
CHALK TEETH – Chalk Teeth
2026 (DNTL Records) - Stil: Dark Wave, Synth Punk, No Wave
Das selbstbetitelte Debüt von CHALK TEETH hat sieben Stücke, gut 40 Minuten Spielzeit und keinen überflüssigen Ton, stattdessen ein permanentes Vibrieren zwischen Post Punk, Darkwave, Shoegaze und Noise Rock, das sich langsam unter die Haut schiebt und dort erstaunlich lange bleibt.
Dass dieses Trio in Los Angeles beheimatet ist, hört man dem Album kaum an. Karolina Wallace, geboren in Polen und in Deutschland aufgewachsen, singt konsequent auf Polnisch. Adam Wallace legt Gitarrenschichten darüber, die eher an die Feedback-Gewitter von A PLACE TO BURY STRANGERS erinnern als an klassischen Goth-Rock. Jason Miller hält mit Bass, Synthesizern, Sequencern und stoisch pumpenden Drumcomputer-Beats alles zusammen. Heraus kommt Musik, die genauso gut aus einem verlassenen Industriekomplex in Łódź stammen könnte wie aus einem Proberaum in North Hollywood.
Gerade diese geografische und kulturelle Unschärfe macht ´Chalk Teeth´ so faszinierend. Das Album besitzt keine erkennbare Heimat. Es lebt in einer Zwischenwelt aus kaltem Neonlicht, endlosen Autobahnen und verregneten Hinterhöfen. Die Songs wirken wie Momentaufnahmen einer Stadt kurz vor Sonnenaufgang, wenn Clubs schließen und sich Stille langsam mit dem Rauschen der Klimaanlagen vermischt.

Dabei ist bemerkenswert, wie organisch diese Musik entstanden ist. CHALK TEETH entwickelten die Stücke nicht am Computer, sondern aus langen Improvisationen. Zwanzig Minuten Noise, Motorik und Feedback konnten am Ende zu einem sechsminütigen Song verdichtet werden. Nichts wirkt konstruiert oder nach mathematischem Songwriting.
Schon im Opener ´Hi Vis´ schiebt sich ein unerbittlicher Motorik-Beat durch kalte Synthesizerflächen, während die Gitarren immer größere Kreise ziehen. Das erinnert stellenweise an NEU!, gleichzeitig blitzen die düsteren Texturen von THE JESUS AND MARY CHAIN oder frühe SWANS auf. Trotzdem bleibt der Song erstaunlich tanzbar.
In ´Struck´ singt Karolina Wallace mit einer beeindruckenden Mischung aus Distanz und emotionaler Intensität. Selbst wer kein Wort Polnisch versteht, begreift sofort die emotionale Wucht dieser Stimme. Der Song wächst dabei langsam, schichtet Klang auf Klang und entwickelt genau jene Sogwirkung, die starke Darkwave-Platten auszeichnet.
Im medizinischen Titel ´Oscillopsia´ scheinen die Gitarren permanent zu schwanken, verschwimmen im Hall und erzeugen ein Gefühl leichter Orientierungslosigkeit. Shoegaze trifft hier auf elektronische Kälte, ohne jemals in nostalgische Genre-Klischees abzurutschen. CHALK TEETH zitieren ihre Einflüsse ohne sie zu kopieren.
Dann tritt das Trio in ´Floor It´ plötzlich aufs Gaspedal. Die Drumcomputer treiben kompromisslos nach vorne, die Gitarren wirken scharfkantiger, fast aggressiv. Wer sich vorstellen möchte, wie JOY DIVISION auf eine moderne Techno-Produktion treffen könnten, bekommt hier zumindest eine ungefähre Ahnung davon.
´Casket Casino´ lebt von einer stoischen Basslinie, die unaufhaltsam voranschreitet, während Adam Wallace Gitarrenflächen übereinander stapelt, bis sich daraus eine massive Klangwand erhebt. ´Old Mill´ gönnt dem Album schließlich etwas Luft. Die Synthesizer gewinnen an Tiefe und für einen kurzen Augenblick scheint Licht durch die Wolkendecke zu fallen.
Das Finale ´Paskuda!´ ist dann der konsequente Abschluss. Feedback kreischt, Gitarren geraten an ihre Belastungsgrenze, der Drumcomputer hämmert stoisch weiter. Der Song wirkt beinahe kathartisch. Chaos und Kontrolle existieren gleichzeitig. Man spürt förmlich, wie diese Musik ursprünglich in improvisierten Sessions entstanden ist.

Dass das Album komplett im eigenen Proberaum aufgenommen, produziert und von Jason Miller gemischt wurde, hört man keineswegs. Im Gegenteil. Die Produktion besitzt genau die richtige Balance zwischen Druck und Transparenz. Gitarren dürfen rauschen, Synthesizer flirren, Bässe drücken tief in die Magengrube, ohne dass jemals ein Klangbrei entsteht.
In einer Zeit, in der unzählige Bands versuchen, den Sound der Achtzigerjahre möglichst detailgetreu nachzubauen, gehen CHALK TEETH einen anderen Weg. Sie bedienen sich bei Darkwave, Post Punk, Krautrock und Shoegaze, erschaffen daraus aber etwas Eigenständiges. Der polnische Gesang verleiht dem Album zusätzliche Identität.
´Chalk Teeth´ fordert Offenheit und eine gewisse Bereitschaft, sich auf Wiederholungen einzulassen. Wer das akzeptiert, entdeckt ein spannendes Darkwave-Debüt. Laut, hypnotisch, unbequem und gleichzeitig erstaunlich schön.
(8 Punkte)



