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DIO – Holy Diver

1983/2026 (Rhino Records/Warner Records) - Stil: Heavy Metal, Hard Rock

Die Geschichte dieses Albums beginnt nach den eskalierten BLACK-SABBATH-Sessions zu ´Live Evil´. Ein Studio voller Konflikte, in dem sich jeder Take mehr nach Frontenbildung als nach Musik anfühlt. Gespräche werden zu Spannungen, Spannungen zu einem Zustand, der am Ende nichts und niemanden mehr zusammenhält. Die Band zerbricht an dieser Situation, Ronnie James Dio und Vinny Appice steigen aus.

Die Gruppe DIO entsteht aus genau diesem Moment heraus. Keine Idee, die erst langsam Form annimmt, sondern ein Schritt, der aus dem Moment heraus erfolgt. Vivian Campbell (von SWEET SAVAGE) an der Gitarre, Jimmy Bain (von RAINBOW, THIN LIZZY, WILD HORSES) am Bass gesellen sich hinzu – keine Namen für Experimente, sondern für kraftvolle Musik. Die Finanzierung des DIO-Debütalbums geht allerdings an die Substanz. Sie ist ein erhebliches Risiko. Eine Hypothek auf das gemeinsame Haus von Ronnie und Wendy Dio steht im Raum.

Doch ´Holy Diver´ kann am 25. Mai 1983 das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Im Jahr 2026 bekommt ´Holy Diver´ eine Neuauflage, die sich klar von den üblichen Reissues absetzt. Die „Rhino Reserve“-Edition geht zurück auf die analoge Kette: direkt von den originalen Masterbändern von 1983 werden die Lackfolien geschnitten, ohne digitale Zwischenschritte. Matthew Lutthans übernimmt das Mastering im „The Mastering Lab“, gepresst wird auf 180g-Vinyl bei „Fidelity Record Pressing“ in Kalifornien – einem Werk, das für extrem saubere, ruhige Pressungen steht.

Der Unterschied zum kürzlichen Vinyl-Boxset ist deutlich hörbar. Die „Complete Albums Box“ und andere neuere Remasters arbeiten digital, oft mit stärkerer Verdichtung und mehr Lautheit. Das Ergebnis ist kontrollierter, liegt enger im Mix.

Die „Rhino Reserve“-Pressung geht bewusst in die andere Richtung. Die analoge Kette steht für mehr Luft, mehr Abstand, mehr Bewegung im Raum. Die Gitarren von Vivian Campbell stehen klarer getrennt, Jimmy Bains Bass wirkt körperlicher, Vinny Appices Drums atmen stärker, mit mehr Dynamik. Und über allem steht Ronnie James Dio. Seine Stimme wirkt hier nicht nach vorne gezogen, sondern eingebettet in den Mix. Präsenter, weniger bearbeitet.

Im Vergleich zu den digitalen Versionen zeigt sich ein echter Unterschied. Die Remasters zielen auf Klarheit und Durchhörbarkeit im modernen Lautheitskontext. Die „Rhino Reserve“ setzt dagegen auf ein geschlossenes, analoges Klangbild, näher an der Studiowirklichkeit von 1983. Weniger geglättet, dafür beweglicher in der Dynamik und natürlicher im Zusammenspiel.

Diese Edition wirkt dadurch weniger wie eine weitere Wiederveröffentlichung, sondern wie eine Rückbesinnung auf den ursprünglichen Klangzustand. In dieser Klarheit hat man ´Holy Diver´ so noch nicht gehört.

Auch die Aufmachung des originalen Artworks wurde originalgetreu reproduziert. Bei der „Rhino Reserve“-Edition handelt es sich um eine hochwertige, analoge Reproduktion des originalen Gemäldes von Randy Berrett aus dem Jahr 1983. Es wurde nichts am Computer nachgearbeitet. Der rote „Rhino Reserve“-Schriftzug ist nicht fest auf das Cover gedruckt, sondern befindet sich auf einer Schutzfolie bzw. einem OBI-Strip, der die originale Kunst nicht beschädigt. Die Rückseite entspricht exakt dem historischen Original. Zudem hat “Rhino” darauf verzichtet, die historische Optik durch einen riesigen, modernen Barcode oder störende, fette Copyright-Texte aus dem Jahr 2026 zu verschandeln. Das beidseitig rein mit Fotos bedruckte Inlay – das wie beim US-Original leider komplett ohne Songtexte auskommt – liegt als Beilage bei. Die Schallplatte selbst wird glücklicherweise in einer hochwertigen, antistatischen gefütterten Innenhülle ausgeliefert. Das Album steckt mit seinem edlen, dicken Karton in einer stabilen, dicken Plastik-Schutzhülle. Der rote „Rhino Reserve“-Sticker klebt oben auf dieser Schutzhülle und faltet sich über die Öffnung, perfekt zum Aufschlitzen.

Sobald das Schwarze Gold aus der Schutzhülle gleitet und der Tonarm sich senkt, bricht die Musik wie eine Urgewalt los.

´Stand Up And Shout´ kennt keine Gnade. Vier trockene Snare-Schläge, dann sägt Vivian Campbell los, als hätte jemand die Stalltür zur Hölle aufgetreten. Kein Intro, kein Spannungsaufbau – Ronnie James Dio will sofort klarstellen, wer hier das Sagen hat. Und wie Ronnie diese Zeilen rausdrückt – „You are the driver, you own the road!“ – das ist kein netter Mutmacher, das ist ein Tritt in die Rippen. Die Band klingt dabei so hungrig, als müssten sie sich ihren Platz im Metal-Olymp mit bloßen Händen freiprügeln.

Und dann kommt ´Holy Diver´. Dieser Song ist inzwischen so groß geworden, dass man fast vergisst, wie unfassbar stark er eigentlich aufgebaut ist. Erst dieses unheilvolle Synthie-Grollen wie schwarzer Nebel über offenem Meer, dann schlägt das Hauptriff ein: langsam, schwer, majestätisch, einfach gewaltig. Jimmy Bains Bass drückt wie eine Stahlplatte gegen den Brustkorb, während Vinny Appice hinter dem Kit spielt, als würde er einen Tempel einstampfen. Und über allem thront Ronnie James Dio. Nicht als Sänger, sondern wie irgendein dunkler Prophet mitten im Gewitter. „Ride the tiger!“ – allein diese zwei Worte reichen, und die ganze Nummer gehört für immer ihm.

Nach diesem Monolithen kommt ´Gypsy´ fast schon lässig um die Ecke, aber genau das macht den Song so stark. Das Ding groovt wie Sau, hat aber permanent dieses unterschwellige Gift im Blut. Ronnie James Dio spielt hier den Verführer, den Getriebenen, den Typen, der genau weiß, dass er in die Falle läuft und trotzdem grinst. Er singt das Lied mit geschlossenen Augen und wechselt zwischen laszivem Fauchen und purer Rock-Power. Vivian Campbell wirft kleine, dreckige Licks dazwischen, Jimmy Bain hält alles locker zusammen – und plötzlich merkst du, wie tief dieser Song eigentlich sitzt.

´Caught In The Middle´ war immer so ein Kandidat, der vielerorts unterschätzt wurde, dabei pendelt er elegant zwischen knackiger Härte und gigantischen Melodiebögen. Der Refrain brennt sich umgehend ins Hirn, samt seiner unzerstörbaren Hookline. Dass Vivian Campbell das Hauptriff von seiner alten Band mitgebracht hat, fällt bei diesem niemals alternden Song über die nackte Frustration der inneren Zerrissenheit und das Gefühl, im Leben permanent festzustecken, nicht auf.

´Don’t Talk To Strangers´ ist dann endgültig der Moment, in dem das Album komplett abhebt. Diese ruhige Akustik-Einleitung lullt dich erst ein, fast wie eine düstere Gutenachtgeschichte mit paranoiden Warnungen. Und dann zerreißt Ronnie James Dios Schrei den Song wie eine Explosion. Plötzlich stürmt die Band los, und Ronnie James Dio klingt, als würde er persönlich gegen die Dämonen in seinem Kopf kämpfen. „I am master, the evil song you sing inside your brain“ – solche Zeilen schreibt keiner, der nur Fantasy-Kulissen bemalt.

´Straight Through The Heart´ macht danach kurzen Prozess. Der harte Midtempo-Brecher über emotionale Einschläge, Verrat und falsche Masken ist schnörkelloser und bitterer Heavy Metal. Während Jimmy Bain den Bass bis zur Schmerzgrenze malträtiert und Vinny Appice seinen wuchtigen Schlagzeugsound bearbeitet, singt  Ronnie James Dio jede Zeile mit dieser leicht verbitterten Schärfe, die er so gut konnte.

´Invisible´ ist vielleicht die unterschätzteste Nummer der Platte. Doch unter der Oberfläche steckt erstaunlich viel Schmerz. Ronnie James Dio singt über Außenseitertum, Isolation und das brennende Bedürfnis, verschwinden zu wollen. Seine alten, tiefen Wunden aus Schultagen reißen nochmal auf. Die schmerzhaft intensiv gesungene Nummer schwebt erst fast schwerelos, nur um sich immer wieder zu entladen. Er hebt nicht einfach ab, er will sich losreißen.

Und dann natürlich ´Rainbow In The Dark´, mit einem Keyboard-Motiv, das längst in Granit gemeißelt ist. Die Nummer hätte theoretisch ein kompletter Radio-Langweiler werden können. Stattdessen schreiben Ronnie James Dio und Vivian Campbell damit ganz nebenbei eine der größten Metal-Hymnen aller Zeiten. Und verrückterweise steckt hinter diesem riesigen Refrain eigentlich pure Einsamkeit und das Gefühl, komplett fehl am Platz zu sein. „There’s no sign of the morning coming“ – Ronnie James Dio klingt hier nicht wie ein Rockstar, sondern wie jemand, der nachts wirklich allein wachliegt. Deshalb überdauert der Song bis heute. Weil unter der ganzen Größe immer noch echte Melancholie steckt – und ein alter Oberheim OB-Xa-Synthesizer, den Ronnie James Dio mit zwei Fingern selbst bediente, weil kein Keyboarder im Studio zur Verfügung stand.

´Shame On The Night´ zieht am Ende, eingerahmt von Wolfsgeheul, nochmal alles in die Dunkelheit zurück. Schwer, langsam und unheilvoll kriecht der Song aus den Boxen wie kalter Rauch. Ronnie James Dio klingt müde, gezeichnet, wie jemand, der von seinen eigenen Alpträumen gejagt wird – „For giving me the strangest dreams“. Keine große Siegerpose zum Schluss, kein Finale mit erhobener Faust. Stattdessen endet ´Holy Diver´ genau richtig: düster, offen und mit diesem Gefühl, dass hinter all den Hymnen und Monstern noch etwas viel Größeres lauert.

Am Ende bleibt ein Album wie ein Donnerschlag: ´Holy Diver´ lässt auch nach Jahrzehnten viele moderne Produktionen alt aussehen und festigt den Status von Ronnie James Dio als unumstrittene Größe im Heavy Metal.

(Klassiker)

https://www.facebook.com/OfficialRonnieJamesDio

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