
RICH HALLEY 4 – A Distant Land
2026 (Pine Eagle Records) - Stil: Jazz
Die ersten Takte von ´Mismatch´ verweigern sich jeder Gemütlichkeit, Saxofon und Posaune stolpern bewusst aufeinander zu, bevor sich alles in treibenden Swing auflöst. RICH HALLEY 4 machen von der ersten Sekunde an klar, hier wird nichts hübsch verpackt serviert, hier musst du mitgehen.
Pianoloses Quartett, zwei Bläser, Bass, Schlagzeug, das ist die klassische Formation, die Ornette Coleman in den späten Fünfzigerjahren salonfähig machte, und Rich Halley bewegt sich seit Jahrzehnten selbstbewusst in dieser Tradition. Sein Tenorsaxofon hat die Kraft eines Sonny Rollins, die dunkle Wärme eines Dexter Gordon, aber sein Auftreten ist ureigen, ohne dabei je unzugänglich zu werden. Wer keine Angst vor rauen, unbequemen Momenten hat, findet hier einen der ehrlichsten Vertreter des zeitgenössischen Free Jazz.
Acht Alben lang hat sich diese Band ein fast blindes Verständnis füreinander erarbeitet, doch auf ´A Distant Land´ klingt das Zusammenspiel noch einmal freier als zuvor. Mit Andrew Jones am Bass, der den langjährigen Bassisten Clyde Reed ablöst, bekommt die Rhythmusgruppe eine elastischere, polyrhythmischere Note. Carson Halley am Schlagzeug, Rich Halleys eigener Sohn, hält dabei nicht nur stur den Groove, er reagiert und verändert. Wo frühere Alben oft dem klassischen Muster Thema, Solo, Thema folgten, verschwimmen die Grenzen hier zu einem fließenden Dialog.
´Mismatch´ eröffnet mit einem bewusst schrägen, asynchronen Thema zwischen Saxofon und Posaune, bevor die Soli in hochenergetischen Swing kippen. ´Crossways Logic´ beginnt als gemeinsames Kopfthema und verwandelt sich während der Solo-Abfolge fast in einen anderen Song, Carson Halley und Andrew Jones weben ein komplexes rhythmisches Netz, das ständig zwischen freier Improvisation und straffer Struktur hin und her springt.
Das Titelstück ´A Distant Land´ ist ein emotionaler Ankerpunkt der Platte, fast melancholisch, mit einem rauen, zutiefst gefühlvollen Tenorsolo, das eine weite und einsame Landschaft heraufbeschwört. ´Message From Maputo´, benannt nach der Hauptstadt von Mosambik, baut auf einem hypnotischen Bass-Riff auf und lässt Michael Vlatkovichs Posaune afrokubanisch eingefärbt und ungewöhnlich expressiv erklingen.
´The Edge Of Sunrise´, eine der drei völlig unvorbereiteten Improvisationen des Albums, tastet sich ohne festes Thema voran und fängt die stille, fast mystische Stimmung kurz vor dem Morgengrauen ein. ´Subterfuge´ jagt in direkter Coleman-Tradition durch wendige Linien, täuscht Richtungswechsel an und lässt beide Bläser perfekt ohne jede Akkordstütze harmonieren.
Mit ´South Of South´ zeigt die Band ihre humorvollste Seite, aus freier Improvisation wandelt das Stück unvermittelt in einen ansteckenden Calypso-Groove, Saxofon und Posaune liefern sich ein spritziges, fast tänzerisches Wortgefecht. Den Abschluss bildet ´Harnessing The Churn´, ein wildes Klangchaos, das die Band im nächsten Moment meisterhaft bändigt und in kollektive Energie umleitet, ein kraftvoller Schlusspunkt.
Rich Halley ist weit mehr als nur ein Saxofonist. Ausgebildeter Feldbiologe, seit Jahrzehnten Organisator und Fürsprecher für Musik jenseits kommerzieller Erwartungen, Mitbegründer der „Creative Music Guild“ in Oregon, eng verbunden mit dem „Penofin Jazz Festival“. Seine eigene Faszination für die Natur und ausgedehnte Reisen durch entlegene Regionen prägen seine Musik weniger durch plumpe Vogelgezwitscher-Metaphern als durch eine grundsätzliche Einstellung, ein Gespür dafür, dass Ordnung und Zufall sich in guten Systemen ständig gegenseitig beeinflussen dürfen. Seit 2010 betreibt er mit „Pine Eagle Records“ sein eigenes Label, ´A Distant Land´ ist bereits das achte Album unter dem Namen RICH HALLEY 4, nach Platten wie dem 2024er ´Dusk And Dawn´ konsequent in derselben schlanken Besetzung eingespielt.
Im Vergleich zu früheren RICH HALLEY 4-Alben wirkt ´A Distant Land´ reifer und spielerisch offener. Das Album ist tief in der Free-Jazz-Tradition verwurzelt und fühlt sich trotzdem keine Sekunde rückwärtsgewandt an. ´A Distant Land´ verspricht keine bequeme Reise und hält dieses Versprechen auch konsequent ein. Am Ende bleibt das seltene Gefühl, einer Band zuzuhören, die nach acht Alben immer noch nicht weiß, wohin die Reise als Nächstes führt, und eben das macht sie so aufregend.
(8,5 Punkte)
https://www.richhalley.com/
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https://richhalley.bandcamp.com/album/a-distant-land



