
Wer sonst hat es geschafft, inmitten eines Rock-Konzerts die Instrumente zu tauschen wie Unterwäsche, fünfstimmige mittelalterliche Chöre zu singen und im nächsten Moment ein knallhartes Hardrock-Riff rauszuholen? Für Fans von intelligenter und kompromissloser Musik steht seit 1973 fest: GENTLE GIANT lieferten mit ´In A Glass House´ das ultimative Manifest des musikalischen Wahnsinns ab.
Man muss sich diese Szenerie auf der Zunge zergehen lassen. Das Jahr 1973 glühte vor Veröffentlichungen von YES, GENESIS oder ELP. Mitten in dieser Hochphase schlug der plötzliche Ausstieg des ältesten Shulman-Bruders Phil Shulman wie eine Fliegerbombe im Hauptquartier der Briten ein. Die verbliebenen fünf Musiker standen mit dem Rücken zur Wand. Eine gebuchte US-Tour im Nacken, eine drängende Plattenfirma vor der Tür. Statt im Schock zu erstarren, schlossen sich Derek Shulman, Ray Shulman, Kerry Minnear, Gary Green und John Weathers für vier Wochen im Studio ein. Sie kanalisierten den Frust und den enormen Druck in ein Werk, das bis heute wie ein unbezwingbarer Koloss in den Annalen des Progressive Rock thront: ´In A Glass House´.

Schon beim ersten Nadelkontakt peitscht der berühmte Opener ´The Runaway´ durch die Membranen. Das rhythmische Klirren zerberstenden Glases – eine kultige Tonspur aus den Soundarchiven der BBC, die Hollywood einst schon für Orson Welles in Citizen Kane verwendete – zieht den Hörer augenblicklich in einen Strudel aus vertrackten Riffs auf Gitarre und Clavinet sowie rasanten Passagen auf Vibraphon. Mitten im virtuosen Hardrock-Gefecht stoppt die Band ab und entführt in ein Marimba- und Vibraphon-Duett. Genau diese radikalen Wechsel zementieren den legendären Sound der Truppe.
Auf der Scheibe dominiert eine dunkle, fast schon paranoide Grundstimmung. Nach dem Abgang von Phil Shulman musste sich die Mannschaft völlig neu sortieren. Ray Shulman schnappte sich im Studio einen wuchtigen 8-saitigen E-Bass, um den Verlust der Bläser durch eine brachiale Low-End-Wand zu kompensieren. Gary Green ließ seine Sechssaitige wie ein entfesseltes Biest kreischen, während Kerry Minnear am Gesangsmikrofon und den Tasten verhexte Kontrapunkte setzte. Schlagzeug-Neuzugang John Weathers hämmerte dazu Grooves in den Raum, die er sich teilweise dreist von der Jazz-Legende Buddy Rich liehen, um sie in asymmetrischen Taktarten neu zu erfinden.
Ein Blick auf die Songjuwelen offenbart das pure Genie dieser Session. Das verstörende ´An Inmates Lullaby´ kommt gänzlich ohne E-Gitarren, E-Bass oder reguläres Schlagzeug aus. Kerry Minnear bedient Marimbaphon, Vibraphon sowie Glockenspiel, John Weathers streicht sanft über die Pauken, und Ray Shulman lässt die Violine schluchzen. Der wattierte Gesang zeichnet das beklemmende Bild einer Psychiatrie-Isolationszelle – ein verstörender Trip, der bis ins Mark geht.
Im krassen Gegensatz dazu steht ´Way Of Life´. Der Track startet mit einem wuchtigen Riff, bricht auf der Zielgeraden unerwartet in ein sakrales Orgel-Intermezzo mit gregorianisch anmutendem Mehrsatz-Gesang aus und reißt die Hütte schließlich wieder mit voller Härte ein.
Auf der zweiten Seite der LP setzt sich dieses Spektakel nahtlos fort. ´Experience´ kreuzt ein dreistimmiges Madrigal-Gesangsgeflecht mit knallhartem Hard Rock, angetrieben von Gary Green an der E-Gitarre. Nach der kurzen, wunderschön melancholischen Streicher-Atempause ´A Reunion´ walzt der epische Titeltrack ´In A Glass House´ als finales Meilenstein-Epos heran. Keltische Geigen-Motive treffen auf knackigen Blues-Rock, bevor das Album mit dem erneuten Zerschlagen von Glas und einem kurzen Rückblick auf die Tracks schließt.

Dass dieses Meisterwerk damals überhaupt das Licht der Welt erblickte, grenzt an eine Anekdote des Absurden. Das US-Label „Capitol Records“ lehnte das Material eiskalt als „unkommerziell und unhörbar“ ab und verweigerte den Release in Nordamerika. Die Quittung folgte auf dem Fuße: Die Scheibe stieg zu einem der gefragtesten und teuersten Import-Schätze der US-Geschichte auf. Amerikanische Fans zahlten astronomische Summen für die europäischen Pressungen von Vertigo und WWA, was der Band kurz darauf ausverkaufte Shows im berühmten Club „Whisky a Go Go“ in Los Angeles einbrachte.
Über fünf Jahrzehnte galt der Original-Mix der Bänder als heilloses Unterfangen für Reissues, weil etliche Multitrack-Spuren als verschollen galten. Im Juli 2026 folgte nun die wohl spektakulärste Wiedergeburt über das Qualitäts-Label „Madfish Records“. Unter der direkten Aufsicht von Derek Shulman höchstpersönlich und dem Grammy-Preisträger Eber Pinheiro wurden die historischen Spuren mittels modernster, KI-gestützter Demixing-Technologie voneinander isoliert und völlig neu abgemischt.
Was „Madfish Records“ hier auf 180g Heavyweight-Vinyl (wahlweise in edlem Schwarz oder als limitierte Ultra Clear Edition) vorgelegt haben, grenzt an ein audiophiles Wunder. Die historische, ausgestanzte Die-Cut-Hülle mit der echten, transparenten Cellophan-Folie wurde bis ins kleinste Detail im ursprünglichen “Clear Window”-Design rekonstruiert. Klanglich liefert der neue Stereo-Mix eine unverschämte Dynamik. Das Schlagzeug von John Weathers drückt mit einer Wucht in den Raum, die Ray Shulman mit seinem 8-Saiter tiefenwirksam untermalt. Die feinen Glockenspiel-Akzente sowie die analogen Synthie-Teppiche stehen messerscharf und glasklar separiert im Raum, ohne den rohen Geist von 1973 zu verraten. Die Pressung läuft absolut plan und ohne Nebengeräusche.
´In A Glass House´ bleibt ein einmaliges und zeitloses Werk eines kompromisslosen Musiker-Kollektivs. Wer Progressive Rock in seiner reinsten, ungezähmtesten und mutigsten Form erleben will, muss diese Scheibe auf den Plattenteller legen.
Klassiker.



