
GÖRL – Dark Silver Moon Light
2026 (Grönland Records) - Stil: Elektropunk, EBM, Synthie-Pop, Techno
Wenn Robert Görl ein neues Projekt startet, steht zwangsläufig die Geschichte von DAF im Raum. Der 1955 geborene Schlagzeuger, Keyboarder und Produzent prägte gemeinsam mit Gabi Delgado-López seit Ende der 1970er Jahre eine der einflussreichsten Formationen der deutschen Musikgeschichte. Die Reduktion auf Sequencer, Schlagzeug und Stimme wurde für EBM, Industrial, Techno und Teile des Electro-Punk zum Referenzmodell. Mit ´Dark Silver Moon Light´, dem ersten Album des Duos GÖRL, knüpft Robert Görl jedoch nicht an DAF an, sondern formuliert gemeinsam mit Sylvie Marks eine eigenständige Gegenwartsposition.
Sylvie Marks gehört seit Jahrzehnten zu den prägenden Figuren der deutschen Clubkultur. Als erste weibliche Resident-DJ des Frankfurter “Dorian Gray” und durch Veröffentlichungen auf Labels wie “International Gigolo” oder “BPitch Control” brachte sie eine andere musikalische Sozialisation in das Projekt ein: weniger Post Punk, mehr Clubarchitektur, weniger Rockgestus, mehr Konzentration auf Rhythmus, Wiederholung und elektronische Textur.
Das Album erscheint über “Grönland Records” und umfasst zehn Stücke. Die Produktion verzichtet weitgehend auf dekorative Arrangements. Stattdessen dominieren analoge Sequenzen, trockene Drum-Programmierungen, wenige Synthesizer-Layer und Robert Görls markante Stimme. Die musikalische Grundidee folgt dabei einem Prinzip, das bereits DAF definierte: Wiederholung nicht als Vereinfachung, sondern als kompositorisches Werkzeug.
Bereits der Opener ´Irgendwann ist jetzt´ legt diese Arbeitsweise offen. Eine kreisende Keyboardfigur und ein tiefer Synth-Bass bilden das Fundament des Stücks. Darüber wiederholt Görl die Titelzeile in ständig variierenden Betonungen. Die Musik entwickelt sich nicht über Harmoniewechsel, sondern über minimale rhythmische Veränderungen, zusätzliche Synth-Akzente und den Wechsel der Sprachrhythmen. Inhaltlich greift der Text das Motiv des Aufschiebens auf, musikalisch erinnert die Strenge der Konstruktion an die frühen DAF-Aufnahmen der Jahre 1980 bis 1982.
´So wie du bist´ arbeitet mit einem anderen Schwerpunkt. Kurze Synth-Flächen, ein stoischer Beat und die permanente Wiederholung weniger Textzeilen erzeugen einen Sprechgesang zwischen Begehren und Beobachtung. Dies erinnert an die minimalistische Songarchitektur von ´Der Mussolini´, jedoch deutlich langsamer und kontrollierter eingesetzt.
´Falscher Ton´ bezieht sich direkt auf die frühen Jahre von DAF, als Plattenfirmen der Band vorwarfen, ihre Musik bestehe aus „falschen Tönen“. Görl machte daraus bereits Ende der 1970er Jahre ein ästhetisches Prinzip. Musikalisch setzt das Stück auf Dissonanzen, raue Synthesizer-Sounds und bewusst unaufgelöste Tonfolgen. Die Zeile „Der falsche Ton ist der richtige Ton“ wird zur musikalischen und biografischen Selbstbeschreibung. Innerhalb des Albums ist dies die deutlichste Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Mit ´Don’t Stay At Home´ folgt die größte Überraschung der Platte. Der Song löst sich teilweise vom harschen EBM-Gerüst und orientiert sich stärker an Synth-Pop und New Wave. Breite Keyboardakkorde, ein melodischer Refrain und ein vergleichsweise offenes Arrangement erinnern eher an OMD oder ULTRAVOX als an DAF. Gleichzeitig bleibt die Produktion nüchtern genug, um nicht in Retro-Nostalgie abzurutschen.
Der Titelsong ´Dark Silver Moon Light´ ist ein weiterer Eckpfeiler des Albums. Auslöser war eine nächtliche Beobachtung von Robert Görl und Sylvie Marks an einem See, bei der eine unbekannte Frau im Mondlicht erschien und kurz darauf im Wasser verschwand. Musikalisch übersetzt der Song diese Szene mit wenigen musikalischen Elementen in eine langsame Sequenz aus pulsierendem Bass, zurückhaltenden Synth-Flächen und einem fast mantraartigen Gesang.
´Der Fluss´ setzt diese Arbeitsweise fort. Fließende Synth-Linien und kontinuierliche Sequenzen greifen das Bild des Wassers unmittelbar auf. Der Song gehört zu den ruhigsten Momenten des Albums und zeigt, wie konsequent GÖRL musikalische Motive aus den Texten ableiten.
Die härteste Clubproduktion folgt mit ´Wir brechen aus´. Hämmernde Drum-Muster, kurze Sequencer-Loops und die fast militärische Präzision des Beats knüpfen direkt an die Tradition von EBM und Industrial Dance an. Hier zeigt sich die Verbindung zwischen Robert Görls rhythmischer Arbeit und Sylvie Marks’ jahrzehntelanger Erfahrung als DJ besonders deutlich.
´Bänder im Haar´ und ´Spiel mit mir´ greifen dagegen eine andere Tradition auf. Beide Stücke erinnern an die rätselhaften, bewusst fragmentierten Texte vieler DAF-Kompositionen. Die Worte liefern keine geschlossene Handlung, sondern funktionieren als rhythmische Bausteine innerhalb der Musik. Besonders ´Spiel mit mir´ entwickelt daraus eine bemerkenswerte Konsequenz. Die imperativen Satzfragmente werden Teil des Beats und übernehmen fast die Funktion eines zusätzlichen Perkussionsinstruments.
Den Abschluss bildet ´Es ist nie zu spät´. Die elektronische Ballade arbeitet mit knisternden Synth-Flächen, sparsamen Drum-Impulsen und einer der stärksten Gesangsleistungen Görls auf dem Album. Der Song greift das zentrale Motiv von Aufbruch und Veränderung noch einmal auf. Statt einer Auflösung bleibt allerdings ein leicht verstimmter Schlusston stehen.
Die besondere Bedeutung von ´Dark Silver Moon Light´ liegt vor allem darin, dass Robert Görl erstmals seit dem Tod von Gabi Delgado-López im Jahr 2020 ein Projekt vorlegt, das nicht von Erinnerung oder Nachlassverwaltung geprägt ist. Das 2021 erschienene ´Nur noch einer´ war vielleicht auch ein unvollständiger Epilog der DAF-Geschichte. GÖRL verfolgen einen anderen Ansatz. Die bekannten Elemente – Sequencer, Minimalismus, Wiederholung, Maschinenrhythmik – bleiben erhalten, werden aber durch die Club-Erfahrung von Sylvie Marks neu eingeordnet.
´Dark Silver Moon Light´ ist kein DAF-Album ohne Gabi Delgado. Es ist auch keine nostalgische Rückkehr zu EBM oder Neue Deutsche Welle. Die Platte führt eine musikalische Linie weiter, die Ende der 1970er Jahre begann und bis in die elektronische Gegenwart reicht. Somit zählt sie zu den überzeugendsten Veröffentlichungen in Robert Görls später Karriere und zu den interessantesten deutschsprachigen Elektronik-Alben des Jahres 2026.
(9 Punkte)



