
Wenn man über den Ursprung von MOTÖRHEAD spricht, führt kein Weg an ´On Parole´ vorbei, einem Album, das zeitlich vor dem eigentlichen Durchbruch steht und klanglich aus einer anderen Welt stammt. Die Aufnahmen entstehen 1975 und 1976 in den “Rockfield Studios”, in einer Phase, in der Lemmy Kilmister nach dem Rauswurf bei HAWKWIND eine neue musikalische Heimat sucht. An seiner Seite steht Larry Wallis, zuvor bei PINK FAIRIES aktiv, sowie zunächst Lucas Fox, dessen Parts später größtenteils von Phil Taylor neu eingespielt werden, ein Wechsel, der beinahe beiläufig geschieht und dennoch die künftige Schlagseite der Band entscheidend prägt.
Das Umfeld dieser Sessions wirkt allerdings unzuverlässig. Produzent Dave Edmunds verliert früh das Interesse, “United Artists” zeigt sich nach Fertigstellung skeptisch und legt das Album auf Eis. Erst 1979, als die Erfolgsalben ´Overkill´ und ´Bomber´ die Band bereits in neue Sphären katapultiert haben, erscheint ´On Parole´ gegen den erklärten Willen der Musiker. Diese plötzliche Distanz zu ihrem urspünglich ersten Werk ist nachvollziehbar, denn die Formation hatte sich längst weiterentwickelt und musizierte auf ´On Parole´ weit entfernt von der späteren Hochgeschwindigkeits-Entschlossenheit.

Diese frühe Bandphase von MOTÖRHEAD ist jedoch ebenfalls äußerst reizvoll. ´Motörhead´ eröffnet das Album mit einem schnellen, ruppigen Rock-Song, der bereits die künftige Richtung andeutet, dabei aber noch im Dunstkreis von Space Rock und Pub Rock steht. Der berühmte Biss wirkt noch etwas gezügelt. Mit ´On Parole´ folgt ein straighter Rocker mit lockerem Groove, getragen von Larry Wallis’ Gespür für eingängige Riffs.
´Vibrator´ bringt eine freche, fast punkige Note ins Spiel, gesungen von Larry Wallis selbst, mit einem später im Bandkontext kaum noch auftauchenden Augenzwinkern. Mit ´Iron Horse / Born To Lose´ taucht erstmals jene Biker-Ästhetik auf, die später zum Markenzeichen wird. Diese Version ist noch entspannter, fast bluesig, bevor spätere Fassungen das Stück in ein echtes Riff-Monster verwandeln.
´City Kids´ trägt unverkennbar die Handschrift der PINK FAIRIES-Vergangenheit, ein rockiger Midtempo-Track mit leicht psychedelischem Einschlag. ´The Watcher´, mit getragenem Tempo und düsterer Grundstimmung, war die erste Eigenkomposition, die Lemmy bei HAWKWIND beisteuerte.
Da Lemmy von der THE BIRDS-Version des Songs ´Leaving Here´ angetan war, zwang er dieses Cover von Holland-Dozier-Holland in ein schnelles, schmutziges Rock’n’Roll-Gewand. ´Lost Johnny´ schließt das Album mit einer schwereren, leicht schleppenden Note, und trägt eine besondere Geschichte in sich, da hier noch Lucas Fox am Schlagzeug zu hören ist, weil Phil Taylor an diesem Tag schlicht nicht verfügbar war.
Im Rückblick wirkt ´On Parole´ wie ein Blick hinter die Kulissen. Die Songs existieren in frühen Fassungen, manche noch unfertig, andere bereits erstaunlich klar gezeichnet. Der Sound ist erdig, weniger aggressiv, mit hörbaren Wurzeln im Blues, im frühen Hard Rock und im letzten Aufglühen der psychedelischen Szene. Genau diese Mischung macht das Album zu einem eigenständigen Kapitel innerhalb der Diskografie von MOTÖRHEAD.
Heute lässt sich ´On Parole´ als das verstehen, was es immer war. Es war der erste Schritt von MOTÖRHEAD. Es war kein ausgereiftes Statement, es war nicht der finale Bandsound, sondern der Moment, in dem sich aus Ideen und Zufällen jene Band formte, die wenig später den Begriff „laut“ neu definieren sollte.
Zum Jubiläum dieser frühen Aufnahmen erhält ´On Parole´ schließlich doch noch jene klangliche Aufarbeitung, die man diesem Material lange gewünscht hat. Zum “Record Store Day” 2026 erscheint eine limitierte Vinyl-Ausgabe mit einem neuen Mix von Steven Wilson, der die Sessions neu ausbalanciert und in ein deutlich klareres Verhältnis setzt. Was einst stellenweise unfertig wirkte, tritt jetzt differenzierter hervor. Nun lassen sich die Strukturen mühelos erkennen. Dieser exzellente Mix schreibt das Album zwar nicht um, er legt es aber frei und zeigt mit bemerkenswerter Deutlichkeit, welches Potenzial bereits in diesen frühen Aufnahmen steckte.



