
DIO – The Last In Line
1984/2026 (Rhino Records/Warner Records) - Stil: Heavy Metal, Hard Rock
Nach dem Triumph von ´Holy Diver´ steht Ronnie James Dio an einem Punkt, den viele Musiker nie erreichen. Der Bruch mit BLACK SABBATH liegt erst kurze Zeit zurück, doch aus dem Risiko ist Erfolg geworden. Das Debüt seiner neuen Band verkauft sich hervorragend, die Hallen werden größer, die Erwartungen ebenfalls. Was zunächst wie ein Befreiungsschlag wirkt, entwickelt sich innerhalb weniger Monate zu einer neuen Realität. Die Frage lautet nicht mehr, ob die Gruppe DIO funktionieren kann. Die Frage lautet, was man auf ein Album folgen lassen kann, das bereits kurz nach seiner Veröffentlichung als moderner Metal-Klassiker gilt.
Unter diesen Vorzeichen entsteht ´The Last In Line´. Doch anders als beim Vorgänger stehen die Aufnahmen diesmal nicht unter Existenzdruck. Die Band muss sich nicht mehr beweisen, sondern kann auf einem Fundament aufbauen, das sie selbst geschaffen hat. Ronnie James Dio, Vivian Campbell, Jimmy Bain und Vinny Appice gehen Anfang 1984 gemeinsam auf die legendäre Caribou Ranch in Colorado. Hoch in den Bergen, weit entfernt vom üblichen Musikgeschäft, entsteht eine Atmosphäre, die Konzentration und Kreativität gleichermaßen begünstigt. Zahlreiche berühmte Künstler haben dort bereits gearbeitet, doch für DIO wird die Ranch zum Schauplatz ihrer vielleicht harmonischsten Studiosessions.
Zum ersten Mal gehört auch Keyboarder Claude Schnell offiziell zur Band. Seine Rolle geht dabei weit über dekorative Hintergrundflächen hinaus. Die Keyboards erweitern den Klangraum, verleihen den Songs zusätzliche Tiefe und sorgen dafür, dass ´The Last In Line´ größer, breiter und epischer wirkt als sein Vorgänger.
Als das Album im Juli 1984 erscheint, bestätigt es den Aufstieg der Band eindrucksvoll. In Großbritannien erreicht es Platz vier der Charts, in den USA wird es zum erfolgreichsten Album der gesamten DIO-Karriere. Bereits wenige Monate später erhält es Goldstatus, 1987 folgt Platin. Bis heute bleibt es neben ´Holy Diver´ das einzige DIO-Album, das in den Vereinigten Staaten mindestens eine Million verkaufte Einheiten erreicht.
Im Jahr 2026 erscheint das Album innerhalb der „Rhino Reserve“-Serie erneut auf Vinyl. Wie schon bei ´Holy Diver´ verfolgt „Rhino“ dabei einen kompromisslos analogen Ansatz. Die Lackfolien werden direkt von den originalen Masterbändern geschnitten. Digitale Zwischenschritte bleiben außen vor. Matthew Lutthans übernimmt das Mastering im renommierten „The Mastering Lab“, gepresst wird auf schwerem 180g-Vinyl bei “Fidelity Record Pressing” in Kalifornien.
Der Unterschied zu vielen früheren Wiederveröffentlichungen wird bereits nach wenigen Takten deutlich. Die Musik wirkt offener, luftiger und dynamischer. Besonders auffällig ist erneut Ronnie James Dios Stimme. Sie wirkt organisch eingebettet und gleichzeitig erstaunlich präsent.
Auch die Ausstattung orientiert sich eng am historischen Original. Das ikonische Cover-Artwork wurde sorgfältig reproduziert, ohne moderne Eingriffe oder störende Neugestaltungen. Der rote „Rhino Reserve“-Schriftzug befindet sich auf einem separaten OBI-Element der äußeren Schutzverpackung und beeinträchtigt die eigentliche Gestaltung nicht. Die Platte selbst steckt in einer hochwertigen antistatischen Innenhülle, während eine stabile Außenschutzhülle das Gesamtpaket abrundet. Doch so beeindruckend die Neuauflage auch ausfällt – entscheidend bleibt immer noch die Musik.

Sobald die Nadel aufsetzt, macht ´We Rock´ unmissverständlich klar, dass hier niemand auf Nummer sicher spielt. Der Song stürmt los, als wolle er jede verbleibende Diskussion über die Zukunft der Band im Keim ersticken. Vinny Appice treibt die Nummer mit enormer Energie nach vorne, Vivian Campbell feuert Riffs und Leads aus allen Richtungen ab, spielt ein unfassbar rasendes Gitarrensolo, und Ronnie James Dio erhebt seine Stimme über das gesamte Geschehen. Der Refrain besitzt jene seltene Qualität, die weit über einen gewöhnlichen Mitsingmoment hinausgeht. Er wirkt wie ein Manifest. Nicht für eine einzelne Band, sondern für eine gesamte Szene.
Nach diesem explosiven Auftakt folgt mit ´The Last In Line´ der eigentliche Fixpunkt des Albums. Kaum ein anderer Song verbindet die Stärken dieser Besetzung so überzeugend. Das ruhige Intro erzeugt zunächst eine beinahe zerbrechliche Atmosphäre. Doch unter der Oberfläche baut sich Spannung auf. Dann schlägt das Hauptriff ein. Schwer, majestätisch und von beeindruckender Präsenz getragen entwickelt sich der Song zu einer jener Kompositionen, die weit größer erscheinen als ihre eigentliche Laufzeit. Ronnie James Dio singt hier nicht einfach über Fantasy-Motive. Er erschafft eine eigene Welt, in der Hoffnung, Untergang und Widerstand gleichzeitig existieren.
´Breathless´ reduziert die epische Größe anschließend zugunsten seines unwiderstehlichen Grooves. Der Song lebt von diesem, so dass man unwillkürlich mitstampfen muss, und von einer Energie, die nie nachlässt. Vivian Campbell demonstriert dabei eindrucksvoll, weshalb er zu den unterschätztesten Gitarristen seiner Generation gehört. Sein Spiel bleibt technisch anspruchsvoll, verliert sich jedoch nie in bloßer Virtuosität. Jede Note dient dem Song, der sich weniger mit Fantasy als mit persönlicher Freiheit und dem Ausbrechen aus Zwängen beschäftigt.
Bei ´I Speed At Night´ rast die Band durch die gesamte Laufzeit, ohne jemals die Kontrolle zu verlieren. Vinny Appice liefert hier eine seiner stärksten Leistungen auf dem gesamten Album. Sein Schlagzeugspiel wirkt gleichzeitig präzise und aggressiv, während Ronnie James Dio die Geschwindigkeit mit beeindruckender Leichtigkeit und mit spontan eingesungenen Textzeilen begleitet. Die Musik vermittelt tatsächlich das Gefühl einer nächtlichen Fahrt ohne Ziel, nur getrieben von Geschwindigkeit und Adrenalin.
Den Abschluss der ersten Albumhälfte bildet ´One Night In The City´. Die Stimmung verändert sich spürbar. Wo zuvor Kraft und Dynamik dominierten, entsteht nun eine düstere, beinahe filmische Atmosphäre. Die Stadt erscheint als Ort der Versuchung, Gefahr und Unsicherheit. Jimmy Bains Bass bildet das Fundament dieses Klangbildes, während Vivian Campbells Gitarrenarbeit immer wieder kleine Spannungsmomente erzeugt. Der Song entwickelt einen Sog, der sich langsam, aber unaufhaltsam entfaltet.
Nach dem Umdrehen der Platte eröffnet ´Evil Eyes´ die zweite Seite mit neuer Energie. Obwohl der Song bereits in einer früheren Version existierte, zeigt sich hier, warum Ronnie James Dio ihn noch einmal aufnehmen wollte. Die Neuinterpretation wirkt druckvoller und deutlich besser in den Gesamtkontext des Albums integriert. Besonders die Verbindung zwischen Claude Schnells Keyboards und Vivian Campbells Gitarren verleiht dem Stück eine zusätzliche Dimension.
Mit ´Mystery´ nähert sich die Band anschließend stärker dem melodischen Hard Rock an. Der Song gehört zu den eingängigsten Momenten des Albums, ohne dabei seine metallische Identität aufzugeben. Das Keyboardmotiv bleibt sofort im Gedächtnis, doch gerade die Balance zwischen Melodie und Härte macht den Reiz aus. Ronnie James Dio beweist erneut, dass große Hooks und glaubwürdiger Heavy Metal kein Widerspruch sein müssen. Durch massive MTV-Rotation wird der Song sogar zu einer der erfolgreichsten Singles der Band.
´Eat Your Heart Out´ bringt danach Schmutz und Biss zurück ins Geschehen. Der Song wirkt rauer, direkter und aggressiver. Jimmy Bain und Vinny Appice entwickeln einen schweren Groove, auf dem Vivian Campbell seine Riffs aufbaut. Dio singt hier geradezu giftig und gallig, und rechnet mit falschen Freunden und Heuchlern im Musikgeschäft ab. Jede Zeile besitzt Nachdruck, jede Phrase wirkt wie eine Reaktion auf Zweifel und Widerstände.
Den Schlusspunkt setzt schließlich ´Egypt (The Chains Are On)´ – ein Monument von einem Song. Über fast sieben Minuten entfaltet sich ein Epos, das zu den ambitioniertesten Kompositionen der gesamten DIO-Diskografie gehört. Claude Schnells Keyboards erzeugen bereits zu Beginn eine orientalisch angehauchte, mystische Atmosphäre. Danach baut sich die Musik Schritt für Schritt auf. Die schweren Rhythmen erinnern beinahe an späteren Doom Metal, während Ronnie James Dio eine Geschichte erzählt, die zwischen Mythologie, Symbolik und persönlicher Freiheit pendelt. Der Song wächst mit jeder Minute, bis er schließlich in einem Finale endet, das weniger nach Abschluss klingt als nach dem Öffnen eines weiteren Tores.

Gerade dieser Schluss verdeutlicht, warum ´The Last In Line´ auch vier Jahrzehnte später nichts von seiner Wirkung verloren hat. Das Album wiederholt die Formel von ´Holy Diver´ nicht einfach, sondern erweitert sie. Die Songs sind größer, die Arrangements ambitionierter, die Produktion noch ausgereifter. Gleichzeitig bleibt jene unmittelbare Energie erhalten, die DIO von vielen ihrer Zeitgenossen unterscheidet.
Am Ende steht eines der stärksten Heavy Metal-Alben der Achtzigerjahre. Ein Werk, das die kreative Hochphase seiner Beteiligten dokumentiert und zugleich zeigt, wie weit klassische Metal-Traditionen gedehnt werden können, ohne ihre Identität zu verlieren. Die neue „Rhino Reserve“-Edition bringt diesen Klangzustand beeindruckend zur Geltung und macht deutlich, weshalb ´The Last In Line´ bis heute zu den wichtigsten Veröffentlichungen der gesamten DIO-Karriere gehört.
(Klassiker)



