
NOTHING BUT THIEVES – Dead Club City
2023 (Sony Music UK) – Stil: Alternative Rock / Synth Rock / Progressive Pop
NOTHING BUT THIEVES verabschieden sich mit ´Dead Club City´ ein gutes Stück von den gitarrenlastigen Wurzeln ihrer Anfangstage und errichten stattdessen eine schillernde Metropole aus Neonlicht, Synthesizern und großen Melodien. Was zunächst wie ein Ausflug in die Welt des Pop erscheinen mag, entpuppt sich rasch als überraschend tiefgründiges Konzeptalbum über Privilegien, Oberflächlichkeit, Isolation und die Sehnsucht nach einem besseren Ort.

´Welcome To The DCC´ entführt den Hörer in diese künstliche Stadt mit pulsierenden Grooves, funkigen Gitarren und elektronischem Glanz. Man fühlt sich gleichermaßen an MUSE, DAFT PUNK und THE KILLERS erinnert, während Conor Mason mit seinem unverwechselbaren Falsett den perfekten Fremdenführer gibt. Alles wirkt glamourös, gleichzeitig schwingt eine unterschwellige Bedrohung mit.
´Overcome´ setzt sich hernach sofort im Gedächtnis fest. Die warmen Synthesizer atmen den Geist der Achtziger. Dazu entfaltet sich ein hymnischer Refrain, der ebenso gut in einem Stadion wie auf einer nächtlichen Autofahrt funktionieren würde. ´Tomorrow Is Closed´ lebt sich anschließend wieder in den früheren Alternative Rock-Tagen der Band aus, ehe ´Keeping You Around´ und ´Foreign Language´ überraschend entspannt zwischen Indie, R&B und New Wave pendeln.
Den Reiz des Albums macht auch seine Vielseitigkeit aus. ´City Haunts´ groovt mit schmutziger Eleganz und hohem Gesang durch neonbeleuchtete Straßenschluchten, ´Do You Love Me Yet?´ tanzt unbekümmert zwischen Achtzigerjahre-Disco und moderner Popästhetik im lässigen Beat, während ´Members Only´ die elektronische Seite der Band mit kalter Präzision auslebt. Gitarren stehen diesmal nicht unbedingt im Mittelpunkt. Dominic Craik und Joe Langridge-Brown setzen sie vielmehr gezielt als emotionale Farbtupfer ein.
Dass NOTHING BUT THIEVES trotz aller Experimentierfreude ihre Rock-DNA nicht vergessen haben, beweist das Finale. ´Pop The Balloon´ wächst aus einer düsteren Klanglandschaft zu einem regelrechten Progressive Rock-Monument heran. Gewaltige Riffs, abrupte Dynamikwechsel und fast schon industrielle Härte reißen sämtliche Fassaden der titelgebenden Stadt nieder.

Die Produktion besitzt enorme Tiefe. Vintage-Synthesizer, elektronische Beats und analoge Instrumente verschmelzen zu einem warmen, detailreichen Klangbild. Gerade weil die Gitarren häufig erst ganz am Ende der Studioarbeit ergänzt wurden, wirken die Arrangements ungewöhnlich luftig und modern. Gleichzeitig bleibt genügend Raum für Conor Masons außergewöhnliche Stimme, die mühelos zwischen verletzlicher Intimität und explosiver Kraft pendelt.
Mit ´Dead Club City´ haben NOTHING BUT THIEVES endgültig den Sprung in die erste Liga moderner Rockbands geschafft. Das Album mag Puristen vor den Kopf stoßen, weil klassische Gitarrenriffs längst nicht mehr das Geschehen dominieren. Wer sich jedoch auf diese faszinierende Mischung aus Alternative Rock, Synthwave, Funk und progressivem Songwriting einlässt, entdeckt ein Werk voller Atmosphäre, großer Melodien und mutiger Ideen. So klang Aufbruch schon immer.
(9 Punkte)



