MeilensteineVergessene Juwelen

BRANDI CARLILE – By The Way, I Forgive You

2018 (Elektra Records) - Stil: Americana, Symphonic Pop, Rock

Es gibt Stimmen, die man hört, und es gibt Stimmen, die sich unaufhaltsam tief in die Seele brennen. Brandi Carlile singt auf ´By The Way, I Forgive You´ mit einer fast schon schmerzhaften Intensität, die in unserer modernen Musiklandschaft selten geworden ist. In einem Moment wirkt ihr Gesang so zerbrechlich und fragil wie hauchdünnes Glas, nur um Sekunden später mit einer urgewaltigen, ungezähmten Kraft loszubrechen und den gesamten Raum zu fluten. Diese zehn Songs bewegen sich mit traumwandlerischer Eleganz auf dem schmalen Grat zwischen erdiger Americana, intimem Folk und staubigem Roots-Rock.

Als Brandi Carlile dieses sechste Studioalbum im Februar 2018 auf die Welt losließ, war sie längst eine feste, hochgeschätzte Größe der US-amerikanischen Musikszene. Doch diese Platte war kein bloßer Fortschritt, sie war ein radikaler Wendepunkt ihrer gesamten Existenz. Gemeinsam mit den Produzenten Dave Cobb und Shooter Jennings goss sie den rauen, wilden Geist von Folk und Country in das majestätische, donnernde Gewand klassischer Rock-Produktionen. Die schmerzhafte Intimität von Ikonen wie Joni Mitchell und Carole King verschmilzt hier mit der emotionalen Wucht von FLEETWOOD MAC, der erdigen, schnörkellosen Ehrlichkeit von TOM PETTY & THE HEARTBREAKERS und der großen, epischen Erzähltradition eines Bruce Springsteen.

´By The Way, I Forgive You´ entpuppt sich als eine tief bewegende Reise durch alte, vernarbte Verletzungen, verblasste Erinnerungen und den steinigen, oft qualvollen Weg zur Vergebung. Dabei inszeniert sich Brandi Carlile zu keinem Zeitpunkt als unfehlbare Ratgeberin, die fertige Antworten von einer fernen Kanzel predigt. Sie klingt vielmehr wie eine Künstlerin, die mit nackten Füßen mitten durch die scharfen Scherben ihrer eigenen Biografie geht und uns sanft an der Hand nimmt, damit wir den Mut finden, ihr zu folgen.

Der wahre Zauber dieses Meisterwerks liegt in seiner perfekten, fast schmerzhaften Balance. Zwischen hauchdünnen, zerbrechlichen Akustikmomenten und gewaltigen Arrangements entfaltet sich eine musikalische Landschaft, die zwar vertraut wirkt, aber doch völlig zeitlos über den Dingen steht. Es sind vor allem die majestätischen Streicher-Arrangements des legendären Paul Buckmaster, die den Songs eine cineastische, fast epische Tiefe verleihen. Buckmaster, dessen Genie einst den frühen Werken von David Bowie und Elton John ihre Unsterblichkeit schenkte, hinterließ mit diesen Aufnahmen eines seiner letzten großen musikalischen Vermächtnisse.

Im absoluten Epizentrum dieses Sturms steht jedoch Brandi Carliles Stimme. Ihr Organ kann gleichzeitig in rauchig-rauer und in aristokratischer Schönheit glänzen. Mühelos reißt sie die Mauern zwischen Folk, Rock und Soul ein. In einem Moment flüstert sie uns Geheimnisse ins Ohr, als stünde sie auf der Bühne eines verrauchten, nächtlichen Jazzclubs, nur um ein Augenzwinkern später den Raum mit einer Urgewalt zu fluten, die das Erbe der ganz großen Stimmen der Rockgeschichte in sich trägt.

Schon die ersten Takte von ´Every Time I Hear That Song´ verleihen diesem klassischen Country-Folk mit warmen Akustikgitarren und dezenten Americana-Farben eine beinahe schmerzhafte, natürliche Eleganz. Brandi Carlile erzählt nicht einfach nur eine Geschichte, sie seziert das Echo einer Liebe, die längst in der Vergangenheit verglüht sein sollte, bis ein plötzlich im Radio auftauchender, vertrauter Song die alten Wunden wieder aufreißt. Ihre Stimme bleibt dabei von einer entwaffnenden, warmen Zurückhaltung geprägt, nimmt den Hörer sanft an der Hand und zieht ihn atemlos in ihre Welt.

Mit ´The Joke´ erreicht das Album sein orchestrales und emotionales Epizentrum. Es ist ein Monumentalwerk, das fast schüchtern und zerbrechlich am Klavier beginnt, bevor es sich mit einer urgewaltigen Dynamik zu einer stadiongroßen Folk-Rock-Hymne aufbäumt. Unter den majestätischen Wellen von Paul Buckmasters Streichern wird hier die Bühne für eine der erschütterndsten und reinsten Gesangsleistungen der modernen Musikgeschichte errichtet. Dabei ist der Song ein flammendes Manifest für die Übersehenen, die Unverstandenen und all jene Außenseiter, die täglich gegen den Wind laufen müssen. In diesem epischen Schmelztiegel aus Americana, Soul und Stadion-Rock vibriert die emotionale Wucht mit der ungezähmten Rock-Leidenschaft.

´Hold Out Your Hand´ peitscht den Hörer jäh aus der Melancholie und bringt eine ekstatische Unruhe in das Album. Der Rhythmus pulsiert mit einer wilden, folk-rockenden Energie, während Brandi Carlile mit brennender Leidenschaft eine Hymne auf den Zusammenhalt und die bedingungslose Menschlichkeit anstimmt. Hier verschmilzt der erdige Geist des modernen Americana mit dem schweißtreibenden Erbe klassischer Rockbands. Das mitreißende Geflecht aus rhythmischen Handclaps, treibendem Schlagzeug und einem absolut hymnischen Refrain schreit förmlich nach einer staubigen Festivalbühne und tausenden Kehlen, die im Chor mitsingen.

Nach dem großen Sturm zieht sich die Musik bei ´The Mother´ auf Zehenspitzen zurück, um Platz für den intimsten Atemzug des gesamten Albums zu machen. Eine einsame, sanft gezupfte Akustikgitarre wird zum einzigen Anker für Brandi Carliles radikal ehrliche Reflexion über die Mutterschaft, den Verlust der eigenen Freiheit und die unsichtbaren Opfer, die untrennbar mit einer übergroßen Liebe verwoben sind. Der Track atmet die meditative Ruhe und die verrauchte Studio-Intimität der großen Singer-Songwriter-Meilensteine der 1970er-Jahre.

´Whatever You Do´ kriecht wie Nebel aus einer fast schüchternen, zurückhaltenden Atmosphäre hervor, um sich unaufhaltsam zu einem gewaltigen emotionalen Sturm zusammenzubrauen. Brandi Carlile besingt hier die dunklen, verschlungenen Pfade einer langjährigen Beziehung – das schmerzhafte Paradoxon, jemanden so tief zu lieben, dass man auch die Macht besitzt, ihn völlig zu zerstören. Zwischen kraftvollem Folk-Rock und einer klassischen Americana-Ballade atmet jede Note jene bittersüße, melancholische Zerrissenheit, die einst die ganz großen Meisterwerke berühmt gemacht hat.

In ´Fulton County Jane Doe´ leiht Brandi Carlile einer völlig namenlosen, vergessenen Frau ihre eigene, kraftvolle Stimme und webt eine filmische Chronik über Würde, Erinnerung und das urmenschliche Bedürfnis, dass kein gelebtes Leben einfach im Staub der Geschichte verweht. Musikalisch gräbt sich der Song tief in die fruchtbare Erde des amerikanischen Country-Rock. Sehnsüchtige, weinende Gitarren und eine monumentale, weit geöffnete Klanglandschaft beschwören die großen, staubigen Südstaaten-Erzählungen herauf. Ein Epos voller flammendem Mitgefühl und einer stillen, erhabenen Größe, das der Anonymität des Todes Trotz bietet.

´Sugartooth´ steigt furchtlos hinab in die dunkelsten, verrauchtesten Regionen der menschlichen Seele. In einem fiebrigen Schmelztiegel aus schwerem Blues, erdigem Folk und dem heilenden Trost des Gospel erzählt Brandi Carlile die erschütternde, wahre Geschichte einer zerstörerischen Sucht, über den schmerzhaften Verlust eines Freundes und über das wahre Schicksal der Menschen, die hinter den kalten Schlagzeilen unsichtbar bleiben. Die Atmosphäre verströmt die ungeschönte, staubige Ehrlichkeit der ganz großen, legendären Americana-Platten. Die Instrumente tragen die zentnerschwere Last dieser Tragödie auf ihren Schultern, ohne dabei jemals den Funken Hoffnung am Ende des Tunnels zu verlieren.

Wie eine wärmende Decke legt sich ´Most Of All´ über den Hörer und öffnet ein Fotoalbum voller Erinnerungen an Familie, Herkunft und bedingungslose Liebe. Rein akustische Saiteninstrumente, warm ineinanderfließende Gesangsharmonien und eine klassische, unsterbliche Americana-Melodie verleihen dem Track eine vollkommen zeitlose, goldene Qualität. Brandi Carlile verwandelt sich in eine weise Geschichtenerzählerin am nächtlichen Lagerfeuer.

´Harder To Forgive´ trägt den wohl zentnerschwersten und philosophischsten Gedanken des gesamten Albums in seiner Brust. Der Song seziert die radikale, fast schon schmerzhafte Erkenntnis, dass das Festhalten an giftiger Wut oft das bequemere Versteck ist – und dass wahre Vergebung den ungleich härteren, steinigeren Pfad bedeutet. Musikalisch peitscht Brandi Carlile diesen inneren Konflikt mit dreckigen Southern-Rock-Elementen und moderner Americana nach vorne. Die Gitarren bekommen hier spürbar mehr Gewicht, der Rhythmus schlägt härter und unbarmherziger ein, während die Atmosphäre an die ganz großen, staubigen Heartland Rock-Momente erinnert.

Zum ultimativen Epilog verwandelt sich ´Party Of One´ in ein atemberaubendes, cineastisches Finale, das den Hörer vollkommen entwaffnet zurücklässt. Das Stück beginnt wie ein einsamer Geist, schmerzhaft zerbrechlich, nur getragen von einem einsamen Klavier und einer Stimme, die kurz vor dem Weinen zittert. Doch dann brechen Paul Buckmasters monumentale Streicher-Arrangements über das Lied herein und reißen den Vorhang zu einer unendlich weitläufigen, orchestralen Klangwelt auf. Es ist ein Abschied voller tiefer Melancholie, der sich weigert, in der endgültigen Dunkelheit zu ertrinken. Brandi Carlile lässt dieses Meisterwerk mit einer transzendenten Mischung aus reinem Schmerz und unerschütterlicher Hoffnung ausklingen, genau jene magische Synthese, die ´By The Way, I Forgive You´ zu einem unsterblichen, modernen Klassiker für die Ewigkeit macht.

Die US-Vinylpressung von ´By The Way, I Forgive You´ über “Elektra Records” bringt die große Dynamik dieser Produktion besonders eindrucksvoll zur Geltung. Das warme analoge Klangbild unterstreicht die Mischung aus Americana, Folk und Rock und verleiht dem Album jene Nähe, die auf Vinyl besonders spürbar wird.

´By The Way, I Forgive You´ gehört zu jenen seltenen, fast heiligen Alben, bei denen jede noch so kleine musikalische Nuance bedingungslos einem größeren, alles überragenden Gefühl dient. Brandi Carlile verwebt das reiche Erbe des traditionellen amerikanischen Songwritings so meisterhaft mit der epischen Monumentalität klassischer Rockproduktionen, dass eine Platte entsteht, die im selben Atemzug zutiefst intim und doch unendlich universell wirkt.

Am Ende bleibt eine Platte über das schmerzhafte Loslassen, über das Ertragen von Geisterbildern der Erinnerung und über die verdammt schwierige, fast schon heroische Kunst, endlich Frieden mit den Dämonen der eigenen Vergangenheit zu schließen. Jahre nach seinem Erscheinen steht ´By The Way, I Forgive You´ unerschütterlich als eines der wichtigsten, einflussreichsten Americana-Alben seiner Generation da – ein monumentales, modernes Klassikerwerk mit der wilden, ungezähmten Seele eines alten Rockalbums.

https://www.facebook.com/brandicarlile

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