
IHRE KINDER – Alle Singles A & B Seiten
2026 (Sireena) - Stil: Deutschrock
Vergesst mal für fünf Minuten den hübschen Mythos, dass Udo Lindenberg oder Wolfgang Niedecken die deutsche Rockmusik irgendwann in den Siebzigern ganz alleine erfunden haben. Nichts gegen den Panikpräsidenten oder die Kölner Südstadt, aber die historische Wahrheit ist etliche Jahre älter, hat ihren Ursprung im fränkischen Nürnberg und rotzte schon 1969 radikal auf Deutsch aus den Verstärkern. Das Bremer Kult-Label “Sireena Records” hat verdammt lange gebastelt, tief in knirschenden Archiven gegraben und haut uns mit ´Alle Singles A & B Seiten´ ein wahres Prachtstück vor den Latz. 19 Tracks, erstmals lückenlos auf einer CD vereint.
Hinter dem Phänomen IHRE KINDER standen allen voran zwei Männer: Sänger und Tastenmann Sonny Hennig, der die waghalsige Idee hatte, hartem Rock deutsche Worte einzupflanzen, sowie Multiinstrumentalist Ernst Schultz, der als zweite starke Säule fungierte und die Führung übernahm, als Hennig die Truppe 1971 zwischenzeitlich verließ. Wer sich diesen Reigen auf die Ohren gibt, begreift rasch, warum die Plattenfirmengurus Ende der Sechziger schweißnasse Hände kriegten und die Musiker entsetzt vom Hof jagten. Zu düster, zu pessimistisch, viel zu ungeschönt für die zuckersüße Schlagerwelt des damaligen Wirtschaftswunder-Muffs.
IHRE KINDER waren dem Zeitgeist meilenweit voraus. Wenn in der gnadenlosen Drogen-Monografie ´Hilf mir´ die schwerfällige Hammond-Orgel wütet, schlägt das Herz jedes Krautrock-Fans höher. Im beklemmenden ´Die graue Stadt´ riecht man förmlich den kalten Zement trister Nachkriegsbauten. Die Nürnberger sangen knallhart über Knast, Rassismus, Fließband-Monotonie und kaputte Existenzen. Wie sehr das aneckte, bewies ihr legendärer TV-Auftritt 1970 in der Sendung „Wünsch Dir was“: Während die BEE GEES brav schwulsteten, schockierten IHRE KINDER das Publikum zur besten Sendezeit mit harten Texten und lösten echte Zuschauerproteste aus. Selbst ein geplantes, völlig irre klingendes Albumprojekt mit dem Exzentriker Klaus Kinski scheiterte 1971 schlicht am Chaos des Schauspielers.
Gelernt hatten die Musiker ihr Handwerk übrigens nicht in verstaubten Konservatorien, sondern in den verschwitzten US-Soldatenclubs Frankens. Daher stammte dieser tighte, bluesgetränkte Beat, der sich grundlegend vom typischen Täterä jener Jahre abhob. Sogar das ikonische Jeanscover-Konzept von 1970 – bei dem die ersten hunderttausend LPs tatsächlich in echten Denim-Stoff gehüllt wurden – erfanden die Jungs ein Jahr vor den ROLLING STONES.
Das Geniale an dieser Zusammenstellung ist die ungeschminkte Zeitreise. Da findet sich etwa der seltene englische Ausreißer ´The Dice´, mit dem die Band damals vorsichtig Richtung Großbritannien und USA schielte, während Songs wie das brillante ´Würfelspiel´ die gewohnte deutsche Sprachgewalt ausspielten. Als absolutes Sahnehäubchen gibt es ganz am Ende die Ursuppe zu bestaunen: Die Vorgängerformation JONAH & THE WHALES aus dem Jahr 1965 mit blutjungem Garage-Beat und einer wunderbar rauen Coverversion von Bob Dylans ´It Ain’t Me Babe´. Dazwischen blitzen späte Duette und Solopfade wie der verschrobene ´Gorilla, Du Desperado´ von Ernst Schultz auf.
IHRE KINDER waren ihrer Zeit tragischerweise fünf bis zehn Jahre voraus. Als das Land Ende der Siebzigerjahre endlich reif war für Rock mit deutschen Texten, war die Band längst aufgelöst. Aber genau diese Zusammenstellung beweist schwarz auf weiß, wer die echten Urväter waren. Eine Scheibe voller Magie, Seele und immenser historischer Relevanz. Absoluter Pflichtstoff für jeden, der deutsche Musikgeschichte nicht nur beiläufig konsumieren, sondern in ihrer reinsten Form spüren will.



