
Damals, ohne Internet, ohne Magazine, die jungen Musik-Nerds die passende Musik schmackhaft machten, konzentrierte man sich auf Kumpels mit ähnlichen musikalischen Ansprüchen, die zwei bis drei Plattenläden, die man regelmäßig aufsuchte – und ab und an kaufte man sich den „Musik Express“, um up to date zu sein. Für mich war damals Heavy Metal schon der Lebensmittelpunkt, meine Neugier in andere musikalische Strömungen war aber auch ausgeprägt vorhanden. Ich hörte überall rein, denn schon damals war für mich Musik gleichzeitig Entertainment, etwas, das mich positiv unterhalten sollte. Und so kam es oft vor, dass es neben den üblichen Metal-Scheiben auch andere Platten in die Sammlung schafften, die selbst über 40 Jahre später immer noch relevant sind. ´Ganz Nah Dran´ von MORGENROT aus Berlin ist eine davon.
Warum ich jetzt gerade mit dieser Platte um die Ecke komme? Gute Frage, vielleicht bin ich es gerade leid, die letzten Monate soviel neue Metal-Veröffentlichungen angehört zu haben, bei denen im traditionellen Bereich vieles viel zu gleich klingt, der Plastik Metal abtörnt und die Jagd auf immer Neues mit dem Ziel immer der Erste zu sein, langweilig wird? Keine Ahnung, jedenfalls blätterte ich durch die Plattensammlung und MORGENROT sprang mich an. Aufgelegt und erneut beim Hören Freude empfunden. Frei von Trends, frei von Erfolgs- und Erwartungsdruck, totale Selbstentfaltung. Die Texte, man erinnere sich, veröffentlicht 1980, schon damals komplett geerdet und auf eine Weise zukunftsfähig.
1980, die „Neue Deutsche Welle“ ist kurz vor ihrem kommerziellen Höhepunkt und wird von der Musikindustrie totgeritten, fordert geradezu eine Gegenbewegung. Berlin ist wiederum Zentrum des Aufbäumens gegen Trends. MORGENROT gehören dazu. Ronnie Bosien (Dr), Lutz Woite (B), Caro (Keys), Christian Gümther (G) und Sänger Enni Gerber können alle auf langjährige Erfahrungen in verschiedenen Bands vorweisen, als man sich entscheidet, als MORGENROT die Szene aufzumischen. Geld ist knapp, die Jungs mehr als clever und machen eine Kneipe auf. Name: „Morgenrot“. Die Lokalität in Kreuzberg wird zu einem Szenentreff, einer Live-Location und zu einer finanziellen Einnahmequelle mit der man sich sein Equipment finanziert.
Die Band macht sich einen exzellenten Ruf mit schweißtreibenden Auftritten und hat mit Enni Gerber einen Sänger, der der Band eine enorme eigene Note verleiht. Der legendäre Foto-Journalist Jim Rakete ist für den Deal mit dem Majorriesen “CBS“ verantwortlich, der es der Band ermöglicht, im Sommer 1979 ihr erstes Album einzuspielen. Das gleichnamige Album lässt aufhorchen. Rock`n`Roll bzw. Rock mit deutschen Texten, geprägt von drückenden Gitarren, Hammondorgel-Einlagen, Sarkasmus und unbändiger Freude, einfach zu machen worauf man Bock hat. Resultierend daraus gibt es den „Deutschen Schallplattenpreis“! Textlich keine Punkthesen, keine NDW-Lachgeschichten. Nein, Texte vom Leben des „Normalos“, des „Outlaws“, des „Rockers“. Harter Rock, hier und da Ausrutscher zum klassischen Hard Rock der Siebziger. Eine Nummer wie ´Zeig Mir Den Weg Nach Hause´ kann alleine aufgrund der Orgel und des zackigen Tempos eine Nähe zu URIAH HEEP aufbauen. Ein Album, hätte man es mit englischen Texten und einem englischen Bandnamen veröffentlicht, wäre sicher als Ami-Release durchgegangen. Die Produktion ist leider etwas, für meine Begriffe, zu flach und unspektakulär ausgefallen. Die Nummern hätten mehr Powersound verdient. Dennoch, eine erste Fußnote ist gesetzt.
´Ganz Nah Dran´, ein Jahr später aufgenommen, unter deutlich professionelleren Bedingungen mit Udo Arndt, der später durch Produktionen von NENA, SPLIFF, ANNETTE HUMPE, TON STEINE SCHERBEN, etc. megaerfolgreich wird, ist im Vergleich zum Debüt musikalisch etwas breiter aufgestellt, kokettiert sogar frech in einigen Songs mit NDW-Welle Einflüßen, die von MORGENROT aber auf eigenwillige Weise eingesetzt werden. Und auch soundlich bewegt man sich in einer anderen Dimension. Der voluminöse, breite Sound gibt den Stücken ein mächtiges Fundament, was gerade im Gitarrenbereich für gewaltige Impulse sorgt. Die Stücke grooven, haben Songzeilen und Refrains, die sich einfach brutal im Gehör verbeißen. Nimmt man ´Mono´, das in Teilen wie ein sanfter Tiger auf einer Welle schwebt, der im nächsten Moment einen Wutausbruch hat, sieht man die Genialität der Band. Der Titeltrack ist ein schmissiges Up-Tempo Stück mit NDW-artigem Aufbau, das dennoch von einer kraftvollen Gitarre geprägt ist. Das groovige ´Nice Und Easy´ repräsentiert in seiner Einfachheit die damaligen musikalischen Strömungen und ist letztendlich ein detailversessener Song mit bissigem Text und macht deutlich, auch ohne Samples oder überproduzierten Keyboards kann man Ohrwürmer mit deutschen Texten schreiben. ´Deine Augen´ ist auf Seite eins der Platte der schwächste Song. Simpler Rocker mit typischen rockigen Blues Akzenten ohne Langzeitwirkung. Und auch textlich bleibt man hinter der bis dahin vorgelegten Qualität. ´Automatic Sex´ beendet Seite eins dieses Albums mit wiederum einem abwechslungsreichen Track, in dem so viele Einflüße geschickt verbunden werden. Der Text selbst könnte auch 2026 geschrieben worden sein.
Seite zwei des Album ist deutlich drückender, rockiger, direkter und enthält einige MORGENROT-Hits. Beginnenden mit ´Strom´, einem tighten Groover mit fantastischem, simplen, aber effizienten Mittelteil. Textlich ein Ohrwurm. Dann eine Nummer, die für MORGENROT zu einer Hymne wurde. ´Frank Liegt Krank im Schrank´, heute erst veröffentlicht, würden sicher die Empörungsgarden auf der Bildfläche auftauchen. Weil?
„Frank liegt krank im Schrank und hat keine Lust auf Arbeit, keine Lust auf Arbeit, kleine Strichmännchen malt er an die Wand von seinem Schrank und holt sich munter einen `runter`….“ Finden sich da nicht diskriminierende Ansätze in Sachen Arbeitsloser? Lol
Mit ´Babe´ legt man für damalige Verhältnisse textlich eigentlich Sprengstoff vor. Brutal zweideutig mit hohem Interpretationspotential. Musikalisch eine easy Rocknummer, abwechslungsreich, nachhaltig und mit Passagen, die die hohe Qualität der Musiker belegt. ´Schatten In der Nacht´ ist dann eine Nummer, die nur in den frühen Achtzigern wirken konnte. Stranger Rhythmus, stranger Takt, NDW-Welle Aufbau. Aus progressiver Sicht gesehen cool gemacht, aber irgendwie auch kantig. Mit dem albumschließenden ´Welcome To The Rock`n`Roll Peep Show´ liefert man den heftigsten Song des Albums. Das ist eigentlich eine tighte Heavy Metal-Hymne mit einem Text der auch heute noch Bestand hat. Schade, dass das Stück so kurz ist, denn mehr von diesem Kaliber hätte MORGENROT sicher auch mehr Fans aus der Hard Rock-Ecke gebracht.
´Ganz Nah Dran´ ist ein Zeitdokument des Rock im Jahre 1980. Vielseitig und nachhaltig. Dass die Band selbst mit diesem Album immer nur zur zweiten Liga gezählt wurde, ist beschämend. Neben dem 1978 veröffentlichten selbstbetitelten Debüt der NINA HAGEN BAND, für mich eines der großartigsten Alben aus dieser Ära. Interessanterweise wurde das Album bisher noch nie auf CD veröffentlicht, ebenso wie die beiden anderen Studioalben der Band. Man findet ´Ganz Nah Dran´ zwar auf einigen Streaming-Plattformen, aber keine CD! In diesem Sinne, ´Welcome To The Rock`n`Roll Peep Show´!
Kurze Randnotiz: Nach dem Ende von MORGENROT gründeten Bosien und Caro (aka Karo Ceb) die Band KARO, mit der sie zwei Alben veröffentlichten, wobei gerade das 1988er Debüt ´Heavy Birthday´ hervorzuheben ist. Ein sehr solides Heavy Rock-Album mit allerdings nur mäßigem Erfolg.



