wurde. Rhythmisch zählt der Song zu den anspruchsvollsten Momenten des Albums. Immer wieder reißen unerwartete Breaks und Richtungswechsel den Hörer aus jeder vermeintlichen Sicherheit.
Kurz vor Schluss entfesselt ´Sonic Homicide´ noch einmal den puren Thrash-Wahnsinn. Der Titel passt perfekt. Die Musik wirkt tatsächlich wie ein akustischer Angriff. Die Lyrics sprechen von Schmerz, Wahnsinn und der Entscheidung, sich dem eigenen Dämon endlich entgegenzustellen. Dass das Grundriff bereits aus einem Demo der Achtziger stammt, hört man keine Sekunde. Es besitzt dieselbe Frische und Wucht wie die neuen Kompositionen.
Mit ´Mending´ endet schließlich alles überraschend leise. Nach fast fünfzig Minuten Aggression bleiben nur noch melancholische Gitarren übrig, als würde sich der Staub nach einer gewaltigen Explosion langsam legen. Ein ruhiger Epilog, der dem Album genau den Abschluss gibt, den es verdient.

Die neue 2026er-Ausgabe hebt dieses Werk nochmals auf ein höheres Niveau. Das komplett überarbeitete Mastering wirkt deutlich organischer als die teilweise sterile Produktion der Original-CD. Gerade die Gitarren profitieren enorm von der größeren Transparenz.
Der Unterschied tritt auf dem 180g-Doppelvinyl mit 45 Umdrehungen pro Minute deutlich zutage. Durch die höhere Laufgeschwindigkeit gewinnen Dynamik, Kanaltrennung und Impulsverhalten hörbar hinzu. Die Pressung selbst überzeugt mit ruhigem Lauf, kaum Nebengeräuschen und einem hochwertigen Gatefold inklusive neuer Liner Notes von Alex Milas, die den historischen Kontext hervorragend ergänzen.
´Criteria For A Black Widow´ war nie bloß der Versuch, alte Erfolge zu kopieren. Hinter den Rückgriffen auf die Frühphase steckt ein Album voller Dunkelheit, Wut und persönlicher Zerrissenheit. Jeff Waters schrieb hier keinen nostalgischen Rückblick, sondern verarbeitete eine Lebenskrise mit den Mitteln des Thrash Metal. Deshalb klingt diese Platte auch heute noch ehrlich, intensiv und erstaunlich zeitlos.
Die neue 45-RPM-Ausgabe macht endgültig deutlich, dass dieses Werk weit mehr Aufmerksamkeit verdient, als es damals erhielt. Wer ANNIHILATOR ausschließlich auf ´Alice In Hell´ und ´Never, Neverland´ reduziert, übersieht ein weiteres emotionales und atmosphärisches Kapitel der Bandgeschichte.



