
LEGACY PILOTS – Camera Obscura Volume 1 & 2
2026 (Independent/Just For Kicks Music) - Stil: Prog Rock
Frank Us und LEGACY PILOTS haben nie Musik für den schnellen Effekt geschrieben. Seit Jahren bewegt sich das Projekt irgendwo zwischen klassischem Symphonic Prog, Melodic Rock, Art Rock und cineastischen Klanglandschaften. Wo andere Bands versuchen, die Vergangenheit zu kopieren, nutzen LEGACY PILOTS die Tradition als Fundament für etwas Eigenes. Die Verbindung von SAGA, THE ALAN PARSONS PROJECT, MARILLION, SUPERTRAMP und modernen Vertretern wie FROST* schimmert durch viele Passagen, ohne jemals die eigene Identität zu überdecken. Mit ´Camera Obscura Volume I & II´ erreicht dieses Konzept einen neuen Höhepunkt.
Bereits die Gästeliste liest sich wie ein Who-is-Who des modernen Progressive Rock. Todd Sucherman, Marco Minnemann, Pete Trewavas, Steve Morse, John Mitchell und Jake Livgren bringen ihre Handschrift ein, ohne das Album zu dominieren. Im Mittelpunkt steht stets die Vision von Frank Us, der dieses Mammutprojekt komponiert, arrangiert, produziert und zusammenhält.
Die Idee hinter dem Werk ist ebenso einfach wie faszinierend. Zwei Alben. Zwei Perspektiven. Zwei emotionale Zustände. ´Volume I´ öffnet die Fenster. ´Volume II´ zieht die Vorhänge zu.
Schon die dreiteilige Suite ´Midnight Tide´ macht deutlich, wohin die Reise geht. Steve Morse setzt im ersten Teil elegante Akzente, während Jake Livgren den Gesang mit einer Leichtigkeit trägt, die sofort Erinnerungen an die goldene Ära des melodischen Progressive Rock weckt. Die Instrumentalpassage von ´Midnight Tide Part II´ gleitet nahezu schwerelos durch schimmernde Keyboardflächen und fein ausgearbeitete Gitarrenlinien, ehe die Reprise den Bogen zurückschlägt und die Themen in kraftvollerer Form erneut aufgreift.
Überhaupt lebt ´Volume I´ von seiner außergewöhnlichen Eleganz. ´Cloud City´ wirkt wie ein nächtlicher Flug über ein futuristisches Lichtermeer. Synthesizer schweben durch den Raum, Lars Slowaks Bass hält die Komposition zusammen, während Todd Sucherman einmal mehr beweist, warum er zu den musikalischsten Schlagzeugern des Genres gehört.
Den ersten absoluten Höhepunkt erreicht das Album jedoch mit ´A Fleeting Echo´. Über zehn Minuten entfaltet sich eine Klanglandschaft von bemerkenswerter Schönheit. Finally George singt mit einer Ruhe und Wärme, die den philosophischen Text über die Bedeutungslosigkeit menschlicher Grenzen im kosmischen Maßstab perfekt transportiert. Seth Hankerson steuert ein Gitarrensolo bei, das sich langsam aus dem Arrangement erhebt wie Sonnenlicht über einem stillen Ozean. Das ist Progressive Rock, der Gefühle zulässt.
Mit ´Time Never Pauses´ folgt eine der eingängigsten Kompositionen des gesamten Doppelalbums. Pete Trewavas und Marco Minnemann sorgen für das Fundament, während die Melodie sofort hängen bleibt. Der Song verbindet die melodische Klasse der Achtziger mit einer modernen Produktion und wirkt wie eine verlorene Perle zwischen MARILLION und FROST*.
Dann kommt ´Afterglow´. Und plötzlich steht die Zeit still. John Mitchell verleiht dem Stück jene bittersüße Melancholie, die große Progressive Rock-Balladen auszeichnet. Die elektrischen Piano-Farben, die eleganten Gitarrenlinien und die beinahe greifbare Traurigkeit des Arrangements ergeben einen Song, der noch lange nach dem Verklingen der letzten Note nachhallt.
Doch während ´Volume I´ den Hörer verwöhnt, fordert ´Volume II´ ihn heraus. Bereits das monumentale ´The Illusion Of Knowing´ macht deutlich, dass hier andere Regeln gelten. Fast sechzehn Minuten lang entfaltet sich eine komplexe Suite über Wahrnehmung, Selbsttäuschung und den berühmten Dunning-Kruger-Effekt. Jake Livgren und Liza führen durch die einzelnen Kapitel wie Erzähler eines philosophischen Hörspiels, während Todd Sucherman und Lars Slowak ein rhythmisches Fundament schaffen, auf dem sich symphonische Passagen, Art Rock-Ausbrüche und atmosphärische Zwischenspiele entfalten.
´Leave The Prison´ verbindet Melancholie und Hoffnung in einer Weise, die an die besten Momente von IQ oder modernen MARILLION erinnert. ´Haunted House´ taucht tief in dunklere Gefühlswelten ein und erzeugt mit seinen schwebenden Klangflächen eine fast beklemmende Atmosphäre. Ebenfalls faszinierend gerät ´Fear Pt. Three (Continuation)´. Die Fortsetzung eines älteren Themenkomplexes entwickelt sich zu einem verstörenden Instrumentalstück voller Orgelklänge, unerwarteter Richtungswechsel und psychologischer Spannung.
Mit ´I’m Running´ kehrt kurz Licht ins Dunkel zurück. Die Komposition besitzt eine beinahe traumartige Qualität. Synthesizerlinien fließen durch den Raum, während die Struktur zunehmend offener wird und schließlich in improvisatorische Regionen vordringt. Den Abschluss bildet ´So Obvious While Obscure´. Ein Titel, der zugleich das gesamte Projekt beschreibt. Symphonische Weite, Jazz-Farben und progressive Komplexität verschmelzen hier zu einem klassischen Finale.
Die aufwendige Gestaltung, das Artwork und die enorme Spielzeit machen ´Camera Obscura´ zu einem jener Releases, die man gerne physisch im Regal stehen hat. Am Ende bleibt das Gefühl, einem Werk begegnet zu sein, das sich bewusst gegen die Schnelllebigkeit seiner Zeit stellt. Für Sammler und audiophile Liebhaber dürfte die limitierte Doppel-LP interessant sein. Wer bereit ist, diese Investition einzugehen, entdeckt ein modernes Progressive Rock-Epos voller Ideen, Emotionen und musikalischer Tiefe.
(8,5 Punkte)



