MeilensteineVergessene Juwelen

DOLLY PARTON – Coat Of Many Colors

1971/2016 (Music On Vinyl) - Stil: Country

Ein Kind rennt zur Schule, in einem Mantel aus Stofffetzen, die die eigene Mutter zusammengenäht hat, und wird dafür verspottet. Über fünfzig Jahre später ist aus diesem Mantel eine der bewegendsten Songgeschichten der Country-Musik geworden, und aus dem Kind darin die größte Stimme, die Nashville je hervorgebracht hat. Am 25. August 2026 ist Dolly Rebecca Parton Dean im Alter von 80 Jahren gestorben. Sie hinterlässt über 100 Millionen verkaufte Tonträger, elf Grammys und einen festen Platz in der „Rock and Roll Hall of Fame“. Wer ihr Lebenswerk jetzt würdigen will, kommt an einem Album nicht vorbei: ´Coat Of Many Colors´ aus dem Jahre 1971, dessen Titelsong sie selbst zeitlebens als ihren liebsten eigenen Song bezeichnete.

Was Dolly Parton so besonders machte, war diese seltene Mischung aus Talent, Geschäftssinn und Empathie. Ein Talent, das jede Bühne füllte, ein Geschäftssinn, der aus einer Sängerin ein Imperium baute, und mitten in alldem ein Einfühlungsvermögen, das nie aufgesetzt wirkte. Sieben Jahrzehnte lang war sie da, und sie blieb dabei erstaunlich nah an den Menschen, die sie hörten.

´Coat Of Many Colors´ ist ihr achtes Studioalbum, am 4. Oktober 1971 bei „RCA Victor“ erschienen, produziert von Bob Ferguson, aufgenommen in den RCAs Studios „Nashville Sound“. Es war, neben ´The Golden Streets Of Glory´ und ´Joshua´, eines von drei Alben, die Dolly Parton allein in diesem einen Jahr veröffentlichte, ihr produktivstes überhaupt.

Der Titelsong erzählt, wie ihre Mutter Avie Lee aus Flicken, die der Familie gespendet wurden, einen Mantel nähte und dem Kind dabei die biblische Geschichte von Joseph und seinem bunten Rock erzählte. Das Mädchen rannte stolz damit zur Schule, mit Flicken auf der Hose und Löchern in beiden Schuhen, nur um dort ausgelacht zu werden. Auf dem Cover der Platte sieht man deshalb auch kein Studiofoto, sondern ein gemaltes Porträt, ein lächelndes Kind mit kurzem Haar in dieser bunten Patchwork-Jacke, gemalt nach einem echten Schulfoto aus Dolly Partons eigener Kindheit.

Wie der Titelsong entstand, ist eine der schönsten Anekdoten der Nashville-Geschichte. 1969 war Dolly Parton mit ihrem Mentor und Duettpartner Porter Wagoner auf Tournee, der für seine bis ins Absurde teuren, mit Strasssteinen besetzten Maßanzüge berühmt war. Als ihr die Zeilen einfielen, hatte sie kein Papier zur Hand, also griff sie nach einem Zettel von der chemischen Reinigung, der an einem dieser Luxusanzüge hing, und schrieb eine Hymne über bitterste Armut auf dieses eine Stück Papier, das an einem der teuersten Kleidungsstücke der damaligen Musikwelt hing. Jahre später ließ Porter Wagoner es rahmen.

Für den Song erhielt sie ihren allerersten Tantiemen-Scheck, exakt 1,02 US-Dollar, und obwohl sie damals jeden Cent gebraucht hätte, weigerte sie sich, ihn je einzulösen. Sie bewahrte ihn bis zu ihrem Tod auf. Als das Lied Jahre später ein Charterfolg wurde und richtig Geld einbrachte, fuhr sie zu ihrer Mutter und wollte ihr zum Dank einen Nerzmantel kaufen. Avie Lee lachte nur, was solle sie in den Bergen mit einem Nerzmantel, sie solle ihr lieber gleich das Bargeld geben, es gab schließlich noch ein ganzes Haus voller Kinder zu versorgen.

Musikalisch ist das Album ein leiser Befreiungsschlag. Sieben der zehn Songs schrieb Dolly Parton komplett allein, in einer Zeit, in der die Öffentlichkeit sie vor allem als die hübsche Partnerin an Porter Wagoners Seite wahrnahm.

Der Titelsong selbst ist ein behutsam gezupfter Country-Folk, der fast ausschließlich von ihrer glasklaren Stimme lebt, Steel-Guitar und Rhythmusgruppe treten bewusst zurück. ´Traveling Man´ ist dagegen treibender Upbeat-Honky-Tonk mit Augenzwinkern über eine junge Frau, die mit einem reisenden Handelsvertreter durchbrennen will, nur um festzustellen, dass ihre eigene Mutter ihr den Mann längst ausgespannt hat. Bei ´My Blue Tears´ stehen Gitarre und eine weinende Banjo-Melodie im Vordergrund, während ihre Stimme so rein klingt wie sonst selten. Die beiden Wagoner-Kompositionen ´If I Lose My Mind´ und ´The Mystery Of The Mystery´ bringen eine enorme thematische Bandbreite von psychischem Trauma bis hin zu blindem Gottvertrauen ins Spiel, ohne den roten Faden zu verlieren.

Auf der zweiten Seite geht es weiter mit klassischem Honky-Tonk in ´She Never Met A Man (She Didn’t Like)´, mit dem beinahe schwebenden, naturmystischen ´Early Morning Breeze´, mit ruhiger Lebensweisheit in ´The Way I See You´, mit schwelgerischem Southern-Soul in ´Here I Am´ und schließlich mit sonnigem Optimismus in ´A Better Place To Live´. Getragen wird das alles von echten Nashville-Legenden im Hintergrund, gleich drei Fiddlern, Johnny Gimble, Mack Magaha und Buddy Spicher, dazu Pete Drake an der Steel-Guitar und Buck Trent, der dem Album mit seinem elektrischen Banjo eine ganz eigene Klangfarbe gibt.

Nach dem Tod ihrer Mutter wurde ausgerechnet dieses Album für Dolly Parton zur emotionalen Zerreißprobe. Wenn sie den Titelsong live sang, brach sie regelmäßig auf der Bühne in Tränen aus, die Erinnerung an die eigene Kindheit und an die Frau, die diesen Mantel wirklich genäht hatte, war ihr über Jahre schlicht zu schmerzhaft. Sie strich den Song und weite Teile des Albums komplett aus ihren Konzerten, bis sie irgendwann den Frieden fand, ihn wieder zu singen, jetzt als süße Erinnerung statt als offene Wunde.

Viele dieser Songs blieben nicht auf dieser einen Platte. ´Traveling Man´ nahm Dolly Parton 1973 für ´Bubbling Over´ noch einmal auf, ´Early Morning Breeze´ ein Jahr später für ´Jolene´, poppiger und glatter als das raue, intime Original von 1971. ´Here I Am´ sang sie 2018 als Duett mit Sia für den Soundtrack von ´Dumplin’´. Am weitesten reiste ´My Blue Tears´, 1978 nahm sie den Song gemeinsam mit Emmylou Harris und Linda Ronstadt auf. Das Ergebnis tauchte erst 1982 auf Ronstadts Album ´Get Closer´ und Jahre später auf der umfassenden ´Complete Trio Collection´ der drei Frauen auf.

´Coat Of Many Colors´ wurde für den „CMA Award“ als Album des Jahres 1972 nominiert und schaffte es später sowohl auf eine der einflussreichsten Bestenlisten der 500 größten Alben aller Zeiten als auch auf eine Liste der 100 größten Alben überhaupt. 2015 machte der Sender „NBC“ aus der Geschichte des Titelsongs sogar einen eigenen Fernsehfilm, der zeigt, wie die Liebe dieser Familie selbst die härtesten Schicksalsschläge überstand.

Wer die Platte jetzt, im Angedenken an eine der größten Stimmen Amerikas, wieder auf den Teller legen will, muss dafür kein Vermögen ausgeben. „Music On Vinyl“ hat das Album auf schwerem 180g-Vinyl aufgelegt. Kein reiner Analog-Schnitt wie bei der teuren „Vinyl-Me-Please“-Ausgabe, aber ein präziser, digitaler Transfer, der die leisen Folk-Passagen ohne Knistern durchlässt, dazu ein stabiles Heavyweight-Cover, auf dem das gemalte Kindheitsporträt so farbintensiv wirkt wie nie. Für nicht allzu viele Euro bekommt man damit die vernünftigste Art, dieser Platte zu lauschen.

Ein Kind im Mantel aus Flicken wurde zur größten Stimme des Country. Dolly Parton ist gegangen, der Mantel bleibt, in jeder Naht ein Stück von ihr.

Klassiker.

https://www.facebook.com/DollyParton/

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