
Stell dein Bier mal kurz beiseite und wirf einen Blick auf dein T-Shirt. Da vorne drauf grinst er dich an: Eddie. Seit Jahrzehnten das Symbol dafür, dass wir uns nicht anpassen. Das personifizierte „Leckt uns am Arsch“ des Heavy Metal. Doch während du dieses Shirt trägst und dein kühles Blondes genießt, ist hinter den Kulissen etwas passiert, das dieses Grinsen verdammt bitter schmecken lässt.
Iron Maiden haben sich mit Pophouse Entertainment verbündet, einer schwedischen Investmentfirma. Die Band hat die Hälfte ihrer Musikrechte und die kompletten Namens-, Bild- und Markenrechte abgetreten. Auf gut Deutsch: Maiden teilen sich die Kontrolle über ihr Erbe jetzt mit einem Finanzinvestor.
Man kann sich das jetzt schönreden. Man kann von „Zukunftssicherung“ faseln oder davon, dass die Jungs sich ihren wohlverdienten Ruhestand vergolden. Aber wenn wir ganz ehrlich sind und den ganzen PR-Sprech beiseitelegen, ist dieser Deal die absolute Umkehrung von allem, wofür Metal jemals stand. Es ist der systematische Verkauf der Seele.
Heavy Metal war immer der Gegenentwurf zur sterilen Popwelt. Metal lebte von der Vergänglichkeit: vom Schweiß, der von der Clubdecke tropft, vom vergossenen Bier, von Gitarren, die auch mal verstimmt sind, und von der Tatsache, dass da echte, sterbliche Menschen auf der Bühne stehen und alles geben. Diese Musik war eine Rebellion gegen das System.
Doch genau hier zeigt sich jetzt die hässliche Fratze des Systems: Es bekämpft die Rebellion nicht mehr, es schluckt sie, dreht sie auf links und verkauft sie uns als unendliches Konsumprodukt wieder zurück.
Pophouse kauft diese jahrzehntealte, dreckige Metal-Energie nicht, um sie im Archiv zu pflegen. Sie wollen daraus sterile, berechenbare Unterhaltungsprodukte stricken. Was sie bei ABBA und deren millionenschwerer Avatar-Show in London abgezogen haben, soll nun die Blaupause für den Heavy Metal werden. KISS haben sich bereits für schätzungsweise über 300 Millionen Dollar komplett an die Schweden verkauft. Deren Avatare stehen ab 2027 auf der Bühne – völlig fehlerfrei, vollkommen zahm und unendlich reproduzierbar.
Und jetzt denk noch mal an deinen Kumpel auf dem Shirt. Eddie war das unbezähmbare Monster. Er hat den Teufel persönlich vermöbelt, hat als Mumie Ketten gesprengt und ist als Soldat durchs Sperrfeuer gerannt. Er war die pure, ungezähmte Anarchie.
Jetzt wird Eddie in die Cloud hochgeladen. Er zieht in eine digitale Matrix um, die von schwedischen Private-Equity-Managern verwaltet wird. In Zukunft entscheidet kein betrunkener Roadie oder ein genialer Bruce Dickinson mehr, was Eddie tut, sondern ein Algorithmus, der darauf optimiert ist, den maximalen Profit aus der Sehnsucht der Fans zu pressen. Eddie wird vom Rebellen zum zahmen Maskottchen im digitalen Streichelzoo degradiert – gefangen in einer Endlosschleife aus VR-Games, Themenparks und Hologramm-Shows.
Die wahre Magie eines Konzerts liegt auch darin, dass diese zwei Stunden am Abend flüchtig sind. Dass der Musiker auf der Bühne altert und wir mit ihm. Diese Sterblichkeit gibt der Musik überhaupt erst ihr Gewicht, ihre Tiefe und ihre Ehrlichkeit.
Wenn man diese Sterblichkeit durch digitale Avatare ersetzt, tötet man den Geist der Musik. Ein Avatar schwitzt nicht. Er hat keinen schlechten Tag. Er verspielt sich nicht. Er stirbt nie. Aber genau deshalb ist er auch vollkommen seelenlos. Es ist eine perfekte, hochglanzpolierte Illusion für eine Generation von Konsumenten, denen echter Schweiß zu ungemütlich geworden ist.
Der Pophouse-Deal rettet nicht das Erbe von Iron Maiden. Er sperrt es in einen goldenen Käfig, saugt den Dreck und die Gefahr heraus und macht daraus ein unendlich skalierbares Franchise.
Wenn du also das nächste Mal dein Bier auf Maiden erhebst, tu es auf die echten, sterblichen Männer auf der Bühne, solange sie noch da sind. Denn der Eddie, der uns demnächst aus den Hologramm-Projektoren entgegenblickt, hat mit unserem Metal nichts mehr zu tun. Er ist nur noch ein Geist in der Maschine derer, gegen die wir eigentlich immer anbrüllen wollten.
Pic: Mario Lang