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TELEGRAPH – Topography Of Mind

2026 (Independent/Just For Kicks Music) - Stil: Prog Rock

Ein Satz des hebräischen Dichters Schaul Tschernichowski („האדם אינו אלא תבנית נוף מולדתו“ – ש. טשרניחובסקי) schmückt das Booklet von TELEGRAPHs zweitem Album, der Mensch sei nichts als die Form der Landschaft seiner Heimat. TELEGRAPH aus Israel haben sich diese Zeile bewusst ausgesucht, und wer ´Topography Of Mind´ einmal durchhört, versteht sofort, warum sie ausgerechnet dort steht. Innere und äußere Landschaft verschmelzen hier zu einem einzigen Klangbild, und man muss den Dichter nicht kennen, um zu spüren, wie viel Wahrheit in diesem einen Satz steckt.

Acht Jahre ist es her, dass das Quartett mit seinem Debüt ´Mir´ für Aufsehen sorgte, danach wurde es lange, fast beängstigend still um die Band. Manche Fans fürchteten schon eine stille Auflösung, tatsächlich feilte man in aller Ruhe an neuem Material, ohne sich von irgendjemandem drängen zu lassen. Aufgenommen wurde das Ergebnis schließlich im März 2024 in den „Shalter Studios“, doch bis es im Februar 2026 digital das Licht der Welt erblickte, vergingen noch einmal fast zwei weitere Jahre. Aktuell folgt die physische CD über „Just For Kicks Music“, ein Erscheinungsrhythmus, der selbst für Progressive Rock-Verhältnisse gemächlich ausfällt.

Die Besetzung ist seit dem Debüt unverändert, Tal Rubinstein an Gitarre und Background-Gesang, Eze Sakson an Keyboards, Synthesizer, Hammond-Orgel und Mellotron, Liran Herrnstadt an Bass und Leadgesang, Avi Barak an Schlagzeug und Flöte, dazu Gastmusikerin Salit Lahav an der zweiten Flöte. Aufgenommen, gemischt und gemastert wurde das Album von Itai Zichri, der auch die künstlerische Leitung übernahm, unterstützt von Lenny Ben Basat, das Cover-Gemälde stammt von Michael Druks.

Vier Songs, alle zwischen zehn und zwölf Minuten lang, addieren sich auf gut fünfundvierzig Minuten Spielzeit, eine Zahl, die man auf den ersten Blick für Zufall halten könnte. Ist sie aber nicht. Vier Longtracks, vier Vinylseiten, TELEGRAPH bauen hier bewusst die klassische Doppel-LP-Architektur der Siebzigerjahre nach, ein Track pro Seite, obwohl das Album zunächst rein digital erschien. Konzeptionell lehnt sich der Titel an Sigmund Freuds topografisches Modell der menschlichen Psyche an, Bewusstes, Vorbewusstes, Unbewusstes, drei Schichten, durch die sich die vier Stücke wie durch geologische Sedimente hindurchgraben.

Passend dazu wurde der Sound so gemischt, dass er fast hypnotisch, fast beruhigend wirkt, Musiktherapie im Gewand des Progressive Rock. Gesungen wird kaum, und wenn, dann kaum als Botschaft. Liran Herrnstadt und Tal Rubinstein stehen zwar als Sänger im Booklet, tatsächlich ist ihre Stimme nur ein weiteres Klanginstrument im Hintergrund, mal wie ferner Nebel, mal wie ein kaum greifbares Echo, ungefähr so reduziert eingesetzt wie einst Greg Lake bei frühen KING CRIMSON-Aufnahmen, wo die Stimme Farbe gab, aber nie die Regie übernahm.

´Topography Of Mind´, der Titeltrack, beginnt mit einer singenden E-Gitarre, die unverkennbar in der Tradition von Andy Latimer und CAMEL steht, darüber schweben Mellotron-Teppiche und analoge Synthesizer-Flächen, während sich ein zentrales Motiv einnistet, das später im Album in immer neuen Gewändern zurückkehren wird. ´Field Of Fade Memory´ ist das verträumteste Stück der Platte, Salit Lahavs Flöte rückt ins Zentrum und verleiht dem Ganzen eine pastorale Note, wie man sie von frühen GENESIS oder JETHRO TULL kennt, bevor der Mittelteil in psychedelische, fast schwerelose Sphären wechselt. Die Orgel schiebt sich sacht dazwischen, ein wandernder Bass hält den Boden unter den Füßen, und die Keyboards erzeugen einen hypnotischen Sog.

´Valley Of Delirium´ beginnt zurückhaltend, akustische Gitarrenakkorde, fast folkig intim, getragen von Flötenlinien, die die Ruhe eher vertiefen als aufzubrechen, bevor sich der Song zu einem epischen, Floyd-artigen Gebilde auftürmt. Gegen Ende steigert sich alles in ein langes Gitarrensolo. Im Finale, ´Somewhere Along These Lines´, erinnert die Stimmung in ihren intensivsten Momenten an die bedrohliche Schwere von ´Careful With That Axe, Eugene´, Orgel und Synthesizer klingen rauer, das Schlagzeug drückt kraftvoller, bevor sich alles noch einmal in warmen, harmonischen Keyboard-Flächen auflöst und die Platte friedlich ausklingt, fast so, als hätte man den ganzen Weg durch Freuds Seelenschichten am Ende doch versöhnt zurückgelegt.

Interessant wird es, wenn man ´Topography Of Mind´ einmal aus der Zeit herausnimmt und gedanklich zurückversetzt. Wäre dieses Album 1975 erschienen, im selben Jahr wie PINK FLOYDs ´Wish You Were Here´ und CAMELs ´The Snow Goose´, hätte es vermutlich mühelos in den Charts neben den großen Namen gestanden, vier Elf-Minuten-Tracks waren damals schließlich Standard für ein Konzeptalbum, perfekt aufgeteilt auf zwei LP-Seiten. Die Musikpresse jener Zeit hätte die handwerkliche Eleganz und die Flötenparts sicher gelobt, das Ganze aber vermutlich als zu nah an den eigenen Vorbildern abgetan, zu wenig eigene Handschrift, zu viel ehrfürchtiges Zitat, ein Klassiker der zweiten Reihe, irgendwo zwischen ELOY und BARCLAY JAMES HARVEST. Heute, 2026, kehrt sich dieses Urteil beinahe vollständig um. Was 1975 als bloße Innovationsverweigerung gegolten hätte, gilt heute als Gütesiegel, als Beweis für hörbares Handwerk in einer Zeit, in der vieles nur noch am Bildschirm zusammengesetzt wird. Vier unkommerzielle Longtracks, ohne Rücksicht auf kurze Aufmerksamkeitsspannen, wirken heute geradezu mutig, eine Platte, die sich dem Tempo dieser Zeit einfach verweigert. Und was damals vielleicht als fehlendes Konzept durchgegangen wäre, wirkt heute entschleunigend, fast wie eine Wohltat für überreizte Ohren.

TELEGRAPH liefern eine handgespielte, analoge Oase der Ruhe, gebaut aus den Bausteinen der Siebzigerjahre, aber ohne jeden Staub der Geschichte. Wer für fünfundvierzig Minuten aus der Reizüberflutung dieses Jahrhunderts aussteigen will, findet hier eine der schönsten Fluchten, die der Progressive Rock in letzter Zeit gebaut hat, ein Nischenschatz zwar, aber einer, der jede Minute Aufmerksamkeit verdient. Der Mensch, schrieb Tschernichowski, sei nichts als die Form seiner Heimatlandschaft. ´Topography Of Mind´ ist die Landkarte dazu, fein gezeichnet, in warmen Analogfarben, und man verirrt sich gerne in ihr.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/Telegraph.theband/
https://telegraphband.bandcamp.com/album/topography-of-mind
https://www.justforkicks.de/shop/progressive/topography-of-mind-cd

 

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