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LINDA PERHACS – Parallelograms

1970/2026 (Sunbeam Records) - Stil: Psychedelic Folk

Topanga Canyon, Ende der Sechziger. Nachts, auf der Fahrt nach Hause, sieht eine junge Zahnarzthelferin die Lichter der Straße plötzlich nicht mehr als Lichter. Sie sieht Formen. Geometrische Muster, die sich zu Parallelogrammen falten, während der Motor brummt und die Scheinwerfer über den Asphalt gleiten. Diese Vision wird zum Titelsong eines Albums, das in seinem Erscheinungsjahr fast niemand hört, und das heute als eines der schönsten, seltsamsten Wunder des Psychedelic Folk gilt: ´Parallelograms´ von Linda Perhacs.

1970 tobt in Kalifornien der Laurel-Canyon-Boom. Joni Mitchell, CROSBY, STILLS & NASH und Carole King füllen die Clubs, die Radios, die Feuilletons. Linda Perhacs gehört zu keinem dieser Zirkel. Sie tourt nicht, sie spielt keine Konzerte, sie kennt die Szene nur von außen. Während andere im Rampenlicht stehen, sitzt sie tagsüber am Behandlungsstuhl in einer Zahnarztpraxis in Beverly Hills und schreibt Songs, wenn niemand zuschaut. Musik, die mit dem geradlinigen Folk-Rock ihrer Zeit fast nichts gemein hat.

Und doch ist es kein Zufall, dass gerade diese Musik heute nachhallt. Linda Perhacs verbindet zarten, fingergezupften Folk mit einer dreieinhalb Oktaven umspannenden Stimme, die sie wie ein zusätzliches Instrument einsetzt, und mit avantgardistischen Studio-Experimenten, die sich 1970 kaum jemand sonst traute: Overdubbing, Tape-Manipulation und mikrotonale Verschiebungen. Komponist Leonard Rosenman, der Linda Perhacs entdeckte, öffnete ihr die Tür zu diesen Werkzeugen. Gemeinsam bauten sie einen Klangraum, der zwischen Kammer-Folk, Musique Concrète und Jazz oszilliert, ohne sich je einer der drei Welten ganz hinzugeben.

Eröffnet wird das Album mit ´Chimacum Rain´. Leonard Rosenman zerschnitt die Tonbänder im Studio von Hand, um ein stotterndes, tropfendes Echo zu erzeugen – „Chi-ma-cum… cum… rain” –, das klingt, als würde Regen tatsächlich von Blatt zu Blatt fallen. Ganz anders ´Paper Mountain Man´, der einzige echte Ausreißer der Platte, in dem Linda Perhacs ihre engelsgleiche Stimme kurz gegen eine anklagende, soulige Schärfe eintauscht, betört mit erdigem, elektrischem Blues und der rauen Gitarre von Reinie Press. Bei ´Dolphin´ lässt sie ihre Stimme allerdings bereits wieder wie ein Delfin durch die Wellen gleiten.

Direkt danach folgt mit ´Call Of The River´ der traditionellste Moment der Platte, orchestral und elegant, mit dezentem Cello und Violine neben der Akustikgitarre, getragen von einem klaren, linear fließenden Gesang voll pastoraler Ruhe. ´Sandy Toes´ schwenkt unerwartet Richtung Bossa Nova, dazu ein synkopierter, beschwingter Rhythmus auf der Nylongitarre, begleitet von jazziger Flöte sowie ein intimer, fast geflüsterter Gesang dicht am Mikrofon. Den Abschluss der ersten Seite bildet der Titeltrack ´Parallelograms´, der nach zwei ruhigen Minuten regelrecht auseinanderbricht: Oszillatoren, rückwärts abgespielte Bänder, im Stereo-Panorama wandernde Gesangsschichten – der wohl radikalste Moment des gesamten Folk-Jahrgangs 1970.

Auf Seite zwei trägt ´Hey, Who Really Cares?´, mitgeschrieben von der Jazzgröße Oliver Nelson, ein warmes Fender Rhodes und eine tief melancholische Frage durch den Raum. ´Moons And Cattails´ verzichtet fast vollständig auf Text, während Handperkussion und eine tranceartige Bassfigur auf eine frei improvisierte Jazzflöte treffen und Perhacs’ Stimme selbst zu einem nächtlichen Tierlaut wird.

In ´Morning Colors´ schichtet sie dagegen mehrstimmige Vokalharmonien wie einen schimmernden Chor übereinander, ein helles, optimistisches Stück, das den langsamen Sonnenaufgang regelrecht hörbar macht. Kurz vor dem Ende bricht ´Porcelain Baked-Over Cast-Iron Wedding´ mit fast mechanisch angeschlagener Gitarre und kühlem, rezitierendem Gesang jäh in dissonante, von Rosenman arrangierte Streicher-Ausbrüche aus. Und zum Schluss löst sich ´Delicious Goodbyes´ als Abschied, der wie aus einer anderen Dimension klingt, fast völlig in Hall auf.

Entdeckt wurde Linda Perhacs buchstäblich auf dem Zahnarztstuhl. Unter ihren Patienten war der Oscar-prämierte Filmkomponist Leonard Rosenman, der beiläufig von ihrem Hobby erfuhr, sich eine Kassette anhörte und sie postwendend ins Studio holte. Was folgte, war eine der bittersten Enttäuschungen der Popgeschichte: “Kapp Records” mischte die fertigen Bänder ohne Rücksprache radiotauglich glatt, die Dynamik ging verloren, Linda Perhacs war am Boden zerstört und kehrte der Musikindustrie für fast drei Jahrzehnte den Rücken. Als Sammler die Platte Ende der Neunzigerjahre wiederentdeckten, existierten die Original-Masterbänder längst nicht mehr. Gerettet wurde der wahre Klang der Platte nur, weil Linda Perhacs eine einzige Testpressung – ein Acetate in Studioqualität – jahrzehntelang in einem Schuhkarton unter ihrem Bett aufbewahrt hatte. Erst daraus ließ sich ´Parallelograms´ 2003 über das Label “The Wild Places” so restaurieren, wie es 1970 hätte klingen sollen.

Der Rest ist Legende: Musiker der New-Weird-America-Bewegung wie Devendra Banhart und Joanna Newsom erklärten Linda Perhacs zur spirituellen Ahnfrau, ANIMAL COLLECTIVE beriefen sich direkt auf ihre Studiotechniken, DAFT PUNK bauten ihren unveröffentlichten Song ´If You Were My Man´ ins Herzstück ihres Films ´Electroma´ ein, und selbst die schwedische Progressive Metal-Band OPETH nennt sie bis heute als Einfluss auf ihre akustischen Passagen. Linda Perhacs selbst bekam von alldem lange nichts mit, sie lebte ihr normales Leben in Kalifornien, bis man sie um die Jahrtausendwende aufspürte und ihr am Telefon erklären musste, dass sie längst eine lebende Legende war. Heute steht ´Parallelograms´ in einem Atemzug mit Joni Mitchells ´Blue´ oder Vashti Bunyans ´Just Another Diamond Day´ – ein Spätzünder-Klassiker, ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus.

Wer heute zugreifen will, braucht Geduld und Glück. Die “Sunbeam Records”-Pressung von Anfang 2026 (Katalognummer SBLP5060), remastert von David Blackman in den Londoner “Hiltongrove Studios” direkt von den autorisierten Bändern, ist auf schweres 180g-Vinyl gepresst, in der EU gefertigt und weltweit auf 500 Exemplare limitiert, verpackt in einer antistatischen Innenhülle und dem ikonischen Original-Artwork von 1970. David Blackman ist in der Szene dafür bekannt, alten Folk-Aufnahmen ihre Wärme zurückzugeben, ohne sie digital zu überschärfen – ein Ansatz, der hier hörbar aufgeht: Linda Perhacs’ Stimme steht so klar im Raum wie nie zuvor auf Vinyl.

´Parallelograms´ ist kein Album, das man nebenbei hört. Es ist das Klangdokument einer Frau, die 1970 niemand ernst nahm – und die, ganz ohne ein einziges Konzert, den Sound von Generationen späterer Songwriterinnen vorwegnahm. Fünfzig Jahre nach seinem stillen Untergang klingt es immer noch wie eine Botschaft aus einer anderen Dimension. Selten hat sich Geduld musikalisch so gelohnt.

10 Punkte – ein zeitloses, unantastbares Meisterwerk des Psychedelic Folk.

https://www.facebook.com/lindaperhacsofficial/

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