
VARDIS – 100 M.P.H. ’79 Revisited
1979/2026 (High Roller Records) - Stil: NWoBHM
Manche Alben riechen nach kaltem Motoröl, verschlissenen Lederjacken und endlosen Nächten auf britischen Highways. ´100 M.P.H. ’79 Revisited´ ist solch ein Zeitdokument. Sobald Steve Zodiac das Gaspedal durchtritt, brummen die Bikes, röhren die V8-Motoren, Funken sprühen über den Asphalt – und plötzlich lebt die große Zeit der New Wave of British Heavy Metal wieder auf.

VARDIS gehörten nie zu den geschniegelt-polierten Vertretern der Szene. Ihr Revier lag zwischen Pub-Rock, Boogie und Heavy Metal, irgendwo dort, wo MOTÖRHEAD, STATUS QUO und frühe TANK ihre Reifen qualmen ließen. Genau diese ungebändigte Energie konserviert ´100 M.P.H. ’79 Revisited´ mit beeindruckender Ehrlichkeit. Die vier Songs der legendären 1979er-EP wirken wie frisch aus einem verrauchten Proberaum gerissen. Der Titelsong ´100 M.P.H.´ rast kompromisslos nach vorne, ´Blue Rock´ verbindet kernigen Boogie mit einer gehörigen Portion Straßenstaub, während ´Destiny´ bereits das melodische Gespür der Band erkennen lässt. ´The World’s Insane´ schlägt mit rauer Wucht in die Magengrube und transportiert den rebellischen Geist einer Generation.
Wer die legendäre 1980er Live-LP ´100 M.P.H.´ kennt, entdeckt auf ´100 M.P.H. ’79 Revisited´ weit mehr als die frühen Fassungen bekannter Songs. Lediglich ein Teil des Repertoires der ersten Stunde fand später den Weg auf das 1980er Live-Debüt, während die übrigen Archivaufnahmen aus den Jahren 1977 bis 1980 eine längst vergessene Phase der Band ans Licht holen. ´If I Were King´ und ´Out Of The Way´ rollen mit sattem Groove über den Highway, als hätten STATUS QUO plötzlich den Turbo entdeckt. ´Dirty Money´ versprüht den Charme schmutziger Pubs, ölverschmierter Werkstätten und billiger Verstärker, ehe ´Situation Negative´ den Druck noch einmal erhöht. Den Schlusspunkt setzt ´Rock’n’Roll Lullaby´, keine Ballade zum Einschlafen, sondern ein augenzwinkernder Rausschmeißer voller Herzblut.

Steve Zodiac überzeugt bereits in den frühen Jahren als Gitarrist mit unverwechselbarem Groove und rauem Gesang. Alan Selway legt das Fundament mit pumpendem Bassspiel und beweist bereits damals Gespür für ausgefeiltere Arrangements. Dass sich mit Phil Medley, Gary Pearson und Paul Wadkin gleich drei Schlagzeuger durch diese Sammlung ziehen, macht die Entwicklung der Band zusätzlich greifbar.
Die 2026er Edition über “High Roller Records” lebt von ihrer Authentizität. Hier wurde nichts glattgebügelt, nichts modernisiert, nichts künstlich aufgeblasen. Die durch Patrick W. Engel restaurierten Aufnahmen bewahren jede Ecke und jede Kante, sodass der Spirit der späten Siebziger in voller Wucht erhalten bleibt. Man hört förmlich das Klirren der Biergläser, riecht den Zigarettenqualm und sieht die Kutten mit ihren frisch aufgenähten Backpatches vor sich. Mit ihrer hochwertigen Aufmachung, den sorgfältig restaurierten Aufnahmen und dem liebevoll zusammengestellten Begleitmaterial ist diese Edition eine echte Sammlerausgabe, die diese frühen Meilensteine der NWoBHM mehr als verdient haben.
´100 M.P.H. ’79 Revisited´ ist die Geburtsurkunde einer Band, die den Rock ’n’ Roll mit Benzin statt Parfüm fütterte. Wer den Geist der frühen NWoBHM sucht, bekommt hier pures Herzblut, ehrlichen Dreck unter den Fingernägeln und den Sound einer Zeit, als Geschwindigkeit noch mit Gitarren statt Computern gemessen wurde.
(9 Punkte)



