
APOCALYPSE – Last Man Standing
2026 (High Roller Records) - Stil: Traditioneller NWoBHM / Heavy Metal
Irgendwo zwischen den Pubs von Camden und den Proberäumen im Norden der Stadt formiert sich anno 1980 eine neue Band, die schon bald mit einer einzigen Single die gesamte New Wave of British Heavy Metal elektrisieren wird. APOCALYPSE heißt die Truppe, und was sie 1982 mit ´Stormchild´ abliefert, brennt sich in jedes Fan-Gedächtnis ein, das je eine 7-Inch-Single auf einen Plattenteller gelegt hat.
´Stormchild´ kletterte damals bis auf Platz 10 der Metal-Charts jener Ära, eine Rarität, die Sammler bis heute wie einen heiligen Gral behandeln. Fast dreißig Jahre später sollte sich zeigen, wie tief diese eine Single tatsächlich wirkte, als der Song 2010 auf einem viel beachteten Sampler auftauchte, der jene Untergrund-Bands versammelte, die den jungen James Hetfield und Lars Ulrich nachweislich geprägt hatten. APOCALYPSE, so stellte sich heraus, gehörten zu den heimlichen Ahnen von METALLICA selbst.
Doch schon 1983 zerbrach die ursprüngliche Formation an Besetzungsproblemen, und aus APOCALYPSE wurde OMEGA. Unter diesem Namen erschien 1985 das Album ´The Prophet´, heute in der Post-NWoBHM-Szene als düsteres, episches Meisterwerk verehrt. Jahrzehnte der Stille folgten, bis das Label „Buried By Time And Dust Records“ 2010 die alten Demos und Singles als begehrtes Vinyl neu auflegte. Im selben Jahr veröffentlichten „High Roller Records“ mit ´Abandon Hope´ eine weitere Zusammenstellung, und dasselbe Label sollte später auch das komplette OMEGA-Erbe einem weltweiten Publikum zugänglich machen. Das Vermächtnis der Band war damit endlich wieder greifbar.
Wenden wir uns der Gegenwart zu. Gitarrist und Sänger Steve Grainger ist übriggeblieben, ganz buchstäblich. Sein Bruder Marc Grainger, der einst am Schlagzeug saß, ist tot. Bassist Dave Robertson ist tot. Aus Respekt vor beiden benennt Steve Grainger das Projekt in APOCALYPSE NWOBHM um, ein Name, der nicht mehr nur eine Band bezeichnet, er steht jetzt für ein persönliches Vermächtnis. Und dann nimmt er ein Album auf, das diesen Titel nicht als Metal-Klischee trägt, sondern als nackte, schmerzhafte Wahrheit. ´Last Man Standing´.
Für dieses Album greift Steve Grainger tief zurück, bis in die Zeit vor APOCALYPSE, als er und sein Bruder gemeinsam in einer Band namens PHAZE spielten. Uralte Riffs, halb vergessene Entwürfe aus den späten Siebzigern, gräbt er wieder aus, nicht aus Nostalgie, sondern um den Geist seines Bruders noch einmal lebendig klingen zu lassen. Neben diesem alten Material stehen brandneue Songs, verbunden durch textliche Anspielungen auf die gesamte APOCALYPSE-Saga.
´Phoenix Rising´ eröffnet mit einer Energie, die man sich von einer Rückkehr erhofft, treibende Twin-Guitar-Riffs im besten britischen Stil, eine Band, die ihre eigene Auferstehung selbst zelebriert. ´You Called The Fight´ bleibt geradliniger, alter Schule verpflichtet, mit eingängigem Rhythmusfundament. ´This Is What It Feels Like´ zeigt Steve Grainger von seiner melodischeren Seite, ohne die gitarrenfokussierte Härte zu verlieren.
Mit ´The Prophet (Redemption)´ schlägt das Album eine Brücke zurück ins Jahr 1985, eine direkte Fortsetzung des alten OMEGA-Albums, mystisch, voller Tempowechsel. ´Vulture Of The Skies´ tritt danach aufs Gaspedal, einer der stärksten Momente der Platte, aggressives Riffing im reinsten Achtziger-Feuer. ´Urban Decay´ bleibt roher, bodenständiger, fängt den Street-Level-Geist der alten NWoBHM-Tage ein.
´The Waning Moon´ öffnet dann die emotionalen Wunden, eine langsame, von akustischen Passagen getragene Ballade, die angesichts des Verlusts von Marc Grainger und Dave Robertson eine Intensität bekommt, die kein Studio-Trick erzeugen könnte. Dann folgt ´The Last Man Standing´ selbst, über neun Minuten lang, halb Donnergrollen und Regen, halb balladeske Zärtlichkeit, bevor der Refrain das Tempo drastisch anzieht und in komplexe Rhythmuswechsel mündet. Zum Schluss holt ´We Are The Chosen´ noch einmal alle Trademarks der Band zurück, stampfender Rhythmus, ein Mitsing-Refrain, ein triumphales Statement dafür, dass diese Geschichte weiterlebt.
Über 66 Minuten Spielzeit verteilt sich das Ganze auf einen Spagat zwischen schnellen Old-School-Krachern und episch ausufernden Longtracks, und wer sich auf die Länge einlässt, verliert dabei nie das Interesse. Der Sound bleibt roh und erdig, wie aus den frühen Achtzigern, ohne dabei je altbacken zu klingen.
´Last Man Standing´ ist in der Tat ein Denkmal, gebaut von einem Mann, der alle verloren hat, mit denen er einst angefangen hat, und der trotzdem weiterspielt. Erschienen über „High Roller Records“, schließt sich im September 2026 ein Kreis, der 1980 in London begann und heute lauter klingt als je zuvor.
(8 Punkte)
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